Herkulessaal München: Arienabend mit Olga Peretyatko

Noch weit mehr als klassische Liederabende gleichen solche Recitals oder Arienkonzerte der Begegnung eines Gesangspriesters oder einer –priesterin mit der eigenen (Fan)gemeinde. Bei solchen Gelegenheiten sind der Name und die Persönlichkeit tatsächlich Programm, das Publikum strömt herbei, den verehrten Star und Liebling einen Abend lang „pur“ zu genießen, ohne Belästigung durch womöglich inadäquate Partner, eigensinnige Dirigenten oder gar – igittigitt! – durch irgendwie moderne Inszenierungen. Man weiß im Regelfall, was man bekommt und Enttäuschungen sind ziemlich sicher ausgeschlossen; es sei denn, der Star ist lustlos, indisponiert oder sagt ab. Oder, auch das kommt vor, so ein Abend entpuppt sich als Mogelpackung, bei der Diva bzw. Divo nur in homöopathischer Dosis auftreten, drei oder vier Gestanzeln zum Besten geben und man ansonsten für teures Geld den Bemühungen irgendwelcher desinteressierter Zweit- oder Drittliga-Kombos lauschen muss… Hat es ja alles schon gegeben.

Davon konnte an diesem Abend im Herkulessaal der Residenz wahrlich keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Das Gastspiel von Olga Peretyatko bot nicht nur Gesangskunst auf allerhöchstem Niveau, sondern mit neun ausgewachsenen Arien plus vier Zugaben (!) auch einen äußerst ausgefüllten Arbeitstag der Künstlerin. Ein Abend, der schon zu großen Erwartungen berechtigt hatte und diese am Ende des Tages sogar nochmals überbot. Man scheut sich, wenn es um Olga Peretyatko geht, noch Begriffe wie „Shooting Star“ oder „Aufgehender Stern“ zu verwenden, denn zum einen ist sie längst da und zum anderen werden solche Attribute ihr nur bedingt gerecht. Die Sopranistin ist, und das machte dieser Abend einmal mehr deutlich, viel mehr als das, eine nicht nur äußerst attraktive und hochmusikalische, sondern auch eine sehr reflektierte und vor allem stilistisch ungemein wandlungsfähige Künstlerin; in einem solchen Rahmen die musikalischen Charakteristika vieler verschiedener Komponisten so klar herauszuarbeiten und zu kontrastieren, das ist schon hohe Schule. Natürlich gierte ein Großteil des Publikums in erster Linie nach der ganz großen Show, nach dem vokalen Drahtseilakt und dem Feuerwerk der Koloraturen, Triller, Skalenläufe und Spitzentöne, nach Nerven- und Sinnenkitzel, nach Virtuosität und Höhenrausch. Und er wurde bestens bedient, angesichts der spektakulären Brillanz des Vortrages konnte man schon gebannt den Atem anhalten. Und trotzdem: die eigentliche Sensation waren eben nicht die Bravourakte, sondern die Momente der Kontemplation und der lyrischen Innenschau, die innige Kantilene. Hier vermag Peretyatko die eigentlichen emotionalen Brennpunkte zu setzen, gewinnt sie Ausdruck und Basis für ihre Koloraturfeuerwerke, etwa in den fragil schwebenden Phrasen von Annas zweiter Arie aus Don Giovanni oder im Cantabile der Elvira aus Bellinis Puritani. Gerade Bellinis melancholisch-sinnlicher Vokalzauber ist ihr geradewegs in die Stimme gelegt; fast, als hätte der Maestro sie vorausgeahnt.

Peretyatko HSPures Sängerglück: Olga Peretyatko in München (Foto: Dietmar Scholz)

Inhaltlich war das Programm größtenteils der aktuellen CD „Arabesque“ (siehe Archiv September 2013) entnommen, ergänzt durch „Bel raggio lusinghier“ aus Semiramide und Raritäten wie Marfas große Arie aus der Zarenbraut oder „E d’Imene intorno all’ara“ aus Rossinis Kantate Le nozze di Teti e di Peleo; letzteres übrigens ein lupenreine Selbstzitat der Finalarie aus La Cenerentola, nur natürlich in einer anderen Tonart und mit ganz anderem Text. Dass aber auch die obligatorische orchestrale „Füllmasse“ keine trockene Pflichtübung blieb, war der engagierten Leistung der Münchner Symphoniker unter der Leitung von Ola Rudner zu verdanken. Sicherlich kein Spitzenorchester, es wird gerne mal etwas sehr al fresco gespielt und im Eifer des Gefechtes fallen mal ein paar Noten unters Pult, aber die geradezu überschäumende Musizierfreude macht das durchaus wett; Dirigent und Orchester warfen sich richtig rein, volle Kraft voraus und verströmten echt italienischen Banda-Charme. So ähnlich werden Gioachino und Giuseppe es damals auch gehört haben, auf den Marktplätzen und in den Stadttheatern von Pesaro und Busseto. Auch im Zusammenspiel mit der Solistin boten Rudner und die Seinen mehr als tranig-routinierte Divenbegleitung; ein spritziges Miteinander, das allen Beteiligten sicht- und hörbar Spaß machte. Der übertrug sich schließlich auch auf das Publikum im nicht gerade dicht besetzten Saal. Olga Peretyatko gibt nicht die Diva, nervt aber auch nicht mit aufgesetzter Girlie-Attitüde, sie ist einfach sie selbst, natürlich, charmant und authentisch. Und so darf sich jeder Zuhörer persönlich angesprochen fühlen: auch das eine Qualität, die nicht jedem Opernstar gegeben ist.

Unter den – wie erwähnt – vier Zugaben befand sich auch Laurettas Liebeserklärung „O mio babbino caro“ aus Puccinis Gianni Schicchi, spätestens durch James Ivorys Edelschmonzette Zimmer mit Aussicht als Soundtrack für die italienischen Momente des Lebens etabliert. Peretyatko singt diesen Ohrwurm mit solch blühendem Melos und sinnlichem Schmelz, dass man sofort die Koffer packen möchte… Andiamo a Firenze! Subito!

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