Philharmonie im Gasteig: Kölner Kammerorchester/ Christoph Poppen – 27.1.2014

Auch in der Musikwelt macht Wiedersehen bekanntlich Freude. Vor allem wenn es sich um einen Künstler wie Christoph Poppen handelt, der uns in seiner Zeit als Chefdirigent und Leiter des Münchner Kammerorchesters so viele spannende und inspirierte Abende beschert hat. Dynamische Interpretationen der Klassiker gehörten ebenso zum Repertoire wie neue und neueste Musik, innovative Konzertformate und immer wieder Solisten auf dem Sprung zur großen Karriere. Vor allem aber stand die Kombination Christoph Poppen und MKO immer für einen unverwechselbaren Klang von federnder Eleganz, Spritzigkeit und Durchhörbarkeit. Nach diversen internationalen Gastspielen ist Poppen seit Saisonbeginn Principal Guest Conductor des Kölner Kammerorchesters und in ebenjener Funktion kehrte er nun nach München zurück, um mit seiner neuen Truppe die fällige Party zum, eher unrunden, 253. Geburtstag Mozarts auszurichten. Leider hatte man dieses Fest für Mozart nicht in einen der stimmungsvollen, intimeren Säle der Landeshauptstadt gebucht, sondern ausgerechnet in den Ziegelklotz am Isarhochufer, den Kulturbunker am Gasteig. Als Geschenke hatten die Gäste aus dem Rheinland vier sehr unterschiedliche Werke aus verschiedenen Schaffensperioden des wahnwitzigen Wunderknaben mitgebracht.

Die genannten Klangvorstellungen und –ideale stehen hörbar auch im Zentrum von Poppens Arbeit an neuer Wirkungsstätte und das Bestreben, das KKO auf ebenjene Musizierweise einzuschwören, ist evident. Auch an diesem Abend überzeugte Poppen, dem jegliche Maestro-Attitüde ebenso wesensfremd ist wie interpretatorische Eitelkeit, mit ansteckender Musizierfreude und Lust am orchestralen Farbenspiel. Die künstlerische Prägung Poppens durch das Quartettspiel und die Arbeit in diversen Kammermusikensembles zeigt sich auch in seiner Dirigierweise, die stark auf musikalischen Dialog, auf gegenseitiges Hören und Kommunizieren, auf Detailarbeit und Ensemblegeist ausgerichtet ist. Genau das erwies sich an diesem Abend allerdings auch als Problem, da ein solcher Ansatz eine starke Verbundenheit und Eingespielt-Sein voraussetzt, wie sie nach so kurzer Zeit noch nicht gegeben sein können. Hier passt hörbar noch längst nicht alles; mancher Impuls vom Pult geht ins Leere, bei schnelleren Tempi gibt es noch Abstimmungsprobleme und der Orchesterklang wirkt generell flacher und matter als man das von den Münchner Kollegen im Ohr hat. Die überaus heikle Gasteig-Akustik tut noch ein Übriges. Hier befinden sich Dirigent und Orchester sicherlich noch in der Findungsphase.

Besonders deutlich wurde dies ausgerechnet in den Eckwerken des langen Programms. Die einleitende Sinfonia concertante in Es-Dur für Violine und Viola, leider nur selten zu hören und eines der interessantesten Werke des früheren Mozart, litt am meisten unter besagten Abstimmungsproblemen. Konzertmeister Raphael Christ gab den Violinpart mit expressivem Körpereinsatz und musikantischem Temperament, allerdings auch mit eher schmalem und wenig raumgreifendem Ton, Wolfram Christ, langjähriger erster Bratscher der Berliner Philharmoniker, bot seinen weitaus weniger dankbaren Part mit stoischer Routine. Den Abschluss bildete die D-Dur-Sinfonie KV 504, auch als die  Prager Sinfonie bekannt. Hier zeigte sich das Orchester spielerisch auf der Höhe und sehr viel präziser im Zusammenspiel und servierte die zahlreichen motivisch-harmonischen Anspielungen an den Don Giovanni mit spürbarem Spaß an der Freud. Doch auch hier wirkte der Spielfluß nicht immer ungehemmt, manches Detail blieb etwas zu pauschal und mancher Übergang auf Nummer sicher gespielt.  Zuvor hatten sich Dirigent und Orchester im Klavierkonzert in d-moll KV 466 in erster Linie auf eine klangschöne, einschmeichelnde Begleitung des Solisten konzentriert. Der junge Amerikaner Ben Kim, im Auftreten ein Mini-Lang Lang, agierte technisch souverän, blieb gestalterisch jedoch einiges schuldig, sein Vortrag wirkte zumeist mechanisch und wenig flexibel, beinahe spieldosenhaft. Da ist für die Zukunft noch einiges an Potenzial drin.

KKO PoppenFoto: Kölner Kammerorchester

Dann allerdings gab es noch die knappe halbe Stunde vor der Pause. Und da hob der Abend mit einem Mal ab und man hörte sozusagen ein Konzert im Konzert; das Klarinettenkonzert nämlich, die Nummer 622 bei Herrn von Köchel. In dem Moment, wo Sharon Kam das Podium betritt und zu spielen beginnt, passiert genau das, weswegen man ins Konzert geht: Musik beginnt zu leben, sich zu emanzipieren von technischen Vorgaben.  Von Gidon Kremer stammt das schöne Bonmot, wonach ein Musiker nur dann faszinierend sei, wenn man nach zehn Sekunden vergessen hat, welches Instrument er spielt… So ähnlich verhielt es sich hier, Kams Spiel verströmt puren Ausdruck, die seelische Essenz der Musik, ihren unmittelbaren emotionalen Kern. Der Ton ist von balsamischer Weichheit und doch präzise strukturiert, fasslich und träumerisch zugleich, von fast irrealer Schönheit und Sanglichkeit. Plötzlich ist alles da: das Zusammenspiel, die Impulse, die Energien; schon in Sachen Körperhaltung und –spannung der Musiker ein himmelweiter Unterschied. Natürlich spielt Kam auf einem modernen Nachbau der zu Mozarts Zeit üblichen Bassettklarinette, deren erweiterter Tonumfang und weichere Klangfarbe dem Werk gerechter wird als die später gebräuchliche A-Klarinette; eine Besetzung übrigens, die auch von Originalklang-Papst Nikolaus Harnoncourt praktiziert wird. Diese 26 Minuten hatten das Kommen alleine schon gelohnt und zeigten, wohin für Christoph Poppen und das Kölner Kammerorchester die gemeinsame Reise gehen kann und sicherlich auch wird. Es wäre schön, wenn diese auch in Zukunft regelmäßig nach München führen würde!

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