Carl Orff-Zentrum München: Liederabend Cornelia Lanz/ Stefan Laux – 31.1.2014

Bei einem Stichwort wie „Süddeutsche Schubertgesellschaft“ setzt sicherlich bei manch einem musikalischen Hippster der Klassikradio- und iTunes-Fraktion ein grausiges Kopf-Kino ein, von Hausfrauen mit Häkelhüten und Studienräten im Glenchek-Sakko und festgetackerter Sturmfrisur, von professoraler Besserwisserei und akademischer Besitzstandsverwahrung, resistent gegen jedweden Forschungsfortschritt oder neumodische Aufführungspraxis. Kurz: ein Relikt deutschen Bildungsbürgertums, der Welt der Liedertafeln, irgendwo zwischen Vormärz und dem Männergesangsverein Bad Soden. Das Schöne an Klischees ist ja bekanntlich, dass sie selten komplett falsch sind…! Natürlich kann man die Sache aber auch ganz anders sehen. In der Weise nämlich, dass in solchen Initiativen musikalische und musikwissenschaftliche Basisarbeit betrieben wird, mit hohem Einsatz und wenig Schotter, fernab vom Subventionstheater und Promi-Hype. Zugegeben: ein paar der beschriebenen Gestalten waren schon zugegen an diesem Abend im Münchner Carl Orff-Zentrum. Und ein ganz gewöhnlicher Liederabend war es auch nicht; denn immerhin war dem eigentlichen Konzert noch eine 45minütige Einführung vorgeschaltet, in der die beiden Interpreten des Abends anhand zweier ausgewählter Werke einen spannenden und detaillierten Einblick in das Kommende gaben; dass eine Sängerin nicht nur bereit ist, so kurz vorm Konzert noch Rede und Antwort zu stehen, Kostproben zu liefern und als Schmankerl noch einen kompletten Monolog aus Schillers Jungfrau von Orleons abzufeiern, erlebt man wahrlich nicht alle Tage. Stefan Laux, Frontmann und Leiter der Schubertgesellschaft, übernahm nicht nur die Einführung, sondern auch den Klavierpart. Das war nicht nur die „einfühlsame Begleitung“, von der wir Rezensenten so gerne reden wenn uns nichts anderes einfällt, sondern eine echte musikalische Partnerschaft; er trägt und stützt die Sängerin nicht nur, er drängt und fordert sie auch, sein Spiel ist vital und zupackend und scheut auch die großen Gefühle nicht. Zudem ist Laux das, was unsere Freunde von südlich des Alpenhauptkamms einen uomo navigato nennen, ein erfahrener Vollprofi und Routinier, der das Repertoire drauf hat und der auf professorale und dabei sehr anschauliche Weise musikalische Besonderheiten und Strukturen erläutert. Dabei fallen immer wieder Sätze wie „Wie Sie alle wissen“, „das haben Sie schon gehört“, oder „kennen Sie bestimmt“… Siehe oben. Man ist hier eben unter sich. Im Programm wurde man zudem ermahnt, „die Liedgruppen nicht durch Beifall zu unterbrechen und mit dem Umblättern zu warten, bis Lied und Klavierbegleitung beendet sind“. Aber das würde hier doch keiner machen. Aber gar nie nicht!

Konzert LanzFoto: Fabian Stallknecht

Nun ist der Liedgesang so etwas wie die Königsdisziplin der Klassik, schließlich gilt es, ohne szenische Hilfsmittel, ohne supporting cast oder Orchester das Publikum einen ganzen Abend zu fesseln und nur mittels der eigenen Stimme und Persönlichkeit nicht nur eine, sondern ganz viele unterschiedliche Geschichten zu erzählen. Da haben sich schon große Namen ganz gepflegt sämtliche Zähne dran ausgebissen und sind regelrecht untergegangen… Umso mehr ist der Auftritt von Cornelia Lanz zu würdigen; wie die junge Sängerin dieses sehr lange und anspruchsvolle Programm nicht nur vokal bewundernswert meistert, sondern auch differenziert, intelligent und spannungsvoll gestaltet, verdient höchste Anerkennung, da können sich auch manche prominenten Kollegen eine Scheibe abschneiden. Frauenrollen und Frauengestalten von Schubert und Rossini, so der Titel des Abends, waren also zu erleben. Die symmetrisch aufgebaute Programmfolge beinhaltete in beiden Halbzeiten drei einzelne Schubert-Lieder und einen kleineren Zyklus, die vier Lieder der Mignon im ersten und die drei Gesänge der Ellen nach Walter Scott im zweiten Teil, jeweils mit Rossini am Schluss; die selten gespielte dramatische Solo-Kantate Giovanna d’Arco und den dreiteiligen Mini-Zyklus La regata Veneziana. Ein weiter Bogen also von Ikonen der Weimarer und Wiener Klassik wie Gretchen, Mignon und Jeanne d’Arc bis hin zur frechen Venezianerin Anzoletta, die ihren geliebten Momolo zum Regattasieg jubiliert – immerhin gehörte dieses Stück jahrelang zu den absoluten Chevals de bataille von Cecilia Bartoli und fehlte in keinem ihrer Liederabende. Trauer und Trost, Liebeswahn und –lust, hehre Tragödie und pralles Volksleben; hier war alles geboten. Und Cornelia Lanz findet in diesem Kaleidoskop immer die richtige Farbe, den richtigen Ausdruck: mal zärtlich schimmernd, dann heldisch entschlossen oder leidenschaftlich aufgewühlt, beschwört sie die introvertierte Poesie der Highländerin Ellen ebenso suggestiv wie das lyrische Ich Schuberts und den patriotischen Jubel Johannas – bei so viel strahlendem Viva il Re-Geschmetter gingen auch die letzten königstreuen Bajuwaren vor Begeisterung in Habacht-Stellung. Der Vortrag ist hochmusikalisch, sensibel und kultiviert, die Stimme besitzt ein sinnlich-warmes Timbre von großer Gefühlstiefe, Suggestivkraft und erotischem Fluidum, dabei aber nie säuselnd, sondern stets gut konturiert, jener Metallkern im Samtmantel wie er guten Mezzosopranen eigen ist. Da gibt es auch kein Herantasten oder auf Nummer sicher-Singen, mit ihrer Präsenz, ihrem Charme und ihrer Ausstrahlung „hat“ Cornelia Lanz den Zuhörer von der ersten Note an und lässt ihn nicht mehr los. Der einzige Einwand, den man noch anmelden könnte, betrifft jene seelischen Abgründe, die bei Schubert in manchen Liedern so knietief unter der klassischen Oberfläche lauern, etwa bei Gretchen am Spinnrad oder Die junge Nonne. Da müsste sich im Idealfall noch mehr Verzweiflung, Obsession und psychopathische Zerrüttung einstellen. Dafür kamen alle übrigen Affekte und Seelenbilder umso plastischer, sinnlicher und berührender zur Geltung. Freudvoll und leidvoll, dieser Titel von Schuberts Goethe-Vertonung konnte zusammenfassend über dem gesamten Abend stehen: „Langen und bangen in schwebender Pein/ Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt/ Glücklich allein/ ist die Seele die liebt.“

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