Stadttheater Klagenfurt: “Die Csárdásfürstin” – 1.2.2014

Fürst Leopold Maria und Fürstin Anhilte von und zu Lippert-Weylersheim beehren sich, die Verlobung ihres Sohnes Edwin mit Komtesse Anastasia Eggenberg anzuzeigen … Einmal tief durchatmen bitte. Das steht nicht nur so im Libretto der Csárdásfürstin, es könnte auch heute noch in bestimmten Gesellschaftskreisen kursieren; Lippert-Weylersheim ist überall. Zumindest in Österreich. Ich erwähne es nur, weil es mitten hinein führt in das Dilemma, mit dem sich jeder konfrontiert sieht, der heute eine klassische Operette auf die Bühne bringen will. Im Gegensatz etwa zu den bouffes eines Jacques Offenbach, in denen tagespolitische Sottisen und Anspielungen integraler Bestandteil der Stücke waren, sind die Werke der Strauß-Dynastie, eines Lehár Ferenc oder Kálmán Imre mit ihren Handlungsentwürfen derartig verankert in ihrem ästhetischen, thematischen und weltanschaulichen Kontext, dass sie eigentlich nicht sinnvoll ins Hier und Heute transferierbar sind. Und dieser Kontext ist nun mal reaktionär bis dorthinaus; die aberwitzige Adels-Fixiertheit, das System von Allianzen und Mesalliancen, der Materialismus und Standesdünkel, vom hier breitgetretenen Frauenbild mal ganz zu schweigen. Ironische Brechung und kurzzeitiger Aufmupf kommen zwar sporadisch vor, am Ende wird das herrschende Gesellschaftsbild aber stets restauriert und gefeiert, unter welchen dramaturgischen Volten und Verrenkungen auch immer, irgendeine bislang unbekannte adelige Abstammung wird immer noch aus dem Hut gezaubert und die Logik zurechtgebogen, dass sämtliche Schnitzel aus der Pfanne springen. Als Regisseur hat man hier eigentlich nur zwei Möglichkeiten: nämlich erstens den Anachronismus zuzulassen und 1:1 runter zu inszenieren und dabei geschmacklich noch halbwegs die Form zu wahren oder zweitens einen Subtext zu erfinden und klipp und klar die Inhalte einer solchen Handlung zu benennen. Dass letzteres ziemlich verlässlich Ärger einbringt, liegt auf der Hand; frag nach bei Kupfer, Konwitschny oder Neuenfels.

Fürstin2        Fürstin1 Fotos: Aljosa Rebolj

Der Regisseur der Klagenfurter Neuinszenierung, Tobias Kratzer, hat es dennoch gewagt, sich eigene Gedanken zum Stück zu machen und ein durchaus eigenwilliges Regiekonzept zu erarbeiten. Was erlaubt der sich?! Gab natürlich Ärger, was Wunder bei den vielen kleinen Lippert-Weylersheimern im Publikum… Aber ach, so originell und spannend sich das zunächst vielleicht anhörte, am Ende des Tages ging es nicht auf. Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier erzählen nämlich nicht nur die gegebene Geschichte, sondern stülpen dieser noch eine weitere obendrüber, sozusagen der Csárdásfürstin zweiten Teil. In dieser finden sich die überlebenden Protagonisten – Graf Boni ist in der Zwischenzeit verblichen – als Senioren bei ihren gemeinsamen Freund Feri Bácsi ein, um nochmal Silvester zu feiern und von den alten Zeiten zu erzählen: warum das damals so war und warum sie sich so dämlich benommen haben (weil wir in der Operette sind?!) und wie schließlich alles gut wurde. Sylva und Edwin sind noch zusammen, während die alte Stasi ihren verflossenen Glücksmomenten mit Boni nachtrauert, dessen Tod verdrängt und während des Feuerwerks selbst ihr seliges Ende findet. Will man das alles wirklich wissen? Bringt das irgendeinen geistigen oder inhaltlichen Mehrwert? Eigentlich nicht. Die Handlung trägt diesen angedeutet philosophischen Überbau einfach nicht. Als Rahmenhandlung oder szenische Klammer wäre das vielleicht in Ordnung gewesen, nur leider versucht Kratzer, beide Geschichten simultan zu erzählen und leimt mit Gewalt zusammen, was nicht zusammen passt. So stehen nicht nur die Sänger auf der Bühne, sondern auch ihre, im doppelten Wortsinn, Alter Egos, die sich ständig einmischen und teilweise jeden einzelnen Satz kommentieren. Das nervt mit der Zeit gewaltig, zumal die Senioren auch noch das Fürstenpaar darstellen; ein dramaturgisches Kuddelmuddel erster Ordnung. Vor allem aber verschiebt sich das eh schon problematische (Miss)verhältnis zwischen Dialogen und Musiknummern noch weiter, letztere sind fast nur noch Einlagen und im gesamten dritten Akt kommen die Sänger praktisch nicht mehr vor. Im Musiktheater! Das ist schlicht eine Themenverfehlung, so gut es auch gemeint sein mag. Wenn schon, hätte man das Ergebnis Die Csárdásfürstin – eine Version. Von und nach Emmerich Kálmán nennen müssen. Dessen ungeachtet boten Gudrun Velisek (Sylva), Wolfgang Kraßnitzer (Edwin) und Elfriede Schüsseleder (Stasi) sehr überzeugende und phasenweise durchaus anrührende Rollenporträts der gealterten Protagonisten; mit weniger guten Schauspielern wäre das Unternehmen komplett vor die Wand gefahren.

Noch wesentlich problematischer als die Inszenierung ist allerdings, was Dirigent Günter Wallner mit Kálmáns Partitur veranstaltet. Eigentlich geht man ja davon aus, dass österreichische Orchester dieses Repertoire auch von alleine und praktisch im Schlaf spielen können; allerdings nur, solange niemand tätlichen Widerstand leistet. Wallner tut aber genau das, lässt das Kärntner Sinfonieorchester undifferenziert laut und knallig spielen und nimmt die Musik eher preußisch zackig als kakanisch lässig, hört nicht auf die Sänger und gibt ihnen keinen Millimeter Raum zur Entfaltung, alles ist straff und unflexibel. Dabei lebt ja gerade die Operette von der musikantischen Nonchalance, den selbstbewusst verschlampten Viertelnoten, der charmanten Abweichung. Nicht zu viel von alledem natürlich, aber derart chemisch bereinigt von allem Schmalz und Schmäh verliert die Musik ihren Sinn und das Genre seine Seele.

Eine doppelte Hypothek also für das Sängerensemble, das sich dabei aber staunenswert gut behaupten und sogar einzelne Glanzlichter setzen konnte. Allen voran Stefanie C. Braun in der Primadonnenrolle der titelgebenden Nachtclub-Königin Sylva Varescu; schon ihr erster Auftritt per Flugwerk in schwindelerregender Höhe – Nicole Kidmans Entrée in Luhrmans Moulin Rouge ließ grüßen! – markiert den ersten echten Wow-Effekt des Abends und ihr „Heia, in den Bergen“ zeigt, wo hier in den kommenden gut zwei Stunden gesanglich der Hammer hängt. Braun ist nicht nur die Fürstin des Csárdás, sondern auch der Klangfarben und rockt vom ersten Ton an die Bude, kraftvoll strahlend in der Höhe, sinnlich lockend und mit kristallklarer Diktion, ohne jenen in herkömmlichen Aufführungen so enervierenden gekünstelten Pseudo-Balkan-Akzent in Zeitlupe. Dabei begeistert sie nicht nur in den berühmten Bravournummern, sondern auch in den schwärmerischen, lyrischen Passagen, in denen sie mit schwebender Tongebung beinahe die Zeit stehen lässt und jene doppelbödigen Augenblicke bittersüßer Glücksillusion kreiert, die bei aller unvermeidlichen Sentimentalität doch tiefe Einsichten enthalten und die es in dieser Form wohl wirklich nur in der Operette gibt. In diesem Kosmos ist Stefanie C. Braun das Zentralgestirn, das Zentrum des Abends, eine Figur aus Fleisch und Blut, leidenschaftlich, unbeirrbar und von undomestizierbarer Präsenz. Ist sie Euch zu stark, seid Ihr… Ja, genau! Ein differenziertes Rollenporträt bietet auch Patrick Vogel als Edwin; kein geföhnter Geier mit Schmalztolle und tenoraler Tränendrüse, sondern ein durchaus ernsthafter Adelsspross, dem man den Lebemann weniger abnimmt als den Thronfolger derer von und zu Wie-auch-immer. Auch die Stimme ist deutlich schwerer und dunkler als in diesem Fach gewohnt, spricht aber in allen Lagen tadellos an und entwickelt in der Höhe beachtliche Strahlkraft. Es würde einen nicht wundern, dem Sänger mittelfristig in deutlich dramatischeren Gefilden zu begegnen. Ein eher klassisch besetztes Operettenpaar waren dagegen Marie Smolka (Komtesse Stasi) und Ilker Arcayürek (Graf Boni) mit  frischen und unverbrauchten Stimmen, lyrischem Glanz und sympathisch ungekünstelter Ausstrahlung. Als einzige sieht Smolka übrigens ihrem Altersdouble tatsächlich ähnlich, während bei den anderen beiden da doch eher das Kostüm herhalten muss. Als Verbindungsoffizier zwischen den beiden Zeitebenen der Inszenierung fungiert die offenbar alterslose Figur des Feri Bácsi, prägnant gespielt und gesungen von Jeff Martin.

Wirklich gelungen ist diese Csárdásfürstin leider nicht, aber Stefanie C. Braun sollte man erlebt haben. Zumindest dann, wenn man über das Werk in Zukunft ernsthaft mitreden will.

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