Münchner Philharmoniker: Lorin Maazel dirigiert Verdis “Messa da Requiem” – 6.2.2014

Wir hier in München leben schon auf einer Insel der Seligkeit, das muss man hin und wieder einfach mal so feststellen. So konnten wir nicht nur einmal Verdis grandiose Messa da Requiem live und in Starbesetzung hören, sondern gleich drei Mal innerhalb eines Jahres; alle drei Münchner Spitzenorchester haben dem Maestro nunmehr auf diese Weise gehuldigt. Nach Zubin Mehta mit dem Staatsorchester und Mariss Jansons mit seinem BR-Symphonieorchester war nun zum Abschluss Lorin Maazel mit den Philharmonikern an der Reihe. Ein überaus reizvoller Vergleich auf höchstem Niveau also, da kommt – dem düsteren Sujet des Werkes zum Trotz – Freude auf. Vor allem, da sich die Interpretationen der drei Dirigenten tatsächlich fundamental voneinander unterschieden und jeder ganz eigene Akzente setzte. Nach der lustvoll opernhaft-pompösen Lesart von Mehta und dem lyrisch-introvertierten, sehr innigen und spirituellen Ansatz von Jansons war man nun erst recht gespannt, was Lorin Maazel zu diesem sinfonisch-choralen Schwergewicht zu sagen haben würde.

Leider nicht allzu viel. Unter schlagtechnischen Aspekten gibt es sicher nicht viele Dirigenten, die Maazel etwas vormachen können, da gab es in der A-Note überhaupt nichts zu mäkeln: alles war zusammen, ein harmonisch-geschlossenes Klangbild, ausgewogen, nicht zu kompakt und nicht zu schwer. Die Philharmoniker zeigten sich in allen Gruppen hochkonzentriert und sicher und auch der Philharmonische Chor in der Einstudierung von Andreas Hermann war im donnernden Forte ebenso präsent und homogen wie im mehrfachen pianissimo. Was den Notentext angeht, war dieser durchgehend in großer Genauigkeit und auch Klangschönheit umgesetzt. Wenn man aber davon ausgeht, dass bekanntlich das Wesentliche nicht alleine in den Noten steht, so ließ das Dirigat doch einiges zu wünschen übrig. Sicherlich hatte niemand erwartet, dass Maazel ein sinfonisches Himmel & Hölle-Spektakel und eine affektgesättigte Sakral-Oper abfeiern würde, das entspräche auch so gar nicht seinem Temperament und seinem musical approach. Sein Blick auf die Partitur ist vielmehr sachlich-kühl, beherrscht und von einer gewissen Glätte. So wirkt die Musik eher statisch und wenig dynamisch. Er dirigiert das Requiem nicht, er zelebriert es, mit breiten ausladenden Tempi und getragenem Gestus, wie den Soundtrack zu einem Staatsbegräbnis. Das kann man im Grundsatz natürlich so machen, aber ganz so unpersönlich, so ausdrucksneutral und nüchtern hätte es denn doch nicht sein müssen.

Für die Emotionen waren an diesem Abend ausschließlich die Solisten zuständig. So ist natürlich jeder Abend mit Anja Harteros ein Geschenk. Wir Musikfreunde kennen und lieben nicht umsonst den sogenannten „Anja-Effekt“: mit ihrem ersten Einsatz ist eine neue musikalische Farbe, eine Präsenz und ein Leuchten im Raum, das vorher nicht da war. Stilistisch fügte sie sich ebenso sicher in Maazels strenges Konzept ein wie ihr das zuletzt auch mit der sehr viel theatraleren Lesart von Daniel Barenboim gelungen war. Die Stimme klingt in allen Lagen perfekt fokussiert, luzide, sinnlich und verströmt das gewisse Etwas, das man sonst an diesem Abend eher vermisste. Beinahe ebenso überragend sang Wookyung Kim den Tenorpart  Mit seiner exquisiten Stimmschönheit und Technik bot er eine mustergültige Interpretation und sorgte immer wieder für Gänsehautmomente. Zudem punktete er mit korrekter lateinischer Diktion (!) und zerlegte durch seinen beseelten Vortrag, nicht nur im Ingemisco, alle dummen rassistischen Klischees vom asiatischen Singroboter. Auf seine kommenden Auftritte an der Bayerischen Staatsoper dürfen wir uns schon freuen! Großartig auch der Vortrag von Georg Zeppenfeld, einem der größten Stilisten und Balsamikern unter den heutigen Bassisten. Lediglich Daniela Barcellona konnte in Sachen Volumen und Tragfähigkeit nicht ganz mit den Kollegen mithalten und zeigte bei längeren Notenwerten ein schon bedenkliches Vibrato.

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