Bayerische Staatsoper: “La clemenza di Tito” – 10.2.2014

Mozarts La clemenza di Tito ist eine Oper über die Gnade. Nicht im theologischen oder redensartlichen Sinne, sondern auch und ganz stark im politischen. Entstanden im Sommer 1791 zur Krönung Leopolds II. zum König von Böhmen sollte hier dem künftigen Herrscher – zwar sicherheitshalber nur in allegorischer Form, aber immerhin – aufgestrichen werden, was man als Volk denn so erwartet von der herrschenden Klasse: Klugheit, politische Weitsicht, Milde, Güte und Vergebung. Wenn es weiter nichts ist…! Herausgekommen ist eine Oper, die in ihrer strengen opera seria-Ästhetik mit Rezitativen und Arien schon damals out war und deren Handlung für heutige Geschmäcker, vorsichtig ausgedrückt, schwer vermittelbar ist. Immerhin ist sie wenigstens von Mozart! Die Popularität von dessen frivolen Zofen und Frisören, Erotomanen und gewitzten Dienern, orientalischen Paschas und lustigen Vogelfängern hat der milde Kaiser samt seiner Entourage allerdings nie genossen, die Clemenza ist immer ein Randwerk geblieben, eine Oper für Kenner. Und eben kein Selbstläufer wie die Zauberflöte, den man beim besten Willen nicht leergespielt bekommt; hier müssen Regisseur und Dirigent schon wirklich was zu sagen haben, um die latente Drögheit der Fabel in lebendiges Musiktheater zu übersetzen. Anno 1999 war eben das an der Bayerischen Staatsoper auf beglückende Art und Weise gelungen; an diese Produktion mit Ivor Bolton am Pult in der brillanten und geistreichen Regie von Martin Duncan und einem Ensemble famoser Mozartstimmen erinnerte man sich an diesem Premierenabend lebhaft – und zwar mit extremer Wehmut.

Denn die aktuelle Neuproduktion ist fulminant danebengegangen. Ein Absturz aus der imperialen Chefetage, kopfüber und mit Karacho. Selbst bei wohlwollendster Betrachtung finde ich nichts an der Inszenierung von Jan Bosse, was gelungen oder auch nur im Ansatz überzeugend wäre. Diese Inszenierungsverweigerung steht gleichberechtigt in einer Reihe mit den so grauenhaft vermurksten Produktionen von I Capuleti und Rigoletto; Rampensingen statt Personenführung, Leerlauf statt Interpretation,  Mätzchen statt Ideen und öder Designer-Schnickschnack statt eines Konzeptes. Bühnenbildner Stéphane Laimé hat ein klassizistisches Bühnenrund aufgebaut, in aseptischem Weiß und leicht verfremdet dem Interieur des Nationaltheaters nachempfunden. Toll, das haben wir ja noch nie gesehen. Also, höchstens eine Million Mal… Das Orchester ist fast auf Bühnenniveau hochgefahren und sitzt sozusagen mitten im Geschehen, zum zweiten Akt erscheinen die Musiker erst einige Minuten nach Wiederbeginn, mitten im Rezitativ… da hatte die Sängerin des Annio schon zur Selbsthilfe begriffen und sich ans Cembalo gesetzt. Im zweiten Teil ist das hintere Bühnenrund verschwunden und alle Stufen mit schwarzer Asche bedeckt, Chor und Orchester tragen jetzt schwarz und die monströsen, quietschbunten und betont androgyn geschneiderten Gewänder der Solisten (Kostüme: Victoria Behr) werden nach und nach abgelegt… Was vermutlich heißen soll, dass nach dem Attentat plötzlich aus Kunstfiguren Menschen werden. Tatsächlich? Wird die Handlung danach plausibler? Die Emotionen echter? Wohl kaum. Immerhin, es ist ein Einfall. Der einzige des Abends, aber das macht ihn auch nicht besser. Und akustisch ist die Öffnung des Raumes nach hinten fatal: die ohnehin eher kleinen Stimmen verwehen noch mehr und auch die Balance der Sänger mit dem Orchester gerät unschön in Schieflage. Aber was weiß ein reiner Schauspiel-Regisseur schon von Akustik und von den Mechanismen der Oper? Eben. Ich kenne Bosses Sprechtheater-Inszenierungen nicht, ob die ähnlich nichtssagend und handwerklich schlecht sind, hier zeigte er sich der Aufgabe jedenfalls in keiner Hinsicht gewachsen. Handlung, Charaktere und Emotionen; nichts davon wird plastisch oder sinnfällig. Natürlich verweigert Bosse auch eine Antwort, was es mit der titelgebenden Milde und Gnade des Kaisers auf sich hat. Politisches Kalkül? Gleichgültigkeit? Ist er tatsächlich ein selbstloser Gutmensch, oder nur komplett überfordert mit der Situation? Oder auch die so vielschichtige Figur des Sesto… Freundschaft, Treue, Besessenheit, sexuelle Hörigkeit, womöglich gar homoerotische Schwingungen; da ist – eigentlich – alles drin, man muss nur zuhören und es umsetzen. Fand hier alles nicht statt. Vielleicht spendiert man Herrn Bosse ja mal eine Steuerkarte für eine Inszenierung von Konwitschny oder Tcherniakov, dass er sieht, wie Opernregie funktioniert?

Clemenza1Erst weiß und ganz…

Mit besonderer Spannung hatte die Gemeinde auf Kirill Petrenkos erstes Münchner Mozart-Dirigat gewartet. Mit Strauss, Puccini, Mahler und Tchaikovskij hat er bisher begeistert, nun also die Frage: Kann er auch Mozart? An diesem Abend drängte sich die klassische Radio Erewan-Antwort auf: Im Prinzip ja, aber… Auf jeden Fall hat er, sehr im Gegensatz zu den Szenikern, ein Konzept und eine klare Idee, was mit dem Stück anzufangen wäre. Diese Idee heißt: Verinnerlichung, Sublimation und Transformation. Abgesehen von der Ouvertüre und dem Marsch gegen Ende gibt es in Petrenkos Clemenza-Kosmos keine lauten Töne, keine Ausbrüche oder musikalische Haupt- und Staatsaktion, das Orchester webt eine einzige Ranke der Poesie um das Werk herum, der Ausdruck ist derjenige der tiefsten Melancholie und Traurigkeit, Sestos zweite Arie „Deh, per quest’istante solo“ wird zum Zentrum der gesamten Aufführung. Diese Interpretation setzt Petrenko konsequent, ja radikal, und ohne Rücksicht auf Verluste um. Dennoch funktioniert diese nur bedingt, denn dazu bräuchte es zum einen eine kongeniale Regie, die sich um das Seelenleben der Protagonisten kümmert und kongeniale Bilder dazu erfindet und zum anderen deutlich bessere Sänger, solche mit großer Ausstrahlung, vokalem Farbenreichtum und technischer Sicherheit nämlich. Mit solchen, die froh sind, wenn sie die Noten halbwegs unfallfrei über die Rampe bekommen, kommt man da nicht weit.

Clemenza2… dann schwarz und kaputt – Stationen eines Bühnenbildes (Fotos: Wilfried Hösl)

Nichts auszusetzen gab es an den kleineren Partien, die kompetent und sehr schönstimmig von Mitgliedern des eigenen Ensembles gesungen wurden: Angela Brower  (Annio), Hanna-Elisabeth Müller (Servilia) und Tareq Nazmi (Publio) demonstrierten eindrucksvoll, über welch hohe Ensemblekultur und –pflege die Bayerische Staatsoper inzwischen verfügt. Leid tun konnte einem dabei der Bassist, der durch ein Ungetüm von Wickelkleid und einen struppigen Salafisten-Bart verunstaltet war bis dorthinaus und zudem die ganze Zeit hektisch herumzappeln musste. Allerdings sind diese Rollen in einem Titus-Ensemble eher eine Zugabe; schön, wenn sie gut sind, aber spielentscheidend ist die Trias Tito/ Vitellia/ Sesto. Über den Auftritt von Toby Spence als Tito sei aufgrund der jüngsten biographischen Umstände und der Krankengeschichte des Künstlers der Mantel des Schweigens gebreitet; allerdings hätte eine verantwortungsvolle künstlerische Leitung hier rechtzeitig eingreifen müssen. Mildernde Umstände konnte Kristine Opolais als Vitellia hingegen nicht geltend machen; von einer Sängerin ihrer Klasse und Erfahrung erwarte ich einfach eine klügere Repertoireauswahl! Was auch immer sie zu dieser Partie bewogen haben mag, sie ist dieser deutlich entwachsen und versucht nun gewaltsam, die Stimme auf Mozart-Maß zu drosseln und zusammenzustauchen, wodurch die Tonemission spröde, gepresst und zunehmend unkontrolliert wird, „Non più di fiori“ hatte schon Züge eines stimmlichen Offenbarungseides. Anders als sonst konnte sie diesmal auch nicht mit der ihr eigenen darstellerischen Intensität punkten, da die monströsen Roben und die turmhohe Perücke ihren Aktionsradius praktisch auf null reduzierten. Blieb als einziger schwacher Lichtblick der Sesto von Tara Erraught. Auch sie ist ein Eigengewächs des Hauses und machte deutlich, warum sie so konsequent gefördert wird; ihr zartherbes Mezzo-Timbre, die jugendliche Ausstrahlung und die genuine Musikalität des Vortrags passen wunderbar zur Rolle des hypersensiblen jungen Römers. Das war wunderschön und geschmackvoll gesungen. Dennoch kommt eine solch stücktragende Rolle in einer BSO-Premiere vielleicht noch ein wenig zu früh, hier habe ich an manch einer Stelle doch eine vielschichtigere, charismatischere Gestaltung und auch ein wenig mehr Stimmvolumen gewünscht. Der Staatsopernchor (Einstudierung: Sören Eckhoff) hatte, mal abgesehen vom Umziehen von weiß auf schwarz in der Pause, einen ruhigen Abend ohne irgendwie darstellerisch gefordert zu sein, den eher überschaubaren musikalischen Part erledigten die Damen und Herren routiniert.

Ein Abend, der zwar hier und da schöne Klänge zu bieten hatte, aber wenig bis gar nichts erklärte. Das ist für ein Haus mit diesem Anspruch und diesen Möglichkeiten definitiv zu wenig. Da hielt sich meine persönliche Clemenza sehr in Grenzen.

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2 Responses to Bayerische Staatsoper: “La clemenza di Tito” – 10.2.2014

  1. Reiner says:

    Wie immer sehr schön geschrieben – aber was genau meinst du mit “biographischen Umstände und der Krankengeschichte” bezüglich Toby Spence. Hatte er sich entschuldigen lassen (hab irgendwo (SZ) gelesen dass er sich eine Erkältung eingefangen hat).

  2. Reiner says:

    Ich war gerade in der Vorstellung und bin positiv úberrascht.
    Bühnenbild und Lichttegie haben mir sehr gut gefallen. Die Videoprojektionen fand ich gerade nach der Pause eher störend. Personenregie gibt es praktisch nicht und dadurch wirkte es auf mich sehr statisch. Petrenko hat passend zur Inszenierung präzise wie ein Uhrwerk dirigiert, ob das Mozart passt steht auf einem anderen Blatt.
    Opolais hat mir gut gefallen. Der Tito hat für diese Rolle eine etwas zu schwache Stimme. Das Publikum war trotzdem begeistert.

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