BR-Symphonieorchester/ Mariss Jansons – 27.2.2014

Richard Strauss hat schöne Musik geschrieben. Doch, wirklich! Das ist, ein entsprechend qualifiziertes Orchester vorausgesetzt, eine Musik zum ungenierten Schwelgen und Genießen, man kann sich hineinfallen und von den Klangfluten davontragen lassen, dazu die morbide dolcezza des Fien de Siècle genießen. Klangrausch pur. Aber man muss Strauss auch nicht mögen, kann das alles für orchestrale Schauturnerei und für Wirkung ohne Ursache halten, für pompöses, abgestandenes Brimborium und ein letztes Hurra einer bereits anachronistisch gewordenen Epoche.

Jansons StraussFoto: Bayerischer Rundfunk

Oder liegt die Wahrheit womöglich in der Mitte? An diesem Abend im Herkulessaal der Münchner Residenz tat sie das in jedem Fall, das Konzert brachte sämtliche Widersprüche und ästhetisch-klanglichen Ambivalenzen glasklar und unsentimental zur Wirkung. Im Februar 1995 – vor sage und schreibe 19 Jahren!- fand meine erste Begegnung mit Mariss Jansons statt; seinerzeit als Gast im Gasteig und am Pult des Oslo Philharmonic Orchestra. Im Gepäck hatte er damals unter anderem den Zarathustra und irritierte das Münchner Publikum mit einer eher puristisch zurückgenommenen, erdig-herben Interpretation dieses klassischen Schmachtfetzens. In den mittlerweile gut zehn Jahren an der Spitze des BR-Symphonieorchesters hat sich Jansons ebenso regelmäßig wie konsequent mit Strauss‘ Tondichtungen auseinander gesetzt und einen ganz eigenen Zugang entwickelt. Geblieben ist ein nach wie vor schlanker und dynamischer Orchesterklang von überragender Transparenz und Tiefenschärfe. Da wabert nichts und knallt nichts, die dynamischen Spitzen werden ebenso wie die großen, beinahe schon cineastischen Klangballungen stets harmonisch aus dem musikalischen Fluss entwickelt und sinnstiftend eingebunden. Der per se romantisch dunkle und volle Klang des Orchesters verbindet sich mit Jansons‘ glutvoller Musizierlust zu einer wunderbaren Synthese. Auch wenn sich die Akustik des Herkulessaals, nicht zum ersten Mal, für derartig große Orchesterbesetzungen als grenzwertig erweist, so geht es Jansons doch nie um den puren Effekt oder die Überrumpelung des Zuhörers, sondern um eine möglichst aufgefächerte Versinnlichung des unmittelbar musikalisch Gegebenen. Allerdings stößt eine solche Lesart bei einer so plakativen Partitur wie Tod und Verklärung, in Musikerkreisen bekanntlich auch Tod durch Verkühlung genannt, an gewisse Grenzen. Selbst Jansons kann diesem schon fast schmerzhaft trivialen Stück nicht in die Strümpfe helfen, wo so wenig musikalische Substanz ist, lässt sich auch keine vortäuschen. Wesentlich besser funktioniert das nach der Pause in Don Juan; hier nimmt der titelgebende Charakter fast sichtbare Gestalt an, so emphatisch vorwärtsstürmend, so sinnlich durchglüht und hybrid auftrumpfend wie Jansons mit seinem fantastischen Orchester hier agiert. Schon der Auftakt reißt einen förmlich hinein in die Welt des spanischen Siglo de oro, gespiegelt von echt romantischer Melancholie und frühmoderner Doppelbödigkeit. Ein Kabinettstück, das alleine schon das Kommen gelohnt hätte!  Die abschließende Walzerfolge aus dem Rosenkavalier nahm man als temperamentvoll und farbenreich musizierten Rausschmeißer gerne noch mit, hat stattgefunden und war schön.

Begonnen hatte der Abend, und das sei keinesfalls vergessen, nicht mit Strauss sondern mit John Adams, genauer gesagt mit dessen Tonpoem Slominsky’s Earbox. Ja genau, hatten wir auch schon, vor vier Jahren an selbiger Stelle und dirigiert von Andris Nelsons. Der Titel bezieht sich auf die von Nicolas Slominsky 1947 herausgegebene Harmonielehre Thesaurus of Scales and Melodic Patterns, das knapp viertelstündige Werk verbindet eine Demonstration von Skalen und Harmonien jeglicher Couleur mit der orchestralen Brillanz eines echten Showpiece. Dass die Musiker des BR-Symphonieorchesters hier ihre gesamte Virtuosität und Musizierlaune ausspielen konnten und Jansons mit Schwung, Präzision und Witz dirigierte, muss kaum eigens betont werden. Für einen weiteren Adams hätte ich Tod und Verklärung gerne getauscht, aber es war ja ein Abonnement- und kein Wunschkonzert… Der lauteste Jubel erklang nach dem Rosenkavalier; München bleibt eben doch München.

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