Bürgerhaus Unterföhring: Faschingskonzert mit dem Kammerorchester der Münchner Philharmoniker – 2.3.2014

Vom Münchner Fasching sagen die Kollegen aus dem Rheinland bekanntlich gerne, das was im Süden der Republik Fasching genannt werde, sei in Kölle eine Beerdigung… Aber was ist mit dem Unterföhringer Fasching? Jetzt seids amoi staad, gell? Naja, passt scho, von Umzügen und närrischem Treiben auf den Straßen und Plätzen war an diesem Sonntag vor Rosenmontag im nördlichen Umland der Landeshauptstadt tatsächlich nichts zu sehen. Der Frohsinn fand vielmehr im Saale statt, im Bürgerhaus nämlich, dort wo der Bürger so haust, einem mattrot lackierten Kubus aus Blech und Glas mit einem Vorplatz… Geradezu die Mutter aller Mehrzweckhallenvorplätze, derart abartig überdimensioniert, dass eine Überquerung ohne Reiseproviant schon sportlich ist; da würden die Vorplätze der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper und der Royal Opera London gemeinsam reingehen und für einen Fußballplatz wäre auch noch Raum. Ja, geschenkt: die genannten Musentempel liegen direkt an der Straße und haben gar keinen Vorplatz; außerdem ist der Baugrund dort noch teurer als im Münchner Speckgürtel. Aber ein wenig Spaß muss schon sein, schließlich ist Fasching und die Unterföhringer waren ganz, halb oder gar nicht kostümiert erschienen, um a Gaudi zu haben, aber ganz a sakrische. Der eher nüchterne große Saal war in Parteitagsbestuhlung, also mit Längstischen, eingerichtet und ausverkauft, dank gastronomischer Vollversorgung bis zum ersten Ton und in der Pause stiegen Alkoholpegel und Stimmung direkt proportional im Laufe des Abends in nahezu bacchantische Dimensionen, Jubel, Klatschmärsche und am Nebentisch wurde laut und ungeniert mitgesungen; hier hat man seine Operette eben noch drauf!

1403-02MuePhilh-UnterfoehringenFasching (46)Das letzte Helau: Cornelia Lanz, Lorenz Nasturica-Herschcowici und Christoph Well (neben der Harfe) 

Bierernst, hier jetzt im doppelten Wortsinne, sollte das ja nicht ablaufen, denn schwer ist bekanntlich leicht was und die heitere Muse immer die schwerste… Aber bevor wir jetzt noch ein Blech Gemeinplätzchen in den Ofen schieben, gehen wir mal in medias res. Zur musikalischen Ausgestaltung der Gaudi hatte man mit dem Kammerorchester der Münchner Philharmoniker entsprechendes Fachpersonal aus der LHS importiert. Und die gaben ihrem Affen nicht bloß würfelweise Zucker, sondern schütteten die ganze Büchse aus, das fetzte, schwang und groovte vom Allerfeinsten, Polka-Hetz und Walzerseligkeit, mal anzüglich-frech, dann tänzerisch beschwingt ging es durch den Abend und Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici – aktueller Faschingsstatus: Du-hast-die Haare-schön! – gab als Dirigent und Primarius in Personalunion alles und ließ die Puppen tanzen. Die Fledermaus flatterte, die Lippen sie küssten so heiß, man lud gern sich Gäste ein, die schöne Donau war blau und Herr Radetzky marschierte; das volle Programm, eine humoristische Breitseite in Dur und moll. Was hier stattfand, war schon ein Gipfeltreffen der virtuosen Rampensäue: Für den folkloristischen Teil war Christoph Well zuständig, bekannt von den Biermösl Blosn und nach wie vor ein Garant für handfeste wie geistreiche Komik. Natürlich gab er seine Moderation des Abends in Form bayerischer Gstanzeln mit der Quetschkomode und brachte im zweiten Teil mit seiner höchstselbst komponierten Alphornsinfonie erst die Gläser in der ersten Reihe zu Bruch und dann die Halle zum Kochen; ein Medley u.a. aus „Yellow Submarine“ bis hin zum Triumphmarsch, da bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Bad Kalau grüßte Unterföhring, mokante Witze über Münchner Konzertsaalplanungen, Brauchtumspflege, Politaffären und die CSU natürlich eingeschlossen; da kreischten dann auch diejenigen der inzwischen etwas derangierten Herr- und Damschaften vor Vergnügen, die ebenjene Staatspartei in zwei Wochen doch wieder wählen werden. Närrische Zeiten fürwahr. In dero karnevalistischem Überschwang kann es dann auch passieren, dass im Programm der gute Leo Fall in Richard umgetauft und die allseits beliebte Lehár-Schmonzette „Dein ist mein ganzes Herz“ vom Land des Lächelns in die lustige Witwe transferiert wird… Aber wie sagte schon Hollywood-Trash-Ikone Ed Wood: Kleinliche Details sind unwichtig! Vervollständigt wurde das Trio infernale der guten Laune durch Cornelia Lanz, deren Auftritte die musikalischen Glanzlichter des Abends markierten. Vor der stilistischen Vielseitigkeit dieser außergewöhnlichen Künstlerin kann man nur den Hut ziehen, das war nicht nur Kitschveredelung à la bonheur, sondern eine Extraportion vokaler Schmeicheleinheiten, eine Demonstration an sinnlichem Mezzoglanz, eleganter Linienführung und genuiner Stimmschönheit. Als geborenes Bühnentier beherrschte Lanz auch unter diesen verschärften Bedingungen Saal und Publikum, charmierte, bezauberte und riss zu Begeisterungsstürmen hin. Ausgerechnet zu Falls „Was machst Du mit dem Knie, lieber Hans?“ zog sie keinen Geringeren als Hans Magnus Enzensberger persönlich aus dem Publikum zu einer spontanen Tanzeinlage aufs Parkett. Ein klarer Fall von Wer ko, der ko!

Beschwingten Gemütes und mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen macht sich der Gast auf den Rückweg, natürlich einmal quer über den… ja, schon gut, den hatten wir schon. Unterföhring Helau!

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