DVD: “Eugen Onegin” aus der Metropolitan Opera

Es gibt sie immer noch, sie sind unter uns: diejenigen Opernzuschauer, die alles immer so haben möchten wie es immer war und die jeglichen Versuch einer ästhetischen oder inhaltlichen Neuentdeckung oder –deutung geradezu als Sakrileg empfinden; mit einem Wort: die Plüsch & Plunder-Fraktion. Für diejenigen, die etwa im Falle des armen Eugen o(h)ne Gin zuletzt von den szenischen „Missetaten“ eines Warlikowski oder Herheim aus wohligem Schlafe aufgeschreckt wurden, ist nun Rettung erhältlich. Denn dieser von der Deutschen Gramophon auf zwei Silberscheiben vorgelegte Mitschnitt aus der New Yorker Metropolitan Opera vom Herbst 2013 ist ein Fest für Regiephobiker und Staubfetischisten, eine fulminante Rolle rückwärts mit Felgenabschwung. Angesichts des hier abgefilmten szenischen Provinzmiefs traut man seinen Augen kaum; wenn es nicht in Farbe wäre und man nicht aktuelle Sängerprominenz ausmachen würde, so könnte man meinen, die DG habe uns eine Aufnahme aus dem Stadttheater Nowosibirsk von 1960 angedreht. Man kann und mag die Klischees gar nicht alle aufzählen, die man hier buchstäblich aufs Auge gedrückt bekommt; wenn das Opernregie sein soll, dann ist Doktor Schiwago, Schnief-Schnief-Schniefschneuf, geradezu ein tollkühner Experimentalfilm. In diesem tristen farblosen Dekor hat sich die „Regie“, so man diese Vokabel hier anwenden möchte, darauf beschränkt, die namhaften Solisten irgendwie so zu platzieren, dass sie nicht weiter gestört werden oder womöglich darstellerische Aktivitäten entwickeln müssten. Dabei zeichnen für dieses Nichts an Inszenierung gleich zwei Regisseurinnen verantwortlich: Deborah Warner und Fiona Shaw; von ersterer stammt das Konzept, letztere hat nach einer Erkrankung Warners dann die Probenarbeit übernommen und den Mitwirkenden die Ein- und Ausgänge gezeigt, weitere Arbeitsnachweise sind nicht erkennbar. Das Bühnenbild stammt übrigens von Tom Pye, die Kostüme von Chloe Obolensky; nur fürs Protokoll.

Onegin DVD

 

Am Pult des MET-Orchesters liefert der großrussische Staatskünstler Valéry Gergiev den passenden Soundtrack zu diesem szenischen Heimatmuseum und dirigiert das Werk so, wie es seit anno Dazumal üblich ist: mit breitem Pinselstrich und dick aufgetragenem Schmalz, flächig, auftrumpfend und pompös. Das klingt teilweise sogar ausgesprochen eindrucksvoll, klangsatt und von imposanter, dunkelglühender Farbigkeit, erinnert aber eher an Boris Godunov als an die „Lyrischen Szenen“, die der Onegin laut Betitelung des Komponisten eigentlich sein soll… Da haben in jüngerer Vergangenheit ein Mariss Jansons, ein Andris Nelsons oder ein Kirill Petrenko andere Dimensionen an charakterlicher Feinzeichnung, emotionaler Wahrhaftigkeit und orchestralen Farbenreichtums aufgerufen. Von solchen Vergegenwärtigungen ist Gergiev weiter entfernt als die MET von einem zaristischen Ballsaal.

Glücklicherweise wird in diesem Mitschnitt aber natürlich auch gesungen, und zwar beinahe durchgehend auf dem Niveau, das man von einem der führenden Opernhäuser erwarten darf. Darstellerisch ist bei Mariusz Kwiecien in der Titelrolle noch etwas Luft nach oben; zumindest in diesem Mitschnitt mit seinen wiederholten Close-ups wäre hin und wieder ein zweiter Gesichtsausdruck eine willkommene Abwechslung. Stimmlich dagegen entfaltet sein ausgesprochen viril timbrierter Bariton verführerischen Glanz und verbreitet dennoch die seelische Kälte dieses eigenbrötlerischen Landjunkers. Auch den emotionalen Zusammenbruch im Schlussduett gestaltet er suggestiv, trotz der schmerzlich klischeehaften Bebilderung; auch hier lässt Doktor Chicago von Pastor Schabernack grüßen…  Im Mittelpunkt des Publikumsinteresses dürfte dennoch Anna Netrebko gestanden haben, die hier, nach dem Wiener Rollendebüt vom letzten Sommer, ihre zweite Tatjana singt. Nun gehört Netrebko sicher zu den am besten dokumentierten Sängerinnen der Jetztzeit; und doch vermag sie einen immer wieder zu überraschen. Sie führt ihre zuletzt deutlich schwerer und dramatischer gewordene Stimme bewundernswert schlank und verbindet so einen jugendlich- lyrischen Klang mit vokalem Gewicht und entsprechenden Reserven. So werden die emotionalen Brennpunkte der Handlung wie die Briefschreibeszene und der Schluss tatsächlich als dramatische Kulmination erlebbar; organisch entwickelt, farbenreich und unangestrengt gesungen. Das ist großes Opernkino! Die Krone des Abends in gesanglicher wie in darstellerischer Hinsicht möchte ich trotzdem Piotr Beczala überreichen. Sein Lenskij ist ein romantischer Schwärmer und glutvoller Feingeist aus dem Opern-Bilderbuch, emphatisch, mitreißend und sympathisch. Das edle, schlackenlos glänzende Timbre besitzt genau jene Balance von Strahlkraft und melancholischer Süße, welche die Partie erfordert, sein Vortrag ist in allen Lagen kultiviert, elegant und natürlich. Die große Weltabschiedsarie „Kuda, kuda“ habe ich lange nicht mehr so bewegend gesungen gehört. Das entschädigt für manche mediokren Momente dieser Einspielung. Guten internationalen Standard repräsentiert Oksana Volkova als Olga, etwas weniger neckisches Gehabe hätte es auch getan. Die ältere Generation ist durch die Larina von Elena Zaremba und die Filipjevna von Larissa Diadkova glänzend vertreten, von Monsieur Triquet in Gestalt von John Graham-Hall hätte ich mir einen Schuss mehr Skurrilität gewünscht. Wie dagegen Alexej Tanovitski an einen Vertrag als Gremin an der MET gekommen sein mag, darüber ließe sich spekulieren… Musikalische Gründe können es kaum gewesen sein; sein dünner und brüchiger, fast schon krächzender Vortrag ist, neben solchen Vokalgrößen zumal, schlicht peinlich.

Advertisements
This entry was posted in Media. Bookmark the permalink.

5 Responses to DVD: “Eugen Onegin” aus der Metropolitan Opera

  1. Jens says:

    Wie immer ein stilistisches Sahnehäubchen zum lesen, selbst wenn man das Werk nicht kennt …

  2. Stefan Simon says:

    Vielen Dank für diesen Artikel, da weiß ich doch, dass ich diese DVD unbedingt haben muß. Außerdem bestätigen Sie mir, wieviel Militanz und Aggression in den Freunden de Regietheaters steckt. Man fühlt sich an die Hetze finsterer Zeiten erinnert, wenn man so etwas liest.

  3. fabiusst says:

    Lieber Herr Simon, bitte gerne! Was allerdings die Disziplin “Militanz und Aggression” betrifft, so geht der Hauptgewinn hier klar an Ihre Gesinnungsgenossen, die mir schon Dinge an den Kopf geworfen haben, die hier besser unzitiert bleiben.

    Beste Grüße,
    Fabian Stallknecht

    • Stefan Simon says:

      Damit habe sie leider in manchen Fällen recht. Ich kritisiere auch solche Entgleisungen; denn man sollte nie das Abbild seines Gegners werden. Allerdings kann ich manches davon verstehen, da mann es bei ihren Gesinnungsgenossen mit einer geschlossenen Front zu tun hat, die keine andere Auffassung neben sich duldet und auch keine Kritik innerhalb des Systems. Kritische Künstler werden ausgegrenzt und mit de facto Berufsverboten belegt. In diesem, wie man heute sagt, asymetrischen Kampf, muß man als Repräsentant dieses Establishments mit fraglichen Mitteln des Widerstands rechnen.

  4. fabiusst says:

    Mit Widerstand oder abweichenden Auffassungen habe ich überhaupt kein Problem. Das sehen Sie schon daran, dass ich Ihren Kommentar zugelassen und beantwortet habe… Inhaltlich kann ich dem nur widersprechen, von “Ausgrenzung” oder gar “faktischem Berufsverbot” kann ja nun wirklich keine Rede sein und auch die von Ihnen genannte “geschlossene Front” ist mir in fast 35 Jahren Opernbesuche noch nicht begegnet; vielmehr habe ich dort eine Meinungsvielfalt vorgefunden wie in keinem anderen Bereich! Das ist auch gut so, andernfalls wäre es ja auch langweilig. Dass ich in MEINEM Blog MEINE Auffassung vertrete, versteht sich von selbst, dass sich niemand diese zu Eigen machen muss, ebenfalls.

    In der Sache werden wir eher nicht zusammenkommen, daher wünsche ich Ihnen viel Vergnügen mit dem “Onegin” und ähnlichen Produkten der Unterhaltungsindustrie und danke Ihnen für Ihr Feedback.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s