Aaltotheater Essen: “La straniera” – 9.4.2014

Fremd ist die Fremde nur in der Fremde…

Fremde zeichnen sich bekanntlich in erster Linie dadurch aus, dass man sie nicht kennt. Auf Alaide, die Protagonistin von Vincenzo Bellinis La straniera, trifft das sogar in zweifacher Hinsicht zu: zum einen bleibt die Identität der Figur bis in die Schlußszene hinein ungeklärt und zum anderen handelt es sich hier, neben Beatrice di Tenda, sicherlich um die unbekannteste Oper des sizilianischen Maestro. Selbst eingefleischte Belcanto-Junkies und Melomanen können sich nur in den seltensten Fällen rühmen, der Fremden schon persönlich, live und on stage begegnet zu sein. Das zu ändern sind im vergangenen Jahr die Primadonna assoluta Edita Gruberova und der Regisseur Christof Loy angetreten; nach konzertanten Testläufen in München und Wien brachten die beiden amtsbekannten Überzeugungstäter in Sachen italienischer Frühromantik das Werk in Zürich auf die Bühne. Und da eine Fremde alleine noch keinen Sommer macht, geht die Inszenierung nun auf Tour, machte zunächst an der Ruhr Station und reist dann weiter ins Theater an der Wien.

An diesem Abend im Essener Aaltotheater wollten sich erfreulich viele Besucher mit der Fremden bekannt machen, der Saal war ausverkauft und der Applaus stürmisch. Nun ist La straniera sicherlich nicht die „typischste“ Bellini-Oper, anstelle der gewohnten Koloraturenfeuerwerke und Höhenakrobatik herrschen hier eher gedeckte Klangfarben vor, die Gesangslinien sind weniger verziert, die Zahl der großen Arien reduziert, die Instrumentierung düster und beinahe karg. Im Zusammenhang mit diesem Werk prägte Bellini den schönen Satz, das beste musikalische Drama sei dasjenige, dass am wenigsten Sinn ergebe; in der Tat ist die Handlung auf den ersten – und auch auf den zweiten und dritten – Blick von einer selten gesehenen Abstrusität. Damit muss man als Regisseur umgehen können, bzw. in der Lage sein, hinter den handlungslogischen Löchern und dramaturgischen Ungereimtheiten der Fabel deren innere Logik und theatrale Stringenz zu erkunden und diese in suggestive Bilder zu übersetzen. Natürlich stehen jene Brüche einmal mehr symbolhaft für eine innerlich zerrissene Gesellschaftsordnung, die als Ordnungsprinzip nicht mehr funktioniert und in der blindwütig Schicksal und Zufall herrschen und deren Protagonisten einzig und allein ihrer selbstzerstörerischen Leidenschaft verpflichtet sind; singende Triebwesen auf dem Weg zum Nervenzusammenbruch. Das ist romanticismo pur und Bellini at his best, so mutig, so radikal und so konsequent komponiert wie in kaum einer anderen seiner Partituren. Diese Fremde sollte man in der Tat kennenlernen!

AAlto-Theater Essen: La StranieraGesprächsbedarf: Valdeburgo (Luca Grassi, links) und Arturo (Alexey Sayapin, rechts) – Foto: Thilo Beu

Der düsteren Schwarzromantik des Stückes mit ihrer Lust an Irrationalität und tragischer Verstrickung setzt Christof Loy seine gewohnt minimalistisch-kühle und präzise Inszenierungsästhetik entgegen und macht auch aus La straniera ein konzentriertes Kammerspiel um Besessenheit, Lust, Rivalität und Normüberschreitung. So war es zumindest gedacht, de facto wurde das Konzept durch die absolute schauspielerische Unwillig- oder-fähigkeit der beiden männlichen Ecken des stücktragenden Dreieckskonfliktes leider erheblich sabotiert. Wenn sich Tenor und Bariton nur in steifbeinigem Rampensingen übertrumpfen, hat eine so kleinteilig und detailreich gearbeitete Regie schlechte Karten. Spielen lässt Loy die Handlung in einem heruntergekommenen Theatersaal mit brauner Holzvertäfelung (Bühne: Annette Kurz), in dem sich noch einige Prospekte und szenischen Versatzstücke befinden und die Vertreter der Konvention und alten Ordnung im wahrsten Sinne des Wortes die Strippen ziehen. Auch die Verstrickung der Handelnden in die Läufe des Schicksals nimmt Loy wörtlich, indem er eine Vielzahl von Seilen und Stricken, mal mit, mal ohne Schlinge vom Schnürboden baumeln lässt, Instrumente für Fesselung, Mord und Selbstmord. Das gibt dem Szenenbild Struktur und bildet die in dieser Oper sehr räumlich gestaffelte musikalische Faktur ab, betont aber zugleich auch das Fragmentarische dieser Gesellschaft wie auch der Handlungsführung.  Auch die Gestaltung von Arturo und Valdeburgo als Komplementärfiguren, der Neurotiker und der Rationalist als Kehrseiten der romantischen Seele, übersetzt sich durchaus; weitere Feinheiten der Figurenzeichnung fallen leider der Regieresistenz der besagten Interpreten zum Opfer. Hier muss man sich das eine oder andere eben hinzudenken, insgesamt ist Loy aber auf jeden Fall eine atmosphärisch sehr geschlossene und überzeugende Umsetzung dieses szenisch nicht einfach umzusetzenden Werkes gelungen.

Großen Anteil am Gelingen des Abends hat auch Josep Caballé Domenech am Pult der ausgezeichnet disponierten Essener Philharmoniker. Sein Dirigat ist von Stilgefühl und Affinität zu Bellinis Musik geprägt, mit seinen straffen, aber nie überdrehten tempi sorgt er für den nötigen Drive, arbeitet aber auch den orchestralen Farbreichtum und den düster-elegischen Grundgestus der Musik wunderbar heraus; das hat Präzision, Sinnlichkeit und Suggestivität, die klanglichen Naturschilderungen wie am Ende des ersten Aktes integriert er ebenso sinnfällig in den dramatischen Fluss wie die wunderbar melancholischen Kantilenen, die es natürlich auch in dieser Oper zu bewundern gibt.

AAlto-Theater Essen: La StranieraZentrum des Abends: Marlis Petersen (Alaide) – Foto: Thilo Beu

Denn auch hier stehen – wie könnte es bei Bellini anders sein? – die Sänger im Zentrum ohne Wenn und Aber. Die Rolle der Alaide erfordert eine vergleichsweise breite Mittellage und dramatische Intensität, bietet aber selbstverständlich auch ausreichend Gelegenheit, das Repertoire einer großen Diva aufzurufen: langgesponnene Melodiebögen mit steilen Auf- und Abstiegen über die Tonleiter, raketengleich erstrahlende Spitzentöne, feines Pianogewirk und die große melodramatische Geste, einschließlich einer großen zweisätzigen aria finale. Hier kann die Sängerin zum guten, bzw. bösen, Schluß nochmal richtig die Kiste auspacken und die Gemeinde mit ihrer geballten Brillanz zu Raserei und Beifallsstürmen treiben. Über alle diese Qualitäten verfügt Marlis Petersen in hohem Maße, sie ist nicht nur rollenbedingt das Zentralgestirn und die Triumphatorin des Abends. Da leuchten die Spitzentöne und perlen die Verzierungen wie an der Schnur gezogen und selbst wenn es vielleicht die eine oder andere Sopranistin gibt, die das technisch noch eine Spur perfekter und brillanter singen kann, so begeistert Petersen ganz besonders durch den variablen Stimmeinsatz, die innere Luzidität und die Lebendigkeit des Vortrags. Als einziger gelang es ihr, einen Charakter aus Fleisch und Blut zu gestalten. An diesem letzten Punkt stoßen die beiden cavalieri wie erwähnt an ihre Grenzen: Alexej Sayapin als Arturo besitzt einen durchaus markanten, metallisch-dunklen Tenor, nach einer kurzen Einsingphase zu Beginn gab es stimmlich wenig auszusetzen. Gestalterisch bleibt allerdings noch viel Luft nach oben, den romantischen Desperado und Gefühlserpresser nimmt man dem eher phlegmatisch wirkenden Sänger keinen Moment lang ab. Einen kraftvollen, sonoren Bariton führt Luca Grassi als Baron Valdeburgo ins Treffen, den er leider entschieden zu undifferenziert und eintönig einsetzt, da ist jede Note gleich laut und gleich gefärbt. Gerade diese Partie mit ihrem Kantilenenreichtum böte da ungleich mehr an Entfaltungsmöglichkeiten… Dass ausgerechnet der einzige gebürtige Italiener im Ensemble vom Resonanzreichtum und den Klangfarben seiner wunderbaren Muttersprache so wenig Gebrauch macht, irritiert denn schon. In der weniger exponierten Partie von Arturos Verlobter Isoletta überzeugt Ieva Prudnikovaite mit voluminöser, sauber geführter Stimme, Albrecht Kludszuweit gibt dem Handlanger mit dem schönen Namen Osburgo charaktertenorales Profil und Tijl Faveyts (Signor di Montolino) und Bart Driessen (Il priore) vertreten die Standpunkte der Obrigkeit angemessen sonor. Auch der Chor in der Einstudierung von Alexander Eberle agiert musikalisch auf dem gewohnt hohen Niveau.

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6 Responses to Aaltotheater Essen: “La straniera” – 9.4.2014

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