Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Norma” – 10.4.2014

Huch – was war denn hier los? Hat etwa eine Hippie-Kommune die Macht im gallischen Staatsforst übernommen und einen Kinder-Knast eingerichtet? Oder sonst irgendwelche Sekten-Fuzzis? Jedenfalls ist die vorhanglos offene Bühne von roten Papierblumen und Windlichtern bedeckt, in der Mitte sitzen ein paar Vorschulkinder in einem Metallkäfig, umgeben von schwarz verschleierten Gestalten. Geht ja gut los… denkt man sich als mit druidischen Riten nur rudimentär vertrauter Opernbesucher. Aber wir sind ja hier nicht bei Asterix & Obelix, sondern bei Vincenzo Bellini und seinem gallischen Superweib. Und vor allem bei Werner Schroeter. Vor nunmehr elf Jahren hat der 2010 verstorbene Filmemacher hier an Rhein und Ruhr auf die Bühne gebracht, was ihm zu Bellinis Norma eingefallen ist, und jetzt hat man es gnadenlos wieder ins Rampenlicht gezerrt. Schroeters Leidenschaft für die Kunstform Oper war bekannt, seine konkreten szenischen Versuche auf diesem Terrain dagegen im Regelfall nicht unbedingt von Fortune durchzogen, um das jetzt mal wohlwollend auszudrücken. Darin bildet diese Norma keine Ausnahme. Vielleicht hatte der Regisseur sich bei seiner geschmäcklerischen und frei assoziierenden Bebilderung tatsächlich etwas gedacht und das Ergebnis hat für ihn persönlich einen Sinn ergeben; mir hat er sich ebenso wenig erschlossen wie in der Premierenserie anno 2003. Die Handlung ist als solche zwar schon irgendwie nachvollziehbar, jedoch so mit Mätzchen und funktionslosem Beiwerk ausstaffiert, dass die szenische Erzählweise keinen Moment lang ins Zentrum führt; wenn dann auch keiner mehr da ist, der die Produktion noch kennt, dann sind bald Mistel und Zweig verloren und die Sänger stehen mehr oder weniger auf sich allein gestellt in der Botanik. Dabei wäre im Stück ja genug action geboten, richtig Zoff bei die Galliers, wie man in dieser Weltgegend so schön sagt… Ein glut- und blutvolles Partisanendrama, Liebe über Feindeslinien hinweg, Rivalität und Freundschaft, Glaubenskampf und Kult, alles unter dem Siegel der keuschen Mondgöttin. Von alldem ist in dem faden Boutiquentheater, das Schroeter und seine beiden Ausstatterinnen Barbara Rückert (Bühne) und Alberte Barsaq (Kostüme) da angerichtet haben, leider wenig übriggeblieben.

Norma DOR2

Blumenkinder, sicher verwahrt (Foto: Hans Jörg Michel)

Der Beweggrund für die Exhumierung dieses Regie-Zombies lag vermutlich in der Präsenz von Morenike Fadayomi, die mit der Titelpartie hier ihrer langen Reihe faszinierender Rollenporträts ein weiteres hinzugefügt hat; eine Reihe, die von Hanna Glawari in der Lustigen Witwe über Catalanis Gletscher-Walküre La Wally, Tosca, Senta, Lady Macbeth bis hin zu Carmen reicht. Kaum zu glauben? Ist aber so. Und das Beste: sie kann es tatsächlich! Auch als Norma bietet Fadayomi eine Lehrstunde in Sachen Stilkompetenz und Stimmgestaltung und gibt zugleich der Partie ein sehr persönliches Profil und unverkennbare musikalische Farbe. Gerade in dieser großen Primadonnenrolle wiegt die Last der Vorbilder bekanntlich tonnenschwer, man braucht sie jetzt gar nicht alle aufzuzählen. Fadayomi vereint das Herz einer Hochdramatischen mit der Schattierungskunst eines echten Lirico spinto, Fragilität mit innerer Stärke. Gewiss ist die Phrasierung nicht in jedem Moment schulmäßig, aber die Kantilene ist von betörender Süße und Intensität; eine Norma, welche mehr die tragisch Liebende denn die sendungsbewusste Volksführerin in den Mittelpunkt stellt. In Sarah Ferede als Adalgisa hat sie eine auf nämlicher Wellenlänge funkende Partnerin, die ebenfalls hochmusikalisch und differenziert agiert und insbesondere mit feiner Pianokultur punktet. Beide Stimmen harmonieren auch farblich bestens und ergänzen sich in den beiden großen Duettszenen zu einem exquisiten Mischklang wie man es so nicht oft erlebt. Gegen so viel Frauenpower hat es auch der hartgesottenste römische Macho nicht leicht und entsprechend hart hatte Calin Bratescu als Pollione um die Anerkennung des Auditoriums zu arbeiten. Er bringt für den selbstsüchtigen Prokonsul ein tatsächlich fast klassisch-römisches Profil und durchaus eindrucksvolles tenorales Material mit, das allerdings noch ein wenig Feinschliff und die eine oder andere verführerisch-sinnliche Note vertragen könnte; schließlich ist der Mann nicht nur in militärischer, sondern auch in erotischer Hinsicht als notorischer Eroberer aktenkundig. Günes Gürle singt den Oroveso solide, ohne allerdings großartig aufzufallen, Lisa Griffith hat als Clotilde einen berührenden Kameo-Auftritt, während Ingmar Klusmanns arg großspuriges Auftreten in der Kleinstpartie des Flavio gelinde gesagt etwas befremdlich rüberkam.

Norma DOR1Kurz vor knapp: Sarah Ferede (Adalgisa), Morenike Fadayomi (Norma) und Calin Bratescu (Pollione) – Foto: Hans Jörg Michel

Orchestral hatte der Abend überaus schwungvoll begonnen: Dirigent Giordano Bellincampi wartete nicht mal den Begrüßungsapplaus ab, sondern legte sofort los und pflügte im Eiltempo durch die Ouvertüre und die Introduzione, dass man sich schon fragte, was er nachher wohl noch vorhat… Mit dem Auftritt Normas war dann allerdings Schluß mit schnell und Bellincampi mit seinen Duisburger Philharmonikern schaltete von einem Moment auf den anderen auf Divenbegleitung um. Die Sänger wurden von ihm förmlich auf Händen durch den Abend getragen, die orchestrale Grundlage war klangschön, abgerundet und sensibel, hier musizierten hörbar Menschen zusammen, die einander kennen und wertschätzen. Das ist prinzipiell auch wunderprächtig, dem Musikdrama Norma wurde dieser Ansatz allerdings nicht wirklich gerecht, auf Dauer klingt das entschieden zu weichgespült, zu wenig konturiert und auch die im Laufe des Abends immer langsamer werdenden Tempi brachten nicht nur den Chor zunehmend in die Bredouille. Man konnte meinen, Bellincampi wolle sämtliche überholte Klischees über den „Mondschein-Musiker“, den ewig elegischen und melancholischen Bellini – der gebürtige Düsseldorfer Heinrich Heine nannte ihn gar einen „Seufzer auf zwei Beinen“ – wieder aufwärmen, so undramatisch und zahnlos ließ er die Musik dahinplätschern. Das ist am Ende des Tages eine Themaverfehlung, da steckt einfach viel mehr drin, als dieser Abend glauben machen wollte.

Der zweite Tag des – unabsichtlichen – Festivals „Bellini an der Ruhr“ war, den beiden Damen zum Trotz, definitiv der schwächere.

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8 Responses to Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Norma” – 10.4.2014

  1. Viviana Parise says:

    Hallo Fabian! Ich liebe deiner Blog!
    Ich habe schon Karte für die Premier Manon Lescaut bestellt. Ich möchte mit meinem Mann gehen, als er nur für Konzerte in dem N.Theater war. Er ist keiner Oper Fan, aber er möchte gerne J.K und Netrebko hören. Weiss du schon ob die Inszenierung moderne oder traditionelle wird? Wenn alles total Weiß ist…. Wird er sich nicht freuen! Viel dank und Liebe Gruße Viviana

  2. fabiusst says:

    Hallo Viviana, herzlichen Dank! Die “Manon Lescaut” wird von Hans Neuenfels inszeniert, das wird mit Sicherheit nicht traditionell… Er ist seit Jahrzehnten im Geschäft und war immer sehr umstritten. Ich persönlich finde seine Inszenierungen meist schon interessant, aber auch immer sehr “sophisticated” und nicht immer logisch. Hast Du vorletztes Jahr den “Lohengrin” aus Bayreuth im Fernsehen gesehen? Der war von ihm… Liebe Grüße, Fabian

  3. V:) says:

    Hallo , 1. sind die Kinder im Käfig nicht im Vorschule älter sondern überwiegend schon auf der Weiterführenden Schule. 2. Sind wir Kinder im Käfig keineswegs gefangen . Wir können durch eine im Boden eingelassene Luke zu jederzeit entschwinden. 3. Ist das Zeichen aus Blumen kein Hippie Zeichen sondern das Emblem des Irmin,dem Sächsischen Kriegsgott.Übrigens bin ich selbst eins der Käfigkinder.

    • fabiusst says:

      Hallo Vivi, danke für Deinen Kommentar! Da hat mir dann die Perspektive mit den Größenverhältnissen einen Streich gespielt… I am sorry! 🙂 Dass Ihr im Notfall rauskönnt, ist klar und auch vorgeschrieben (ich war übrigens selbst einige Jahre Statist an der DOR), aber das Bild als solches zeigt gefangene Kinder; mit allen Gedanken, die dem Zuschauer da kommen. So ähnlich ist es aus meiner Sicht auch mit den Blumen und Lichtern, hier denkt eigentlich jeder etwas ältere Zuschauer an “Flower Power”, Kommune und Sekten. Vielleicht war etwas anderes gemeint, dann kommt das nicht rüber. Ich finde, u.a. deswegen, ja auch die Inszenierung missglückt.

  4. V:) says:

    Nach der der Meinung des Regisseur soll der Käfig mit samt Inhalt die Gefangenheit der Menschen im Krieg darstellen, und durch den Tod Normas wird der Krieg aufgehoben und wir befreit.

    • fabiusst says:

      Danke Dir für den Hinweis, das zeigt allerdings noch einmal, dass der Regisseur das Stück nicht verstanden hat. Norma beendet den Krieg nicht, ganz im Gegenteil! Sie hat den Aufstand der Gallier gegen die Römer entfesselt und durch ihr Selbstopfer gibt sie am Schluß ein Fanal und eine weltanschauliche Unterstützung der Krieger…

  5. V:) says:

    Das Weiß man nicht da mit dem Tod Normas Bellinis Vorzeige Oper beendet wird.
    Aber die Hauptsache ist das die Musik gefällt.

  6. V:) says:

    Aber was sollen die Zuschauer z.b. bei Richard Strauß “Die Frau ohne Schatten denken .
    Da liegen wir erschossen auf einer Treppe . Das ist auch nicht viel besser als Käfig.

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