Oper Köln: “Der Freischütz” (Premiere) – 12.4.2014

Der Schütz ist so frei…

Es ist ein wenig still geworden um die wohl deutschromantischste aller deutschromantischen Lieblingsopern der romantisch veranlagten Deutschen; Webers Freischütz ist mittlerweile nur noch ein sporadischer Gast auf den Spielplänen. Traut sich da keiner mehr ran? Verständlich wärs, schließlich umgibt diese Oper ein permanenter Hauch von Spießigkeit und der Ruch der Uninszenierbarkeit. Stichwort: der deutsche Wald. Dem kommt man einfach nicht aus, und wenn doch lauern da immer noch Jungfernkranz und Jägerchor, Halali und Tralala, mithin: Regie-Fallstricke am laufenden Band. Neckisch-niedlich wie anno Dazumal geht natürlich gar nicht mehr, die Psycho-Variante geht auch regelmäßig schief, was also tun? In der vorösterlichen Neuinszenierung der Kölner Oper hat sich der junge lettische Regisseur Viestur Kairish der Sache angenommen und den Klassiker mit einer gehörigen Portion virtuoser Frechheit durch die Mangel gedreht; er sagt nicht nur Nein zum deutschen Wald, sondern räumt auch gleich den ganzen altgewohnten Mumenschanz mit ab, was ihm am Ende des Tages einen beleidigten Buh-Empfang bescherte. Sicherlich ist auch Kairish nicht das letzte Wort in Sachen Freischütz eingefallen, nicht der subjektiv-ultimative Durchbruch oder der überragende Geistesblitz, dafür ist die Inszenierung zu wenig geschlossen und konzeptionell nicht präzise genug, aber sie bietet pralles, erfrischendes und im besten Sinne respektloses Theater mit vielen starken Bildern und szenischen Aha-Effekten. Die bekannten Versatzstücke und Konstellationen kommen auch weiterhin vor, sind aber virtuos verulkt, bzw. grotesk überzeichnet. Das gilt für das Männlichkeitsritual der Jagd, die hier zum Paintball-Spiel zwischen Jägern und Bauern in absurden Anzügen mutiert, geht weiter über den barbiehaften Einheitslook der Frauen und das gerupfte Hähnchen aus dem Geflügel-KZ, das Max anstelle des Steinadlers vom Himmel schießt. Da studieren Agathe und Ännchen im Vorgriff auf eheliche Verrichtungen schon mal das Kamasutra – praktische Übungen eingeschlossen – und der Eremit erscheint als Tattoo-Artist, der Agathe und Max die geweihten Rosen unter die Haut sticht, hält ja auch viel länger als das herkömmliche Grünzeug… Die Freischütz-Welt wie Kairish und seine Ausstatterin Ieva Jurjāne sie uns zeigen, ist ein grell überschminkter Albtraum, eine groteske Phantasmagorie in schrägen Bonbonfarben, wirr, überdreht und um sich selbst kreisend, die voll ist von Heimsuchungen und Ängsten. Ein wichtiges Motiv der Inszenierung sind die permanenten Zirkus-Assoziationen, wobei das Circensische hier nicht nur die Funktion von Illusion, (Vor)täuschung und Verfremdung hat, sondern auch für das diabolische Prinzip steht, das Böse maskiert sich als Clown und der Böse schlechthin, Samiel, erscheint in verschiedenen Clownsmasken: als der Joker aus Batman ebenso wie als der Grüßaugust einer namhaften Fast Food-Kette oder in der Wolfsschlucht nur mit roter Perücke und gleichfarbiger Krawatte. Auch die Brautjungfern symbolisieren diese unheimliche Macht und Agathes verdrängte Ängste mit ihren Pappnasen im bleichgeschminkten Gesicht. Ausgerecht die Wolfs-Schluchz-Szene, also wo der Wolf schluchzt und nahezu alle Freischütz-Regisseure scheitern, ist hier der Höhepunkt: ein düster dräuender Spukwald à la Max Ernst, bevölkert von allem, was das Unterbewußtsein so gerne wegsperrt… Auch die Freikugeln werden geliefert von geklonten, rothaarigen und irrwitzig kreischenden Clowns, die sich die Munition aus dem Körper schneiden; ein richtig genialisch gruseliges Theaterbild. Sicherlich zündet nicht jede szenische Pointe gleichermaßen und nach der Pause geht der Inszenierung ein wenig die Luft aus und es bleiben einige lose Enden übrig; insgesamt aber ist das eine beeindruckende Talentprobe. Da kommt aus dieser Ecke Europas etwas auf uns zu: eine erfrischende und innovative Art, Theater zu machen nämlich, wie sie Kairish oder auch sein schon etwas bekannterer Landsmann Alvis Hermanis repräsentieren.

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Furchtbar gähnt der düstre Abgrund… (Foto: Bernd Uhlig)

Nun kann ein solches Konzept bekanntlich nur mit Sängern funktionieren, die das mitziehen und umsetzen. Dies war hier in hohem Maß gegeben, es wurde durchgehend mit Genauigkeit und Spielfreude agiert. Und auch sehr ansprechend gesungen, soweit sich dies in der wattigen und nivellierenden Akustik des Notquartiers namens „Oper am Dom“, einem plüschigen und atmosphärisch eher trostlosem  Musicaltheater hinterm Hauptbahnhof, wirklich beurteilen ließ. Andreas Schager, einziger Gast im Ensemble, besitzt für die heikle und immer schwierig zu besetzende Zwischenfachpartie des Max genau die richtige Balance zwischen lyrischer Innenschau und dramatischer Attacke, die Stimme besitzt gleichermaßen Schmelz und kernigen Glanz, wird flexibel und hochmusikalisch eingesetzt. Vor den Brennpunkten der Partie wie der berühmten Arie im ersten Akt – die noch vor ein paar Jahren jedes Freischütz-Publikum auswendig mitsingen konnte – oder dem Auftritt in der Wolfsschlucht macht sich Schager nicht nur nicht bang, er blüht hier richtig auf und scheint solche Momente zu genießen. Claudia Rohrbach interpretiert die Agathe deutlich lyrischer und fragiler als viele Kolleginnen, ihr silberheller Sopran verströmt Innigkeit und Wärme, wird nur in einigen exponierten Passagen von der Akustik etwas verschluckt. Dennoch eine Stimme, auf die man sicher bald auch andernorts aufmerksam werden wird. Am schwersten tat sich Gloria Rehm als Ännchen, sich in diesen Weiten Gehör zu verschaffen, ihre sehr leichtgewichtige Stimme ist zwar in der Relation zu Agathe durchaus adäquat, im Endeffekt aber oft die entscheidende Nuance zu dünn und zu wenig präsent. Solche Probleme kennt Oliver Zwarg höchstens vom Hörensagen, sein Kaspar ist ein selbstbewusst und kraftvoll auftrumpfender Bösewicht mit resonanzreichem Bassbariton, der dankenswerterweise in Spiel und Artikulation ohne die verbreiteten Überzeichnungen auskommt. Von den kleineren Partien sticht besonders der von der Regie stark aufgewertete Bauer Kilian hervor, den Martin Koch mit besonderer Spielfreude gibt, Dirk Aleschus (Kuno) und Paul Armin Edelmann (Ottokar) fallen da etwas ab. Das tut leider auch Young Doo Park als Eremit, für diese kurze, aber wichtige Partie benötigt man einfach einen ersten Bass mit entsprechendem Material. Ein fettes Sonderlob geht dagegen an den virtuosen Samiel von Renato Schuch und an den trotz starker darstellerischer Herausforderungen musikalisch stets sicheren Chor der Kölner Oper in der Einstudierung von Andrew Ollivant.

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Agathe (Claudia Rohrbach) mit Brautjungfern (Fotos: Bernd Uhlig)

Nun gab es an diesem Premierenabend neben der szenischen und der sängerischen Seite auch noch die orchestrale… Und die gestaltete sich zu einem Debakel. Das konnte man auch nicht mehr nur der problematischen Akustik anlasten; was der – glücklicherweise! – zum Saisonende scheidende GMD Markus Stenz (sich) hier geleistet hat, war über weite Strecken eine Frechheit. Schon die Ouvertüre kam so lahm, klangarm und mit bleierner Schläfrigkeit daher, dass man an eine akustische Täuschung glauben mochte. Leider besserte sich das den ganzen Abend nicht, Stenz spulte die Partitur staubtrocken, kraftlos und ohne Akzente herunter, von Interpretation oder gar Emotion konnte keine Rede sein, die Sänger waren völlig im Stich gelassen und fanden keinerlei Unterstützung. Zugegeben, ich war noch nie ein Fan dieses Dirigenten; aber so schlecht habe ich ihn auch noch nicht erlebt und ich kann mir diesen Auftritt nur mit vollkommener Lustlosigkeit zum Abschied in Unfrieden erklären. Auf jeden Fall hat er seinem Noch-Arbeitgeber und dem Publikum ein ganz faules Osterei ins Nest gelegt.

Erstaunlich war auch die Reaktion, bzw. Nicht-Reaktion des Kölner Publikums; die Beteiligten sangen und spielten praktisch in ein schwarzes Loch hinein; man stelle sich einmal die gepflegte Saalschlacht vor, welche diese Inszenierung an der BSO ausgelöst hätte! Hier klangen sogar die Buh-Salven am Ende mehr nach müder Pflichtübung denn nach leidenschaftlichem Streit für die Sache. Aber vermutlich hatte Stenz sie schon alle eingeschläfert…!  

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