Bayerische Staatsoper: “La Traviata” – 15./25.4.2014

Ein lautes BRAVO gab es bereits vor der dritten und letzten Vorstellung dieser Traviata-Serie zu verteilen, nämlich an Hausherr Nikolaus Bachler und seine Mitstreiter: an jenem Abend meinten ein paar braune Hohlbirnen vom rechten Rand doch tatsächlich, eine „Mahnwache“ abhalten zu müssen; ausgerechnet vor den Toren der Staatsoper. Deren Reaktion folgte prompt, mit einer kurzfristig organisierten Gegendemo, Spruchbändern an der Fassade und einer eigens engagierten Jazzkapelle zeigte das Haus dem Pack unmissverständlich, wo der Frosch die Locken hat, sehr zur Freude von Bürgern und Touristen.

BSO DemoDie Oper zeigt Flagge (Foto: Wilfried Hösl)

Aber auch was die Besetzung der aktuellen Ausgabe der Traviata – nach wie vor in der schon beinahe historisch zu nennenden Inszenierung von Günter Krämer im Programm – angeht, ließ man sich diesmal nicht lumpen und hatte engagiert, was gut und teuer ist; zwei altgediente Stars und dazu das Hausdebüt der überall fulminant aufstrebenden Sonya Yoncheva. Diese war als die Entdeckung des Abends eingeplant, doch es kam, zumindest in Teilen, einmal mehr anders als man dachte. Nach den ersten beiden Vorstellungen meldete sich Yoncheva unpäßlicherweise ab und wurde am letzten Abend kurzfristig durch Aurelia Florian ersetzt. Aurelia weeer? Ein Name, der selbst den größten Habitués Rätsel aufgab… Doch dann eroberte die an der Oper in Tel Aviv engagierte Rumänin das Haus und sein verwöhntes Publikum im Handstreich; als No Name gekommen, mit Ovationen verabschiedet. Und das vollkommen zu Recht. Mit ihrer schlanken Erscheinung, dem blassen Teint, den langen tiefschwarzen Haaren und den riesigen dunklen Augen wirkt Florian schon visuell beinahe wie eine Wiedergängerin der Kameliendame Marguerite Duplessis und ihre zwar nicht immer völlig klischeefreie, aber in jedem Moment intensive und hingebungsvolle Rollengestaltung zog einen in ihren Bann. Stimmlich geriet sicherlich noch nicht alles perfekt, hier und da schlichen sich mal Höhenschärfen oder ein etwas gaumiger Tonansatz ein, aber in vielen Momenten wusste sie mit zartherbem Timbre, weich fließenden Piani und innigem Ausdruck zu berühren, ja zu begeistern. Ein couragiertes und insgesamt sehr überzeugendes BSO-Debüt! Dabei hatte auch Sonya Yoncheva am ersten Abend keineswegs enttäuscht. Die junge Bulgarin verfügt über einen üppigen, klangvollen Sopran von edlem Timbre und eine attraktive Erscheinung, die Koloraturen und accuti des ersten Aktes sind etwas Geschmackssache… Verglichen mit der Kollegin wirkt ihre Rollengestaltung allerdings die entscheidende Nuance zu „gemacht“, zu unangefochten, zu sehr an der Oberfläche. Vom Schicksal Violettas, von ihrer unbedingten Leidenschaft, ihrer Seelennot und ihrem Untergang erzählt uns Yoncheva (noch) zu wenig.

Traviata - Villazon YonchevaRolando Villazón (Alfredo) und Sonya Yoncheva (Violetta) – Foto: Charles Tandy

Und was erzählte uns die Familie Germont, padre e figlio? Nun, zuallererst gab sie Anlass, über die Vergänglichkeit alles Irdischen sowie über die Art und Langlebigkeit von Stimmen und Sängerkarrieren nachzudenken. Schließlich dürfte es in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten kaum eine so wechselhafte, zwischen Glanz und Elend changierende Karriere gegeben haben wie die von Rolando Villazón, geprägt von Triumphen und Abstürzen im rasanten Wechsel, von existenziellen Stimmkrisen und gefeierten Comebacks. Sein impulsives Temperament, seine hemmungslos extrovertierte Darstellung und sein frisches, offensives Singen in Verbindung mit einem sinnlich-virilen Timbre haben Villazón groß gemacht; waren aber – da verrate ich jetzt nichts Neues – ebenso verantwortlich für den frühen Verschleiß und die wiederholten Krisen. Die Popularität und Strahlkraft seines Namens und seiner Persönlichkeit reichten schon immer weit über das genuine Opernpublikum hinaus, um das jetzt mal positiv zu formulieren. Und ebenjene Kreise lassen ihren Liebling nicht hängen, auch an diesen beiden Abenden bevölkerten die „Wetten dass“- und Carmen Nebel- Zuseher das Nationaltheater, tuschelten und schwätzten hemmungslos (Ja, das ist er, trotz Zylinder gleich erkannt…) und applaudierten fröhlich-ungeniert dazwischen, wenn Rrrrrolando wieder fünf Zeilen am Stück gesungen hatte. Darüber hätte man sich eventuell noch amüsieren können, doch am Ende wurde er dank dieser Hilfstruppen, „Claqueure“ heißt der einschlägige Fachbegriff, über die Maßen gefeiert – und das für die mit weitem Abstand schlechteste Darbietung des Abends. Che ingiustizia! Denn sein Alfredo bot stimmlich schlicht ein Bild des Jammers, da ist schon nicht mehr nur der Lack ab, die Stimme ist kaputt, in der Substanz beschädigt. Keine einzige Phrase gelingt mehr unangestrengt und frei, nur noch mit permanentem Überdruck und Pressen verdichtet sich die heiße Luft überhaupt noch zu einer halbwegs kontrollierten Tongebung, Intonation und Phrasierung sind über weite Strecken abenteuerlich und immer wieder kommt es zu massiven Brüchen und Aussetzern. Man kann sich leicht vorstellen, wie die Reaktion auf eine solche Leistung ohne großen Namen ausgefallen wäre… Man sollte den Besuch von Aufführungen mit Villazón in Zukunft nach Möglichkeit vermeiden; schon deshalb, um sich seine kostbaren Erinnerungen an dessen einst so herrliche Stimme nicht noch weiter zu zerstören. Zumal hier in der Person von Leo Nucci als Giorgio Germont auch das genaue Gegenbild zu erleben war: ein Sänger mit absolut intakter Stimme nach mehr als vierzig Jahren im Geschäft. Die Haltung eines ertappten Schulbuben, mit der Alfredo dem „La provenza il mar“ seines strengen Seniors lauschte, war verständlich, denn hier erteilte Nucci nicht nur seinen Kollegen eine Lektion in Sachen Verdi-Gesang. Einen Tag vor seinem 72. Geburtstag sang Nucci den Rest der Besetzung geradezu an die Wand, die Stimme ist vom Alter nicht zersetzt, sondern eher noch gereift, kernig-dunkel im Klang, elegant in der Linienführung und von beispielhafter Gesangskultur. Das ist stilistisch absolut Italian Old School, jede Phrase, jede Betonung, die klangvolle Textbehandlung und das sichere Gespür für vokale Effekte lassen eine Epoche der Gesangskunst noch einmal aufleben, die ansonsten allmählich von der Bildfläche verschwindet. Natürlich ist Nucci auf alte Tage kein moderner Sängerdarsteller geworden – das wäre ja auch zu viel verlangt – sondern ist nach wie vor in erster Linie Stimmbesitzer, der einen eher sparsamen Darstellungsstil pflegt und durch seine persönliche Ausstrahlung und Präsenz wirkt. Allerdings ließ er sich am letzten Abend von der neuen Partnerin im zweiten Akt zu einem wesentlich gesteigerten darstellerischen Einsatz motivieren.

Traviata - NucciBorn 1942 – still going strong! Leo Nucci als Giorgio Germont (Foto: Charles Tandy)

Neu waren nicht nur die beiden Violettas sondern auch Pietro Rizzo am Pult. Mit einer konzertanten Aufführung von Bellinis La straniera 2012 im Gasteig hatte er sich dem Münchner Publikum bereits vorgestellt und für weitere Aufgaben empfohlen. Das tat er auch hier und sorgte mit dem Staatsorchester für einen süffig-eleganten Verdi-Sound und war den Sängern ein sensibler und fordernder Partner. Auch er darf, wie die beiden jungen Damen und der alte Herr, gerne wiederkommen.

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2 Responses to Bayerische Staatsoper: “La Traviata” – 15./25.4.2014

  1. Jens says:

    La Traviata – vom Weg Abgekommene … das war ja wohl auch jeder der Dummkopf-Demonstranten mit ihrer “Mahnwache” vor der Oper. Manchmal sind die richtige Meister der (unabsichtlichen?) Situationskomik …

  2. Reiner says:

    Da bin ich froh dass ich in der zweiten Vorstellung am Samstag war! Da war wohl Rolando in seiner besten Form in dieser Serie.

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