Bayerisches Staatsorchester/ Kirill Petrenko – 29.4.2014

Der Honeymoon geht weiter! So könnte man dieses zweite Akademiekonzert des Staatsorchesters der Saison unter der Leitung seines neuen Chefs Kirill Petrenko zusammenfassen. Und auch das Publikum darf sich voll und ganz angesprochen und einbezogen fühlen; eine Viertelstunde Ovationen für ein Programm, dass drei selten aufgeführte und an sich sehr unterschiedliche Orchesterwerke von russischen Komponisten vereinte. Dass das an und für sich ja nicht unbedingt als experimentierfreudig verschriene Staatsopernpublikum hier abging wie eine Hundertschaft Teenager beim Robbie Williams-Konzert musste Gründe haben… Hatte es auch in der Tat. Denn was Petrenko hier zelebrierte, war wiederum ein Orchesterfest, eine wahre Orgie an Farben, Rhythmen und pulsierender Energie, dabei in jedem Moment von großer Leichtigkeit und musikantischem Drive.

Petrenko Der Magier vom Max-Joseph-Platz: Kirill Petrenko (Foto: Wilfried Hösl)

Ein wunderbares Kabinettstück und originelles Orchester-Showpiece ist die Alte russische Zirkusmusik von Rodion Schtschedrin, mit der das Konzert stimmungsvoll eröffnet wurde. Die musikalische Imagination einer Zirkusvorstellung irgendwo auf dem Land ist so plastisch, dass man nur die Augen zumachen muss und meint, die Clowns, Akrobaten und täppischen Tanzbären vor sich zu sehen; applaudieren tun übrigens partiturgemäß die Bläser. Abgesehen von einem öfter wiederkehrenden Tanzrythmus gibt es – zumindest beim ersten Hören – keine wirkliche Struktur, das Werk besteht aus einer Abfolge von Einzelmotiven und klanglichen Versatzstücken, mal triumphierend, mal grotesk, mal burlesk; wie im Zirkus eben. Mit Tricks und den kleinen Abweichungen Effekte zu setzen, das versteht der Wahl-Münchner Schtschedrin ebenso gut wie Meister Roncalli und selbst altgediente Konzertgänger staunten, welche Töne man auch ganz herkömmlichen Instrumenten bei entsprechend unorthodoxer Spielweise entlocken kann. Entsprechend groß war der Spaß an der Freud, beim Orchester, beim Dirigenten, beim Publikum und natürlich auch beim lautstark gefeierten Komponisten.

Davon gänzlich verschieden ist die musikalische Sphäre, in die Igor Stravinskij mit seinem 1931 uraufgeführten Violinkonzert in D führt. Man muss dem Diktum von Pierre Boulez, wonach Stravinskij nach 1921 keine einzige brauchbare Note mehr geschrieben habe, nicht zustimmen; aber so vollkommen falsch liegt der Maître auch nicht… Die etwas gewaltsam herbeigeführte Kontrastwirkung zwischen neobarocker Formensprache im Solo-Part und einem rhythmisch zugespitzten, beinahe maschinenhaften orchestralen Trommelfeuer erschließt sich nur bedingt. Zudem ist das Konzert geigerisch nicht wirklich dankbar, da die Solovioline mehr wie ein dünner melodischer Kitt zwischen den erratischen Blöcken des Orchesters wirkt und sich das Ausdrucksspektrum des Werkes generell in Grenzen hält. Petrenko tat alles ihm Mögliche, die Balance zu wahren und die wenigen wirklich emotional bewegenden Momente herauszuarbeiten und hörbar zu machen. Der erdig-dunkle und kraftvolle Geigenton des Solisten Julian Rachlin fügte sich hier bestens ins Konzept und wußte sich klanglich zu behaupten. Was Rachlin an Virtuosität und Feinzeichnung draufhat, war dann im Anschluß in der zugegebenen Violinsonate von Eugène Ysaÿe zu bewundern. Mit Jubel in die Pause.

Aber das Beste kam noch, die zweite Halbzeit trieb das Publikum zur Raserei und ließ den ersten Teil fast wie ein Vorgeplänkel erscheinen. Denn jetzt war Skrjabin angesagt, Alexander Nikolajevitch Skrjabin. Der genialisch wahnsinnige Grenzgänger, nicht nur zwischen den Jahrhunderten, sondern auch den Wahrnehmungen. Auch wenn die lange Zeit gern erzählte Legende, der Komponist sei ein Onkel des späteren sowjetischen Außenministers Molotov gewesen, inzwischen widerlegt ist, so war Skrjabin ein Exzentriker erster Ordnung, ein Sinnenmensch und Synästhet, der beim Komponieren Farben hörte und Klänge sah und neben dessen Sinfonien und Orchesterfantasien sogar Berlioz beinahe blass ausschaut. All das bietet auch seine dritte Sinfonie in c-moll op.43, besser bekannt unter ihrem Subtitel Le divin poème. Ein Titel, den man eigentlich nur ironisch verstehen kann, denn der Komponist entfaltet hier den reinsten Höllenritt, entfesselt die sinfonischen Elemente und huldigt der Lust. Die Partitur vereint die archaische Wildheit des frühen Stravinskij mit klanggewaltigen Huldigungen an Wagner und Liszt sowie der subtilen Farbigkeit der französischen Spätromantik, stets unerbittlich vorangetrieben von einer rhythmischen Motorik der Marke molto marcato. Und wie alle romantischen Klangräusche verführt auch dieser zur Übertreibung, zum undifferenzierten Lärmen, zur puren Lust am Krach; womit man dem Stück mit Sicherheit den Garaus machen würde. Petrenko dagegen hält die Zügel fest in der Hand, kontrolliert die Extase, ohne ihre Wucht zu schmälern, gewinnt der Musik Nuancen und Entwicklungen ab, die gefühlvollen Ruhepunkte gewinnen in seiner Interpretation ebenso reiches Profil wie die gewaltigen Entladungen. Auch in der Raserei bleibt der Klang transparent, flexibel und differenziert. Eine Meisterleistung, nach der es kein Halten mehr gab.

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