Bayerische Staatsoper: “Die Soldaten” – 25./28./31. 5. 2014

Das muss man sich mal wegtun – die Bayerische Staatsoper spielt Bernd Alois Zimmermanns alle Maßstäbe brechendes Bekenntniswerk Die Soldaten, und alle wollen hin und bleiben sogar da… „Suche Karte“-Schilder bei moderner Oper! In München! Und dann eine knisternde Stimmung im Saal, keine Proteste, keine vorzeitigen Aufbrüche und auch nach der Pause nur verschwindend kleine Lücken im Parkett. Und am Ende aller drei Vorstellungen Ovationen der Stärke 9 auf der Götterdämmerung-Skala. Das hätte es vor zehn Jahren noch nicht gegeben. Selbst wenn man die durchgehend begeisterten Premierenkritiken und den Kirill Petrenko-Faktor mal außen vor lässt; diese Soldaten sind ein Triumph auf der ganzen Linie und bereits jetzt der Höhepunkt der Saison.

Dabei ist diese Oper – so man bei diesem klanglich-szenisches Totaltheater überhaupt noch von Oper sprechen kann – auch fast fünfzig Jahre nach der Uraufführung noch das dickste Brett, das es im Musiktheater zu bohren gibt, neben Zimmermanns künstlerisch-philosophischem Absolutheitsanspruch und Überbau ist Wagner mit seinem Gesamtkunstwerk-Gedanken nahezu ein Waisenknabe. Denn der Komponist, laut humoriger Selbsteinschätzung „eine sehr rheinische Mischung aus Mönch und Dionysos“, geht in seiner einzigen Oper aufs Ganze, schont Prospekte nicht und nicht Maschinen und läutet das Ende der Oper, wie man sie bis dahin kannte ein. Oder doch nicht? Die Anforderungen an Orchester, Sänger und Bühnentechnik sind jedenfalls exorbitant und sprengen den Rahmen, das gigantomanisch besetzte Orchester fährt sage und schreibe 43 (!) Schlagzeuger auf, die Gesangspartien sind mörderisch in ihren Intervallsprüngen und Tonumfängen, es gibt zusätzlich zur Liveaufführung noch Tonbandzuspielungen, Bühnenmusik und di dentro-Effekte; und das alles läuft auch noch gleichzeitig und einander ergänzend ab… Denn Die Soldaten sind auch klang- und theatergewordene Philosophie und die handfeste Umsetzung der Definition der Zeit als Kugelgestalt, das sinnliche Erleben der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Klingt kompliziert? Aber hallo! In der Vorstellung des Komponisten verläuft die Zeit nämlich nicht linear, sondern bauscht sich sozusagen zur Kugel auf, zu einem Kontinuum, in dem alle Zeitformen, das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige, in jedem Moment gleichberechtigt präsent und erlebbar sind. Entsprechend löst sich die Handlung in mehrere parallel verlaufende Stränge auf, die nur sehr notdürftig der im Theater gewohnten Chronologie folgen, gebündelt in der berühmten Simultan-Szene zu Beginn des vierten Aktes, in der in dreieinhalb Minuten alle Charaktere, Handlungselemente, Szenen, Bilder und Klänge übereinander gelegt werden.

Soldaten1 Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Bühnenbild von Harald B. Thor (Foto: Wilfried Hösl)

Eigentlich ein Werk, das sich nur unter außergewöhnlichen Arbeitsbedingungen und in entsprechenden Räumen, ergo im Rahmen von Festivals, realisieren lässt und eher nicht im laufenden Repertoirebetrieb und nicht auf einer klassischen Guckkastenbühne. Wie gesagt: eigentlich. Uneigentlich geht es doch, wie diese überwältigende Realisierung der BSO zeigt. Lange Zeit fanden Aufführungen der Soldaten nur alle Jubeljahre überhaupt mal statt, wirkliche Vergleichsmöglichkeiten hatte man kaum und irgendwie war es schon ein Erlebnis, das Stück überhaupt auf der Bühne zu sehen und jeder ein Held, der sich daran wagte. In den letzten Spielzeiten nun hat es erfreulicherweise doch einige Neuinszenierungen gegeben, darunter bei der Ruhr Triennale und 2012 bei den Salzburger Festspielen sowie zuletzt zu Saisonbeginn in Zürich; inzwischen darf man also auch bei den Soldaten von Interpretation sprechen, auch wenn sie noch längst kein Repertoirestück sind und es vermutlich auch nie werden. All das sollte man im Hinterkopf haben um sich klar zu machen, wie exorbitant gut diese Münchner Produktion in allen Belangen ist; selbst die – durchaus vorhandenen – hohen Erwartungen wurden von Regie, Bühne, Technik, Orchester und Ensemble noch weit übertroffen. Dies ist einer jener raren Glücksabende, für die man als Zuschauer und –hörer lebt und die sich einbrennen bis ans Ende der Tage.

Soldaten3Michael Nagy (Stolzius) und Barbara Hannigan (Marie) – Foto: Wilfried Hösl

Die Soldaten zu inszenieren ist, um mal im Bild zu bleiben, ein Husarenstück. Zum einen muss man den szenischen Abläufen als solchen gerecht werden, die Unmengen an Personal sinnvoll auf der Bühne bewegen und die parallel ablaufenden Handlungsmotive kenntlich herausarbeiten und zum anderen ist es nötig, für die gesellschaftspolitische Anklage Zimmermanns und die entmenschte Brutalität, die sich im Werk Bahn bricht, Bilder zu finden, die genug Wucht besitzen und nichts beschönigen, dabei aber nicht billig oder voyeuristisch werden. Schließlich geht es um das Wüten eines gewalttätigen Kollektivs und seiner zerstörerischen Kraft, die es selbst in „Friedenszeiten“ ausübt, um die „Vergewaltigung aller durch alle“ wie der Komponist das Thema beschrieb. Dass Andreas Kriegenburg eine gute Wahl dafür sein würde, davon war nach seiner großartigen Wozzeck-Inszenierung – vor allem in den Kostümen von Andrea Schraad und der Maske sind denn auch gewisse Anklänge daran zu erkennen – und dem Ring hier am Haus auszugehen; Kriegenburg besitzt ein feines Gespür für soziale Zusammenhänge und ist immer dann am Stärksten, wenn es viel äußere Handlung und konkrete Ereignisse gibt. Die Simultanität des Geschehens übersetzt sich bestens im Bühnenbild von Harald B. Thor, dessen Konstruktion ebenso genial einfach wie einfach genial ist: zentrales Element sind sieben in Kreuzform zusammengebaute hölzerne Käfige mit Maschendraht, die durchaus an Kaninchenställe erinnern. Dieser Aufbau kann von ganz hinten bis fast zur Rampe hin- und hergefahren werden, auch die drei „Stockwerke“ sind einzeln fahrbar. Wie in einem Setzkasten werden hier die ganze Zeit singende oder stumme Personen und die von ihnen verkörperten Handlungsmotive sichtbar; entweder rein assoziativ, kommentierend oder auch in die Handlung eingreifend. Dies ermöglicht, zusammen mit der differenzierten Lichtregie von Stefan Bollinger eine permanente Verschiebung und Veränderung der Räume, macht Beziehungen, Ereignisse und Konstellationen sichtbar und schärft auch deren auditiven Nachvollzug. Mehr kann ein Bühnenbild nicht leisten! Die Personenführung ist, wie von Kriegenburg gewohnt, sehr präzise und natürlich, die Charaktere sind plastisch herausgearbeitet. In der Darstellungsästhetik wird durchaus in die Kiste gegriffen, die Mord- und Vergewaltigungsszenen kommen hart, blutig und ungeschönt, die Regie zeigt in jedem Moment unmissverständlich, was Sache ist, ohne sich in aufgesetzter Schmierage und bloßer Effekthascherei zu suhlen. Die Massen- und Simultanszenen im zweiten und vierten Akt sind bestechend strukturiert und von ungeheurer Wucht (Choreographie: Zenta Haertner), endlich mal eine Inszenierung, in der diese Momente verstanden und adäquat umgesetzt sind! Trotz der gewaltigen Schlußszene mit ihren Aufmärschen, Kommandogeschrei und Panzerketten vom Band sind Die Soldaten keine Antikriegs-Stück im eigentlichen Sinne, wohl aber eine grelle Phantasmagorie über entfesselte Gewalt und Verrohung, der das Individualschicksal der Marie entgegensteht. Das macht Kriegenburg in jenem letzten Bild noch einmal deutlich, indem er seine Protagonistin sich inmitten des grell artikulierten Irrsinns und der blutverschmierten George Grosz-Fratzen erheben und offenbar auch überleben lässt; noch einmal holt sie zu ihrem szenischen Leitmotiv aus, reckt die Arme und greift in die Luft; eine Mischung aus Engel und Kobold inmitten der Apokalypse. Und als der abschließende riesige Orchestercluster, der sogenannte „Schreiklang“ verebbt ist, hört man sie im Dunkeln noch für einige Sekunden weiteratmen. Es ist immer noch jemand zu Hause.

Soldaten4Barbara Hannigan (Marie), Daniel Brenna (Desportes) und Okka von der Damerau (Charlotte) – Foto: Wilfried Hösl

Und diese aufregende Inszenierung ergänzt sich mit der musikalischen Realisierung zu einem Gesamtereignis von überwältigender Eindringlichkeit und Emotionalität. Das Kraftfeld des Abends bildet das Staatsorchester unter der Leitung von Kirill Petrenko, der hier seiner ersten Saison in München die Krone aufsetzt. Das Orchesterspiel ist von einer sensationellen Präzision, Klarheit und Transparenz, immer wieder hört man Details und Klangwirkungen, die man nie zuvor so wahrgenommen hat. An keiner Stelle klingt die Musik unnötig „sperrig“ oder mechanisch, sie ist immer durchhörbar und glasklar, geht aber auch voll durch den Bauch, bleibt kein abstraktes Gebilde, sondern blüht regelrecht auf. Petrenko arbeitet die poetischen Momente und die verborgenen Schönheiten der Partitur heraus, ohne deren Härte und Schroffheit abzuschleifen oder etwas zu verniedlichen; darin unterscheidet sich seine Lesart stark von der Salzburger Aufführung von 2012, in der die Wiener Philharmoniker unter Ingo Metzmacher (zu) viele Kanten geglättet hatten. Da selbst der riesige Orchestergraben des Nationaltheaters nicht reicht, um alle Schlagwerker mit ihren Instrumenten aufzunehmen, ist die Perkussion ins benachbarte Probenhaus ausgelagert und wird live untergemischt, eine brillante Leistung der Klangregie von Wolfram Nehls, die auch für eine perfekte Realisierung der Tonzuspielungen sorgte.

Soldaten2Der Schreiklang (Foto: Wilfried Hösl)

Und wer meint, die moderne Musik kenne keine Primadonnen mehr, hat wohl noch nie Barbara Hannigan gehört. Die kanadische Sopranistin gehört längst zu den Marktführerinnen im Neutöner-Fach und eine Musik, die sie nicht technisch perfekt und zugleich sinnlich durchglüht singen könnte, müsste erst noch geschrieben werden. Auch Zimmermanns extreme Bandbreite zwischen rhythmischem Sprechen, Kantilene bis hin zu aberwitzigen Koloraturen und Falsettübungen erfüllt sie mit Bravour und Stimmschönheit, die vokale Beherrschung der Partie geht so weit, dass man kaum noch hört, wie abartig schwer das zu singen ist. Vor allem aber ist Hannigans Bravour nie Selbstzweck oder Dressurakt, sondern transportiert den Charakter der Marie, ihre überbordenden unkontrollierten Emotionen und ihren unaufhaltsamen Niedergang. Diese Marie ist eben nicht nur ein passives Opfer, auch wenn sie ihr Schicksal in keinem Augenblick selbst beeinflussen kann; entrückt, spielerisch und weltfremd tanzt sie durch eine grausame Welt, wird zum Spielball und bewahrt doch eine eigentümliche Stärke bis hin zum Ende. Eine vergleichbare Glanzleistung bietet auch Michael Nagy bei seinem Hausdebüt als Maries Verlobter Stolzius mit klangvollem, auch in allen Extremlagen geschmeidigem Bariton. Die Entwicklung der Figur vom verdrucksten Muttersöhnchen hin zur Selbstfindung, indem er den Rivalen Desportes und sich selbst vergiftet, zeichnet Nagy suggestiv nach, die kultivierte Textbehandlung verrät den erfahrenen Liedersänger. Desportes ist hier auch kein schneidiger Offizier und Aufreißertyp, sondern eher ein bulliges Scheusal, der mit seiner faschistoid angehauchten schwarzen Uniform und dem schmalzigen Scheitel nicht aus dem Einheitslook der Soldaten heraussticht; deutlicher könnte man kaum machen, dass Marie auf den Erstbesten hereinfällt. Daniel Brenna, bereits 2012 in Salzburg in dieser Partie besetzt, gibt ihn mit Mut zur Häßlichkeit, stimmlich ist eine gewisse Nachsicht angesagt, da es sich wirklich um eine nahezu unsingbare Schweinepartie handelt, die vermutlich keiner ohne Brüche und Schrammen durchsteht. Ähnlich fies zu singen ist auch die Rolle des Pirzel, des Wortführers unter den Offizieren; Respekt an Kevin Conners, der dessen ausschließlich in Extremlagen notiertes pseudophilosophisches und frauenfeindliches Gewäsch immer noch achtbar zu Gehör bringt. Auch der Rest des umfangreichen Ensembles verdient höchstes Lob, allen Beteiligten gelingen in ihren Episodenrollen eindringliche und präzise Charakterstudien, sei es Okka von der Damerau als pastos auftrumpfende Charlotte, Christoph Stephinger als Wesener, Christian Rieger als Garnisonsprediger Eisenhardt, Wolfgang Newerla als Mary, Nicola Beller Carbone als Gräfin La Roche und Alexander Kaimbacher als der junge Graf, Tim Kuypers als Haudy, Tareq Nazmi als Obrist und Heike Grötzinger als Stolzius‘ Mutter. Und schließlich feierte Hanna Schwarz als Weseners Mutter noch einmal einen bewegenden Kameo-Auftritt

Ein gewaltiger Opernabend, erhebend und verstörend zugleich. Gewiss kann man das Stück anders machen; aber nicht besser.

Soldaten5Jubel für alle! (Foto: Wilfried Hösl)

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