Bayerische Staatsoper: “Il barbiere di Siviglia” – 29.5./1.6. 2014

I due Barbieri di Monaco

Gegen Ende von Rossinis Oper, kurz bevor Intrige und Komödienwirbel dem Finale furioso entgegenrasen, gibt es einen Moment der Ruhe. Berta, Bartolos grämliche Haushälterin, hält sozusagen die Handlung an, um sich in einer kurzen Arie über die Torheiten der Welt und im Hause Bartolo im Speziellen auszulassen: „Il vecchiotto cerca moglie…“. Solche kurzen Soli der Nebenfiguren waren seinerzeit durchaus angesagt und wurden arie di sorbetto, Eiscreme-Arien, genannt; weil der Zuhörer sich in diesen drei Minuten mit Süßigkeiten versorgen konnte, ohne einen Auftritt der Stars zu verpassen. Hätte man dies in der ersten dieser zwei Vorstellungen so gehalten und sich unterdessen ein Eis oder eine Halbe Augustiner gekauft, so hätte man, ganz im Gegenteil, das sängerische Highlight des Abends verpasst. Klingt brutal, war aber so. Denn Hanna-Elisabeth Müller, eigentlich eine absurde Fehlbesetzung für die grantige alte Schachtel, sang diese Arietta mit so viel silbrigem Glanz, italienischem Schmelz und Musizierfreude, da hätte auch der alte Gioachino seine Freude gehabt…

Was das für den Rest der Besetzung zu bedeuten hatte, liegt auf der Hand: nichts Gutes. Wirklich schlecht gesungen und musiziert wurde nicht, aber der Abend geriet insgesamt zu einer äußerst zähen Angelegenheit, befallen vom Mehltau einer latenten Lethargie und Unlust. Angefangen vom routinierten, aber wenig befeuernden Dirigat von Antonello Allemandi setzte sich der Geist kultivierter Langeweile fort über die traurigen Relikte der immer schon grauenhaft dilettantischen Nicht-Inszenierung von Ferruccio Soleri bis hin zu einer zwar bemühten, aber vollkommen hilflosen und im Stich gelassenen Sängercrew; so etwas wie Spielleitung schien auch nicht mehr zu existieren und jeder latschte nur noch unkoordiniert irgendwo hin, in der Hoffnung, nicht allzu sehr im Weg zu sein… Das war keine opera buffa sondern ein Trauerspiel. Da konnte man mit den Sängern schon Mitleid haben, auch wenn diese größtenteils eher Zweitliga-Format aufwiesen. Am schwersten hatte es sicherlich Edgardo Rocha, der als Almaviva für den kurzfristig ausgefallenen Startenor und Publikumsliebling Juan Diego Flórez eingesprungen war. Rocha verfügt über eine sehr klangschöne und kultiviert geführte Tenorstimme, nur leider eine Nummer zu klein für die Weiten des Nationaltheaters. Zudem wirkt dieser Almaviva mehr wie ein schüchterner Student als wie ein selbstbewusster Adels-Macho und scheint in erster Linie nichts falsch machen zu wollen. So schafft er die virtuosen Passagen und Spitzentöne zwar, aber ohne Glanz und ohne sie wirklich zu Höhepunkten zu machen. Mit diesem amante konnte Rosina in Gestalt der Mezzosopranistin Kate Lindsey offenkundig wenig anfangen. Die schlanke und bildhübsche Künstlerin tat sich immens schwer, Zugang zu ihrer Rolle zu bekommen und agierte oftmals steif und beinahe verschlossen und irritierte auch stimmlich mit starken Registerbrüchen und maniriertem Vortrag. Der Figaro von Rodion Pogossov kam ebenfalls auf gebremstem Schaum um die Ecke, mit Kleinigkeiten wie Rhythmus oder Phrasierung hielt er sich nicht groß auf. Den stärksten Eindruck von den Protagonisten hinterließ Renato Girolami als Bartolo, ein saftiger italienischer Erzkomödiant in der Tradition eines Fernando Corena oder Enzo Dara; kauzig und kantig, aber witzig und auf den Punkt gebracht, ohne die Figur zur Charge herabzuwürdigen. Basilio dagegen wurde von Peter Rose arg grobianisch und unitalienisch über die Rampe gewuchtet, wir Älteren erinnerten uns dunkel, dass die berühmte Arie „La calunnia“ ursprünglich mal ein Crescendo enthalten hat…

BSO BarbiereIm Infight: Edgardo Rocha (Almaviva) und Kate Lindsey (Rosina) – Foto: Wilfried Hösl

Das war am Donnerstag. Und dann, drei Tage darauf, gleiche Stelle, gleiche Welle, geschah es: ein veritables Theaterwunder. Wieder Barbiere di Siviglia, wieder Bayerische Staatsoper. Aber Juan Diego Flórez hatte sich nach überstandener Luftröhrenentzündung wieder diensttauglich gemeldet und trat auf. Und änderte alles von Grund auf. So etwas kann immer mal passieren, aber eine solche Metamorphose von einem Abend auf den anderen habe ich in mehr als dreißig Jahren Opernexistenz nur selten erlebt. Das waren nicht zwei Vorstellungen, das waren zwei Stücke. Oder besser gesagt: am zweiten Abend fand das Stück statt. Anstelle von lauwarmem Roibos-Tee wurde nun der erhoffte Champagner ausgeschenkt… Trotz des einen oder anderen noch leicht belegten Tons lieferte Flórez eine Glanzleistung ab, sang mit strahlender Virtuosität, perfekter Technik und Linienführung, brillierte mit luzider Vollhöhe und differenzierter Farbgebung, strahlte in jedem Moment Autorität und Persönlichkeit aus. Das war nun wirklich der GRAF Almaviva, derjenige der die Ansagen macht und dessen purem Latino-Charme (nicht nur) die Damenwelt zu Füßen liegt. Die Auftritte als betrunkener Gardist und als falscher Musiklehrer gerieten zum Brüllen komisch, insbesondere seine wunderbar genaue Riccardo Muti-Persiflage im zweiten Akt. Aus jeder Kleinigkeit macht Flórez eine Aktion und gibt das Tempo vor, ist Herzstück der Aufführung. Selbstverständlich lässt er es sich auch nicht nehmen, die äußerst anspruchsvolle und zumeist gestrichene Finalarie „Cessa di più resistere“ zu singen und nochmal ganz tief in die vokale Schmuckschatulle zu greifen. Vor allem aber animierte er seine Mitstreiter zu einer kaum für möglich gehaltenen Steigerung, allen voran Kate Lindsey: die warf sich plötzlich mit Emphase in die Partie, spielte, wirbelte, war präsent und in der Rolle und auch die Stimme strahlte ganz anders, auch wenn nicht alle Manierismen verschwunden waren. Das Material von Rodion Pogossov blieb insgesamt nach wie vor etwas limitiert, er nahm aber darstellerisch Flórez‘ Impulse ebenfalls freudig an und agierte und sang ungleich differenzierter und lebendiger und auch allen anderen, eingeschlossen Chor und Orchester gelang eine große Steigerung. Das war mindestens ein Klassenunterschied, I due Barbieri di Monaco sozusagen.

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