“Die Analphabetin, die rechnen konnte” – Der neue Roman von Jonas Jonasson

Es war schon ein literarischer Coup erster Ordnung, als 2009 Jonas Jonassons erster Roman herauskam; ein Sensationserfolg out oft he blue. Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand verkaufte sich allein in Deutschland an die zwei Millionen Mal, die fällige Verfilmung kam dieses Frühjahr in die Kinos. Nun hat Jonasson wieder zugeschlagen und seinen Zweitlingsroman nachgelegt; Die Analphabetin, die rechnen konnte heißt der wiederum etwas geschraubte, aber doch originelle Titel. Natürlich musste der Autor sich von Teilen des Feuilletons vorhalten lassen, er habe nicht ein zweites Buch, sondern nur das erste ein zweites Mal geschrieben. Ein Diktum, das auch durch permanentes Wiederkäuen nicht richtiger wird! Denn Die Analphabetin erzählt eine ganz eigene Geschichte mit neuem Personal und Konstellationen, auch wenn Erzählweise, Figurencharakteristik und Handlungsführung dem bewährten Strickmuster folgen und man sich bei der Lektüre durchaus wiederholt an den Hundertjährigen erinnert fühlt.

Unbenannt

Das aber spricht durchaus nicht gegen den Roman. Die Geschichte und die Charaktere sind nicht weniger durchgedreht, originell und vollkommen irreal als im Vorgängerwerk, an einigen Stellen erscheinen diese sogar gespiegelt. Nach dem pensionierten Sprengstoffexperten Allan Karlsson, dessen Lebensgeschichte im Alter von hundert Jahren am Ende zu sein scheint und dann auf bizarre Weise in die Verlängerung geht, scheint die Protagonistin Nombeko Mayeki von Anfang an keine Zukunft zu haben. Die junge Südafrikanerin schuftet als Latrinentonnenträgerin (das gibt’s?) im Township Soweto, kann zwar zunächst weder lesen noch schreiben, ist aber ein Rechengenie mit einem siebten Sinn für Zahlen, Formeln, Gleichungen und andere mathematische Schrecknisse. Von einem stets besoffenen und auf beinahe rührende Weise unfähigen Ingenieur mit dem Auto angefahren, wird Nombeko dazu verurteilt, als Putzfrau und Mädchen für alles in den Dienst ebenjenes Ingenieurs zu treten. Der wiederum ist der inkompetente Leiter des streng geheimen südafrikanischen Atomwaffenprogramms und man ahnt schon, was kommt: das Mädchen aus dem Slum wird, irgendwie zumindest, zur Mutter der südafrikanischen Bombe. Unter den bizarrsten Volten der Handlung gerät sie nun, mit einer aus Versehen zusätzlich gebauten Atombombe ins Heimatland des Autors, wo sie weitere skurrile Typen kennenlernt, darunter zwei Zwillinge, die beide Holger heißen, von denen der eine aber von Amts wegen gar nicht existiert, eine zornige junge Anarchistin und ihre Großmutter, eine falsche – oder doch echte? – Gräfin und andere. Vor allem aber verknüpft Jonasson den Irrwitz dieser Handlung wiederum mit der Zeitgeschichte und ihren Protagonisten; zumindest rudimentäre Kenntnisse der schwedischen und internationalen Politik und Historie der letzten zwanzig Jahre sind für das volle Lesevergnügen also durchaus hilfreich… So macht ein junger Chinese, für den Nombeko (seltsamerweise beherrscht sie Chinesisch) mal übersetzt hat, Karriere und wird Staatspräsident, während sich die Atombombe zusammen mit dem schwedischen König und dem amtierenden Ministerpräsidenten im Laderaum eines gestohlenen Kleinlasters und wenig später in der Küche der Gräfin wiederfinden. Zu viel an Details soll hier und jetzt gar nicht verraten werden; auf jeden Fall steht die Geschichte dem Hundertjährigen in Sachen Skurrilität, Originalität, schrägen Typen und einer erfrischenden Missachtung jeglicher Realitäten kaum nach. Natürlich meint man, sicher nicht zu Unrecht, das alles schon irgendwie zu kennen; und läßt sich trotzdem wieder von Jonasson becircen. Denn der trockene Wortwitz, die Lakonik und die Abstrusität der Handlung überzeugen auch hier. Kleinere erzählerische Schwächen fallen angesichts des rasanten Grundtempos nicht weiter ins Gewicht, etwa dass einige Figuren keine wirklich in sich geschlossenen oder komplexen Charaktere sind, sondern lediglich Träger einer bestimmten Idee oder einer Charaktereigenschaft. Dafür ist die Analphabetin noch enger an die politische Aktualität und Gegenwart angelehnt und lässt sich durchaus als ein saftig-humorvolles Plädoyer für Toleranz und Chancengleichheit und gegen politischen Fanatismus lesen, ohne den Zeigefinger zu heben oder den stilistischen Rahmen zu sprengen.

Wiederum hat Jonas Jonasson keine Weltliteratur verfasst, aber einen sehr lesenswerten, auf hohem Niveau vergnüglichen und im besten Sinne unterhaltsamen Roman, eine wunderbare Sommer- und Ferienlektüre. Das Konzept – ist doch ein viel schöneres Wort als „Strickmuster – funktioniert auch beim zweiten Mal und wird mutmaßlich auch ein drittes und viertes Mal funktionieren, falls dem Autor weiterhin so hinreißend absurde Geschichten und Typen einfallen. Oder aber Jonasson überrascht uns nochmal und schreibt etwas vollkommen anderes?

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