BR-Symphonieorchester/ Yannick Nézet-Séguin – 27.6. 2014

Weltschmerz und Tristesse im Doppelpack? Und das mitten im sonnigen Münchner Frühsommer und hinein in weltmeisterlichen Begeisterungstaumel? Nun, als Gaudiburschen sind die beiden Komponisten dieses Abends in der Tat nicht verschrien, auch wenn Dirigent und Solist in der Generalprobe noch für einen Schmäh zu haben waren. Am Abend war dann selbstredend wieder Schluß mit Lustig und es wurde Orchesterkunst auf allerhöchstem Niveau geboten.

BRSO WeltmeisterNur ein Probengwand! Gil Shaham und Yannick Nézet-Séguin im Ausnahmezustand (Foto: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks)

Mit diesem letzten Abonnementkonzert der Saison beendete Gil Shaham sein Jahr als Artist in residence beim Symphonieorchester und zwar mit einem seiner erklärten Lieblingswerke, dem zweiten Violinkonzert von Béla Bartók. Sicherlich kann man geteilter Meinung sein, ob dieses Stück zu den besten Partituren des ungarischen Meisters gehört, es ist in seinem permanenten Kontrast von satztechnischer Modernität und folkloristischem Überschwang auf jeden Fall ein sehr typisches. Interessant ist besonders die wiederholte Verwendung von Zwölftonreihen, die hier aber vollkommen anders verarbeitet sind als beim Kollegen Schönberg und in der Tat wollte Bartók dieses Konzert durchaus als Kommentar zu dessen Klangsprache verstanden wissen. Kernpunkt des Werkes ist der zweite Satz, jenes Andante tranquillo von exquisiter lyrischer Innenschau, ein weltvergessenes poetisches Lamento von bannender Konzentration und Sprachmächtigkeit. Hier schlug denn auch endgültig die Stunde des Solisten und Shaham singt diesen Satz förmlich, mit erdig-sinnlichem, fast irreal schönem Geigenton, tief empfunden, bewegend und völlig frei von geigerischer Eitelkeit. Auch in den Ecksätzen wahrt Shaham immer die stilistische Grenze und verfällt nicht in jene billigen Zigeunerprimás-Klischees, die manch eine Phrase so verführerisch anbietet, meistert bravourös alle geigerischen Anforderungen, sein Spiel bleibt auch in den Randlagen immer klar, schlank und intensiv. All das sind Qualitäten, denen auch Yannick Nézet-Séguin am Pult huldigt, so dass sich auch im Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester große Momente ergeben, die künstlerische Vertrautheit und der Dialog werden geradezu körperlich spürbar. Eigentlich muss man es kaum noch jedes Mal schreiben, auch an diesem Abend zeigt sich das Symphonieorchester in allen Gruppen in Glanzform und zelebriert ein Fest der Farben, der Schattierungen und Zwischentöne, Nézet-Séguins eleganter Stil verbindet sich wunderbar mit dem spezifischen Klang des Orchesters.

Das galt auch für den zweiten Teil, Gustav Mahlers Erste Sinfonie. Auch wenn diese mit fünfzig Minuten Spieldauer für Mahlers Verhältnisse noch relativ bündig ausfällt, handelt es sich doch um ein sinfonisches Schwergewicht. Im Oktober 2010 hatte Riccardo Chailly mit dem BR-Symphonieorchester an selbiger Stätte den Untertitel Der Titan wörtlich genommen und eine geradezu unverschämt vitale, kraftstrotzende Interpretation abgeliefert; Nézet-Séguins Deutung ist eine ganz andere: elegant, innig und mit kontrollierter Extase. Bereits der Anfang, jenes lang ausgehaltene und in den kommenden Minuten im ganzen Orchester aufgefächerte a, „wie ein Naturlaut“ fordert es der Komponist, entfaltete eine mystische Leuchtkraft, das Erwachen von etwas faszinierendem, durchaus rätselhaften Neuen. Man kann das Werk sicherlich wilder dirigieren, zerklüfteter, drängender; doch auch Nézet-Séguin weiß ganz genau, wo in der Partitur das Opium steckt und er setzt es frei… Eine knapp einstündige Orgie, eine Selbstfeier entrückter Schönheit und Sehnsucht, ein gefühlstrunkener Tanz über dem Abgrund. Immer wieder reißt die musikalische Faktur kurzzeitig auf und offenbart ihre dunkle Seite, den Schmerz und Verlust. Diese Dialektik treibt Mahler im dritten Satz auf die Spitze, wo er dem Trauermarsch einen burlesken Wanderkapellen-Sound entgegenstellt und das Material zu feinem Klanggewebe vernäht. Diese Stellen sind schon schlagtechnisch höllisch anspruchsvoll – wie der gerade 39jährige Kanadier dies nicht nur meistert, sondern mit welcher Rafinesse und Genauigkeit er beide Sphären zu einer Synthese vereint, das darf man getrost sensationell nennen. Auch im Finalsatz mit seinem exorbitanten Crescendo verfällt „YNS“ keinen Moment in vordergründiges Lärmen, der Klang bleibt stets fokussiert und abgerundet. Vor allem aber enthüllt er die typisch Mahlerische Doppelbödigkeit dieses Finales, der Triumph ist nicht ohne Schmerz zu haben, dem Hymnischen wohnt immer auch das Dämonische inne. Ein Mahler für Kenner und Liebhaber, frenetisch gefeiert.

Advertisements
This entry was posted in Konzert. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s