Bayerische Staatsoper: “Guillaume Tell” – 28.6.2014

Schöner schwören unter Röhren

Düster geht sie los, die diesjährige Festspielpremiere: schwarz eingefasste Bühnenrampe, black Box, dazu ein funzlig heruntergedimmtes Licht im Zuschauerraum. Der Dirigent ist schon da und tritt unbegrüßt im Finstern ans Pult. Dann ein Spot, ein Mann im dunklen Anzug kommt auf die ansonsten stockfinstere Bühne… Will der jetzt eine Ansage machen, ist etwa der Tenor indisponiert? Nein, von hinten kommt ein zweiter, holt aus, schlägt dem ersten den Schädel ein, dumpfe Schläge und Geröchel statt Rossini. Licht wieder aus – und dann kommt die Ouvertüre? Nein, kommt sie nicht. Man springt direkt in die Introduktion des ersten Aktes, die Bühne ist voller Brautpaare; sind wir hier bei Wilhelm Tell oder bei der Moon-Sekte? Dieser Beginn ist, ebenso wie der Rest des Abends, mit „kryptisch“ noch wohlwollend umschrieben.

Ja, es wird dann schon Rossinis Guillaume Tell gespielt, jedenfalls eine brutal zurechtgemetzgerte Strichfassung davon, und auch die berühmte Ouvertüre kommt noch, irgendwann gegen Ende. Ist ja schließlich das einzige bekannte Stück der Oper; ein Schicksal, das der Tell mit Wagners Rienzi teilt… Eine Pause gibt es auch, mitten im dritten Akt, wenn schon knapp vier Fünftel des Stücks gespielt sind, die hätte man dann auch nicht mehr gebraucht. Die Ouvertüre folgt übrigens direkt nach der Pause und ist wüst bebildert mit Jemmys Schreckensvisionen im Moment des Apfelschusses, so oder so ähnlich ist das vermutlich gemeint. Am Ende steht jedenfalls der Papa wieder mit der Armbrust da und es kann weitergehen im Text. Die Balletteinlagen sowie mehrere Chorsätze sind gestrichen, das ist aus Gründen der zeitlichen und dramaturgischen Straffung noch einzusehen; warum aber auch manch andere Passage, etwa das herrliche Terzett der drei Frauenstimmen im vierten Akt, dran glauben musste, bleibt ein Rätsel. Im Sinne des Erfinders ist das alles sicherlich nicht, denn Guillaume Tell – wie der Meister im französischen Original natürlich heißt – ist eine Grand Opéra, ganz großes Bühnenspektakel, geschrieben für die Grande Boutique wie später Verdi das Pariser Nobel-Opernhaus missmutigerweise zu nennen beliebte. Und da war mit Kammerspielen kein Staat zu machen, da musste richtig rangeklotzt und alles aufgefahren werden, was man hatte. Von daher sind der Boulevard Haussmann von damals und die Maximilianstrasse von heute so galaktisch weit nicht von einander entfernt…

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Es kommt zum Schwur: Staatsopernchor und Solisten (Foto: Wilfried Hösl)

Außerdem ist der Tell natürlich ein Revolutions- und Befreiungsdrama à la bonheur und genau das war seinerzeit 1829 auch im weltläufigen Paris extrem angesagt, bei der Sage von Tell und seiner aufständischen Bergbauern-Guerilla bekamen sämtliche exilierten bürgerlichen Nationalisten aus Italien und dem Rest Europas vor Begeisterung Pipi in die Augen; und Rossini gab ihnen, ungeniert von eigenen weltanschaulichen Vorstellungen, das, was sie hören wollten. So richtig mit allem Drum und Dran, mit Kuhreigen und Sturm, Armbrust und Gesslerhut, Apfelschuß und Abenddämmerung, das ganze Programm. Das heute auf die Bühne zu bringen und gleichzeitig inhaltlich abzufragen, ist schon eine echte Herausforderung. Die Rolle des Volkshelden im Zwiespalt seiner Motivation, Tyrannenmord und Befreiungskampf und was das mit dem Einzelnen wie mit der Gesellschaft macht; das ist so in etwa das Spannungsfeld, das ein Regisseur bearbeiten müsste.

An der BSO hat man diese Aufgabe Antú Romero Nunes übertragen. Den dürfte wohl zuvor kaum jemand gekannt haben und in der Tat gab der erst 30jährige, in Tübingen geborene, Portugiese hier sein Operndebüt, nach einer Handvoll kontrovers diskutierter Schauspiel-Inszenierungen. An Chuzpe ist Hausherr Nikolaus Bachler eben doch schwer zu übertreffen… Oder hat dieses Engagement sonst keiner haben wollen? Skepsis war also angesagt; und zum Teil auch berechtigt. Nunes und sein Team sind am Ende des Tages am Guillaume Tell gescheitert, wenn auch nicht so krachend wie vielleicht zu befürchten war. Auf jeden Fall hat er keine so dreiste Arbeitsverweigerung abgeliefert wie der Kollege Schilling mit seinem unsäglichen Rigoletto. In Nunes‘ Arbeit blitzen hin und wieder Deutungsansätze auf und dass er die Titelfigur durchaus kritisch sieht, läßt sich zumindest erahnen: auch im Kampf um die gerechte Sache geht es schmutzig zu und auch ein Volksheld kann sich als skrupelloser Manipulator erweisen. So wird der alte Melcthal bei Nunes nicht von Geßlers Schergen ermordet, sondern von Tell und Furst, die damit den wankelmütigen Melcthal junior auf ihre Seite zwingen. Tell ist hier nicht der kantig-erratische Alpen- Che Guevara, sondern ein fanatisierter Spießer, ein nörgeliger und selbstgerechter Wutbürger mit ungekämmten roten Haaren, Hornbrille und Bundeswehrparka, den man sich auch an Emsländer Bahngleise oder schwäbische Parkbäume gekettet vorstellen könnte. Steht im Stück zwar etwas anders, aber von mir aus… Einige Details sind durchaus erhellend und von hintersinniger Komik, etwa die leicht verfremdete EU-Fahne als Geßlerhut oder die Spießer aus der Nachbarschaft, die sichtlich zum ersten Mal mit ihren neuen Kalschnikoffs herumfuchteln und Revolution spielen, obwohl sie kaum wissen wie man „Knarre“ buchstabiert. Nur leider können solche Momentaufnahmen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nunes sowohl ein dezidiertes Konzept als auch (zu) vieles an handwerklichem Können fehlt. Erstaunlich lebendig, wenn auch nicht immer wirklich sinnstiftend, ist ihm die Führung des Chores gelungen, was man von derjenigen der Solisten leider nicht sagen kann. Auch das Bühnenbild von Florian Lösche ist nicht wirklich hilfreich: eine Phalanx von mattglänzenden Rohren, die längs, schräg oder quer vom Schnürboden rauf und runter gezogen werden, auf und nieder immer wieder… Die vereinigten Schweizer Röhrenwerke sozusagen. Eine elegant-praktische Allgemeindekoration, ein Riesen-Mikado, unter dem man eigentlich alles von der Zauberflöte über Nabucco bis hin zum Parsifal spielen könnte. Spätestens alle drei Minuten ein neues Bild oder Anordnung; so täuscht man Action vor, wo eigentlich nur Leerlauf herrscht. Die Sänger dürfen sich zwischen den Rohren durchlavieren bis zur Rampe und dann: Adieu. Dann ist keiner mehr da und sie können sehen, was sie machen. Keine der Hauptfiguren, Tell ausgenommen, ist irgendwie charakterisiert oder motiviert; wer Arnold und Mathilde sind, was sie für einander empfinden und warum sie so handeln wie sie handeln? Keinen blassen Schimmer. Eine attraktive Frau und ein unbeweglicher bärtiger Typ im Anzug von der Stange, zwei zufällig mitspielende Lieferanten von Arien und Duetten ohne erkennbaren dramaturgischen Zweck. Der eine oder andere Ansatz mag vorhanden sein, konsequent umgesetzt ist nichts davon, zwischenzeitlich nähert man sich der konzertanten Aufführung an. Dafür wurde das Regieteam lautstark abgestraft; zwei laute Extra-Buhs verdienten sich Annabelle Witt für die abartig häßlichen Kostüme und Michael Bauer für die dilettantische Lichtregie: Schalter an, Schalter zu, klapp.

Tell1Gleich machts PENG und der Wurm ist tot: Evgeniya Sotnikova (Jemmy) und Michael Volle (Guillaume) beim Apfelschuß – (Foto: Wilfried Hösl)

Nicht nur für die Technik, auch für das Besetzungsbüro bedeutet der Guillaume Tell Hochleistungssport; vor allem die drei Hauptrollen wollen erstmal besetzt sein. Mit Michael Volle in der Titelpartie war man schon mal auf der sicheren Seite. Volle ist ein Bühnentier von fast manischer Präsenz, der sich den Charakter, auch in dieser etwas verschrobenen Deutung, zu eigen macht und dem es dank seiner Ausstrahlung immer wieder gelingt, die szenischen Leerstellen zu füllen; neben singenden Papiertigern ist er die einzige Figur aus Fleisch und Blut, charismatisch, glaubwürdig und überzeugend. Dass Tell außer dem kurzen Solo Sois immobile et vers la terre im dritten Akt keine Arie hat, ist schade, macht dramaturgisch aber Sinn: wer das Sagen hat, braucht nicht viele Worte zu machen. Lediglich in Sachen Lautstärke übertrieb er es zuweilen etwas, da schien sich Wotan/Wälse an den Vierwaldstätter See verirrt zu haben. Problematischer die Besetzung der äußerst nickeligen Tenorpartie des Arnold: der Amerikaner Bryan Hymel hat sich mittlerweile als Fachkraft für die sehr hohen und zugleich dramatischen Helden der Grand Opéra international einen Namen gemacht. Nach etwas wackeligem Beginn wurde Hymel im Laufe des Abends immer sicherer und blieb technisch nicht wirklich was schuldig, die vielen Spitzentöne, auch jenseits des hohen C, kamen wie auf Knopfdruck. Dennoch vermag ich in die Bravo-Salven nicht einzustimmen, das weinerliche Timbre, die enge, gepresste Tongebung und der insgesamt unschön larmoyante Vortrag des Künstlers sind einfach nicht mein Ding; auch im Wissen, dass sich die überragenden Besetzungsalternativen da nicht auftun. Arnolds Geliebte, die habsburgische Prinzessin Mathilde, ist als Rolle dramaturgisch eher unglücklich konstruiert, ihre Funktion im Stück fragwürdig. Allerdings hat sie die wunderbare Romanze Sombre forêt und andere Passagen zu singen, in denen Rossini seine ganze Meisterschaft zeigt; bestes Primadonnenfutter. Das nutzte Marina Rebeka und badete förmlich in Belcanto, ihr sehnig-dunkler Sopran klingt in allen Lagen glasklar, sehr gut fokussiert und großbogig phrasiert, die Höhe ist strahlend und spricht auch im Piano perfekt an. Auch was Differenzierung und Präzision angeht, geht sie als Siegerin durchs Ziel, lediglich ein Quäntchen mehr Wärme und Intensität könnte man sich vielleicht noch wünschen. Unter den zahlreichen mittleren und kleineren Partien stach vor allem Günther Groissböck als stimmgewaltiger Luxus-Schurke Gesler (kein Schreibfehler, im Französischen gönnt man dem Halunken nur ein s) hervor, eine Mischung aus Zirkusdirektor und blondborstigem Nazibonzen aus der Hollywood-Kiste. Evgeniya Sotnikova sang und spielte einen munteren Helden-Filius Jemmy, Jennifer Johnston eine pastose Hedwige. Hervorzuheben sind auch Goran Jurić als ungewohnt jugendlich besetzter Walter Furst und Kevin Conners als Rodolphe, während Enea Scala (Ruodi) und Christoph Stephinger (Melcthal) einige vokale Schwierigkeiten offenbarten.

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Schrecklich nette Familie, die Tells: Jemmy (Evgeniya Sotnikova), Guillaume (Michael Volle) und Hedwige (Jennifer Johnston) – Foto: Wilfried Hösl

Nun bleibt Guillaume Tell auch in dieser kruden Münchner Fassung immer noch eine große Chor-Oper und die Damen und Herren des Staatsopernchores (Einstudierung: Sören Eckhoff) waren stimmgewaltig und differenziert bei der Sache, nuanciert im Gesang und engagiert im Spiel. Auch das Staatsorchester präsentierte sich in sehr ansprechender Verfassung. Dan Ettinger setzte in seiner ersten BSO-Premiere auf einen warmen, geschmeidigen Orchesterklang und straffe Tempi, ließ es im Blech und in den Chorszenen gehörig schmettern, hatte aber auch die Ruhe für die lyrischen Zwischentöne. Da gab es nichts zu meckern.

Dennoch: trotz aller Klangschönheiten und Ansätze ist diese Produktion eine ziemlich zähe Angelegenheit, nicht Fisch und nicht Fleisch. Zudem im Repertoirebetrieb vermutlich nur schwer zu besetzen und zu handhaben, ein langes Bühnenleben dürfte diesem Guillaume eher nicht beschieden sein. Der aktuelle bayerische Landvogt Horst Seehofer war der Premiere übrigens ferngeblieben und ersparte sich die coram publico vollzogene Meuchelung seines Amtskollegen… Dafür waren Anna Netrebko und Katharina Witt anwesend, ist ja auch was. Und natürlich alle, die sonst a dabei sind und die man hier in der Landeshauptstadt deswegen Adabeis nennt, das übliche Gewese am roten Teppich eingeschlossen. Festspielpremiere halt. Ja mei.

 

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