Bayerische Staatsoper: Liederabend Anja Harteros/ Wolfram Rieger – 30.6.2014

Der Zauberin zu Füßen

Krise des Liedgesanges? Keine Rede davon! Jedenfalls nicht im glücklichen München, wo diese feinsinnige und filigrane, vielseitig-faszinierende Kunstform schon seit langem fester Bestandteil auch des sommerlichen Festspielprogramms ist. An diesem Abend war das Nationaltheater, für die Kleinform eigentlich grenzwertig groß dimensioniert, fast bis auf den letzten Platz gefüllt; und das, obwohl der Abend ja durchaus einen gewissen Konflikt zwischen hoher Kunst und profanem Massenspektakel heraufbeschwor… Welcher sich dank transatlantischer Zeitverschiebung und guten Zeitmanagements aber auch lösen ließ.

Schließlich galt es, einer Künstlerin zu lauschen und ihr zu huldigen, deren Auftritte nicht nur einfach Highlights im Programm sind, sondern die Musik in einer Weise erlebbar machen, die über ein Konsumieren-von weit hinaus geht; hier werden in Tönen und Worten die Essentials verhandelt, der Hörer gelangt in eine andere Welt und lernt etwas. Über die Musik, die menschliche Natur, im besten Falle auch über sich selbst. Transzendenz durch Gesang, eine Ahnung davon, wie sich das vollkommene Glück anfühlen könnte.

Liederabend A. Harteros W. Rieger c) W. Hösl Foto: Wilfried Hösl

Ein klassischer Liederabend, Stimme plus Klavier, eine Halbzeit Schubert, eine Halbzeit Brahms. Keines der beliebten „Aus-jedem-Dorf-ein-Hund“-Programme, ohne Schnickes, ohne Lichteffekt, ohne Opernarien im Zugabenteil. Einfach die beiden auf der Bühne und wir davor. Nicht alle Königinnen und Könige der Opernbühne herrschen auch im Liedgesang, Anja Harteros schon. Ihr opulent strömender und dabei immer perfekt fokussierter, sinnlich schimmernder Sopran verfügt über den vokalen Farbenreichtum, die Technik, Gesangskultur und Textbehandlung, die eine große Liedersängerin auszeichnen. Kein Drücker oder Manierismus stört die Gesangslinie, da wird nicht opernhaft aufgetrumpft, die Stimme aber auch nicht künstlich heruntergeschraubt. Alle Register sind perfekt verblendet, die Übergänge weich fließend und der Klang in jeder Lage innerlich erleuchtet. Wenn sich die Stimme in einigen Momenten entfärbt, tonlos, beinahe fahl, wird, dann weil sie es so will, weil der Textinhalt es so erzählt und erfordert. Auch die Neigung zum Über-Pointieren, zur Verdoppelung der besungenen Affekte – wie das ja manche Kollegen bis an den Rand der Absurdität getrieben haben – ist ihr fremd, sie teilt den Gefühlskosmos der Lieder immer ganz direkt mit; klar, direkt, mit schlankem, blühendem Ton und bewegender Farbigkeit.

Beide Hälften des Abends offenbarten dieselben überragenden stimmlichen Qualitäten, aber auch den sicher getroffenen stilistischen Kontrast zwischen beiden Komponisten. Zum Einstieg wählt Anja Harteros mit Schuberts Ganymed und Rastlose Liebe bewußt zwei Stücke mit viel Mittellage, straffem Tempo und anziehendem Gestus, danach ist die Betriebstemperatur erreicht und die Feinzeichnung kann beginnen. Denn die anderen sieben Schubert-Lieder des ersten Teils kreisen inhaltlich um Nacht, Traum, Weltvergessen und den Mond. In diesen filigranen Stimmungsbildern entfaltet Anja Harteros ihren ganzen Zauber, öffnet die Abgründe der romantischen Natur. Nacht und Träume; nach dem gleichnamigen Lied konnte sich das sehr disziplinierte Publikum nicht mehr halten und applaudierte spontan… Man musste einfach wieder zurückfinden. Nach diesem atmosphärisch geprägten ersten folgte nach der Pause mit Brahms ein zweiter Teil, der stärker von Kontrasten lebte, von ausgeprägt gestischem, „erzählendem“ Singen. Jetzt gab es mehr Affekt- und Tempokontraste, wurden kleine Geschichten formuliert, konnten die Künstler die gesamte Bandbreite ihrer Charakterisierungskunst zeigen. Durch den natürlichen und nuancierten Vortrag erklangen auch Klassiker wie Meine Liebe ist grün, Der Tod das ist die kühle Nacht oder Von ewiger Liebe mit wunderbarer Frische und Leichtigkeit, beinahe wie gerade im Moment entstanden. Hatte man dem knorrigen, notorisch unlustigen Vollbart-Musiker von der Waterkant gar nicht zugetraut…! Für zusätzliche Impulse und ein musikalisches wie gestalterisches Fundament sorgte den ganzen Abend Wolfram Rieger am Flügel; unter den Klavier“begleitern“ nicht nur technisch einer der versiertesten, sondern auch einer der besten Musiker. Rieger verfügt über eine erstaunliche Vielfalt an Farb- und Anschlagsnuancen und spürt den gesungenen Inhalten und Affekten nach; klangschön, sensibel und differenziert.

Mit vier weiteren Zugaben wurde das begeisterte Publikum noch beschenkt, darunter die heimliche Hymne aller Cäcilienjünger, Schuberts An die Musik. Es gibt viele Sänger, die vom Publikum gefeiert werden, Anja Harteros wird geliebt. Und an diesem großartigen Abend wußte man einmal mehr, warum das so ist.

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2 Responses to Bayerische Staatsoper: Liederabend Anja Harteros/ Wolfram Rieger – 30.6.2014

  1. Dr. Graditzke says:

    Also dieser Journalist hat da wahrscheinlich abgeschrieben und übernimmt dieses übertriebene Loben doch allzusehr, denn A. Harteros ist eine solide singende, funktionierende deutsche Liederstimme, welche in den Schubertlidern mädchenhaft und klar singt. Alles, was Drama und dramatisches Singen erfordert ist nicht gut, deshalb auch falsch gewählt von ihr. Sie sollte Lieder von Schubert, Schumann, Mendelssohnund Haydn und Mozart ! Brahms und Strauss kann sie einfach nicht singen, es ist wie alle ihre dramatischen Opernaktionen irgendwie falsch und unrein und steht ihr gar nicht, denn sie ist so mädchenhaft Deutsch im Klang und ihrer Art …. Und eine Königin der Oper ist sie ja auch nicht, denn sie singt weder Tosca noch Don Carlo, Traviata, La Forza etc. gut genug, weil sie nun einmal nicht die Stimme dazu hat. Aber dieser Liederabend, übrigens nicht voll besetzt mit Publikum , war ehrlich gesungen und intim und hat mir gefallen. Aber wir haben ja in Deutschland auch eine Waltraud Meier, Doris Soffel, Helen Donath, Edda Moser, Diana Damrau, Anette Dasch, Juliane Banse, Ildiko Raymondy, etc., die alle herrlich singen und da ist Harteros ja nicht die Königin. Wenn wir in Deutschland eine Soprankönigin haben, so müsste diese leider erst gebacken werden.

    • fabiusst says:

      Grüß Gott Herr Dr. Graditzke,
      normalerweise kenne ich es nur anders herum, nämlich, dass sich Fans bei mir beschweren, dass ihre Lieblinge angeblich zu schlecht weg kommen. Jetzt schreiben Sie mir, dass Sie meine Begeisterung für Anja Harteros nicht teilen… So what? Das ist mir, ehrlich gesagt, wurscht. Wie Sie schreiben, gibt es ja noch andere Sängerinnen (die Hälfte davon sind übrigens Mezzosopranistinnen oder singen ein ganz anderes Fach), dann wünsche ich Ihnen viel Vergnügen mit Ihren Favoritinnen. “Abschreiben” habe ich übrigens noch nie nötig gehabt, ich habe selbst Ohren.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Dr. Fabian Stallknecht

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