Bayerische Staatsoper: “Macbeth” – 1.7.2014

Nein, nicht etwa der Guillaume Tell als Festspielpremiere war als erste Veranstaltung ausverkauft… Aber bei weitem nicht! Ganz vorn in der Gunst der Melomanen standen vielmehr die beiden Vorstellungen von Verdis pezzo scozzese, dem „schottischem Stück“; bekanntlich vermeiden wir von Haus aus abergläubischen Theatermenschen es, den Dingsbumms da, den baritonalen Highländer, sie wissen schon wen, beim Namen zu nennen wenn es nicht unbedingt sein muss…

Zumindest auf dieser Wiederaufnahme von Martin Kušejs Inszenierung lastete kein Hexenfluch, im Gegenteil stand sie künstlerisch unter einem ausgesprochenen Glücksstern: Kušej, inzwischen als Residenztheater-Intendant ja praktisch next door zur BSO ansässig, hatte zwei Wochen lang mit der neuen Besetzung höchselbst gearbeitet und die Inszenierung bei der Gelegenheit nochmal intensiv aufgefrischt, die angekündigten Stars waren tatsächlich erschienen, willens und bei Stimme und liessen sich schonungslos auf Kušejs Konzept ein. Das Ergebnis war ein großartiger Opernabend von bannender Intensität und atmosphärischen Dichte, der keinen Schwachpunkt hatte. In der düsteren, albtraumhaften Sogwirkung der Regie und des Bühnenbildes von Martin Zehetgruber gehört diese Inszenierung ohnehin zu den szenischen Höhepunkten des Repertoires, ein nach wie vor sagenhaftes Stück Musiktheater, das nun nochmal wieder eine neue Dynamik bekommen hat. Ob jedem, der da für teuer Geld eine Karte gekauft hat, klar war, was auf ihn zukommt?

Macbeth1Das Unheil beginnt… Macbeth (Simon Keenlyside) und die Hexen (Foto: Wilfried Hösl)

Denn natürlich stand nicht der psychotisch mordende schottische Clanfürst als solcher im Mittelpunkt des Publikumsinteresses, sondern das Rollendebüt von Anna Netrebko als Lady. Sie ist seit Jahren schon das, was man in Italien un’artista di cartello nennt, also eine Künstlerin, deren ins Programm gedruckter Name alleine ein ausverkauftes Haus garantiert; angeblich waren dem Kartenbüro für die beiden Abende alleine 6000 schriftliche Kartenanfragen aus dem In- und Ausland auf den Tisch des Hauses geflattert. Eine Erwartung irgendwo zwischen gespannt und wahnwitzig, das muss man als Sängerin auch erstmal wegstecken. Und? Wie war sie denn nun, die Netrebko? Immer diese Vorreden…! Sie war phänomenal. Wir haben es hier sicherlich mit einer hochintelligent geplanten und aufgebauten Karriere zu tun und den Fachwechsel von der Belcanto-Queen ins Lirico spinto-Fach hat sie genau zum richtigen Zeitpunkt vorgenommen, besitzt noch die Leichtgängigkeit für die Koloraturen des Trinkliedes und der Cabaletta, aber auch schon die Mittellage und die Reserven für die anderen Soli. Die Stimme hat an Volumen, Klangfülle und Durchschlagskraft enorm gewonnen und meistert die dramatischen Anforderungen der Partie sehr souverän. Vor allem aber hört man endlich in dieser Rolle mal eine saftig-sinnlich timbrierte und intakte Stimme mit einwandfreiem Legato, welche die Partie wirklich singt, und eben nicht kreischt, blökt oder sonstwie peinvoll aus sich herauspresst. Das ist, beim Debüt in einer so komplexen und anspruchsvollen Partie zumal, ganz großes Kino und zeitweise vergisst man bei diesem präzisen, klangschönen und hochmusikalischen Vortrag glatt, wie immens schwer das eigentlich zu singen ist. Der einzige kleine Einwand: wirklich Todesangst stellte sich, zumindest bei mir, noch nicht ein. Die Farben des Wahnsinns, der schneidenden Mitleidlosigkeit, des Seelenhorrors kann und wird sie in Zukunft noch intensivieren und neu mischen, auch in der Interaktion von Textinhalt und Vokalfarbe noch mehr riskieren, noch radikaler werden.

Macbeth2

Anna Netrebko als Lady Macbeth – Foto: Wilfried Hösl

Wie das geht, konnte man einmal mehr bei ihrem Bühnenpartner Simon Keenlyside studieren, der in ebenjener Disziplin der Meister ist; wie er etwa mit der Phrase „Immobil terra, a‘ passi miei sta muta!“ innerhalb von gerade fünf Takten, nur mit den entsprechenden Mutationen von Klangfarbe und Dynamik deutlich macht, dass hier und in diesem Moment der Entschluss zum Königsmord und zum Umsturz der Weltordnung fällt, macht schaudern. Sein Macbeth ist ein von Tod und Krieg Besessener, ein Neurotiker und Grübler, auf der Suche nach dem Sinn seines Tuns und damit umso leichter verführbar, dazu seiner dominanten und attraktiven Frau rettungslos hörig; gerade die Augenblicke der erotischen Annäherung und Abhängigkeit gestalteten beide Darsteller mit zwingender physischer Präsenz, wie man sie auf der Opernbühne nicht jeden Tag erlebt. Macbeth ist, nach Don Giovanni und Wozzeck, nunmehr die dritte große Titelrolle, die Simon Keenlyside diese Saison hier am Haus verkörpert hat und, so seltsam das klingen mag, in seiner Interpretation entfalten diese drei Charaktere bei allen Unterschieden, einen starken inhaltlichen Konnex, werden zu einer Trias der Gestörten. Alle drei sind gesellschaftliche Außenseiter ohne Empathie, so gut wie bindungsunfähig und ausgestattet mit einem unerträglichen Maß an (selbst)zerstörerischer Energie, die im Laufe der Handlung psychisch komplett den Bach runter gehen. Das schottische Stück, sei es von Shakespeare oder von Verdi, gehört zu den großen Menschheitstragödien. Und bedarf daher eines solch großen Charakterdarstellers.

Auch die beiden mittleren Partien waren, dem Anlass angemessen, mit erstklassigen Kräften besetzt. Ildar Abdrazakov gibt den Banco mit weich und kantabel strömendem Bass und Joseph Calleja als Macduff vereint in seiner berühmten Arie „O figli! – A la paterna mano“ auf begeisternde Weise heroischen Glanz und melancholische Zwischentöne. Auch das Ensemble der BSO ist in den kleinen Partien mit großem Einsatz bei der Sache, nicht ganz auf der zuletzt gewohnten Höhe präsentierte sich diesmal der Chor, der sich ein paar kleinere Wackelkontakte mit dem Orchester leistete; angesichts des derzeitigen Programms durchaus nachvollziehbar.

Macbeth3 So geht’s dahin… (Foto: Wilfried Hösl)

Am Pult schließlich agierte mit Paolo Carignani einer der derzeit besten Verdi-Dirigenten auf dem Markt. Er bleibt mit dem sehr gut disponierten und aufmerksamen Staatsorchester nichts an Süffigkeit und schwelgerischem Melos schuldig, verliert sich aber nie im puren Schönklang, sondern hat immer das Drama und die Charaktere im Blick, die dunkel glühende tinta musicale realisiert er meisterhaft, kostet die Ruhepunkte der Musik aus und treibt in den Cabaletten und großen Steigerungen die Maschine auf Hochtouren. Wäre das schön gewesen, wenn er auch die Neuproduktion von La forza del destino dirigiert hätte!

Nicht jede Starbesetzung hält bekanntlich was sie verspricht, diese tat es. Und nächste Saison soll Anna Netrebko wieder am Max-Joseph-Platz vorbeischauen, dann als Manon Lescaut an der Seite eines gewissen Jonas Kaufmann… Interessierte Opernfans sollten also die Sommerpause nutzen, um die Campingausrüstung durchzuchecken!

 

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