Bayerische Staatsoper: “La Traviata” – 7./10.7.2014

Verdi und die Bayerische Staatsoper, das war dreizehn lange Jahre hindurch die Geschichte einer unglücklichen Liebe, bzw. eines fulminanten Mißverständnisses. Tatsächlich waren in der Intendanz Jonas, abgesehen von Falstaff, sämtliche Neuinszenierungen von Verdi-Opern danebengegangen und auch die Besetzungen hatten zumeist wenig Argumente geboten, den Verantwortlichen eine fachliche Kompetenz zuzusprechen. Das hat sich in den vergangenen Spielzeiten zum Glück grundlegend geändert, mittlerweile gehört das Haus auch in Sachen Verdi zu den großen Kompetenzzentren der internationalen Opernwelt. Davon zeugen auch die diesjährigen Festspiele, nach der grandiosen Wiederaufnahme des schottischen Stücks lag auch an diesen Traviata-Abenden, zumindest gefühlt, La Scala an der Isar.

Einer, der großen Anteil daran hat, stand auch jetzt wieder am Pult. Schon in der Januar-Serie hatte Paolo Carignani für grandiosen, authentischen Verdi-Klang gesorgt; diesmal gelang ihm, mit einer deutlich besseren Sängerbesetzung im Bunde, fast schon ein kleines Wunder. Der Klang ist bei ihm immer auch Klangrede, von betörend sinnlicher Sogkraft, aber auch klar strukturiert, von schillernder Farbigkeit, Wärme und Transparenz. Das plätschert nie dekorativ oder nebensächlich daher, sondern führt in jedem Moment ins Zentrum. Das ist Wohlklang mit Biss, sozusagen Oper al dente, musikalisches Drama durch und durch, spannend und leidenschaftlich mit perfekt dosiertem Pathos, ohne jemals schwülstig oder triefend zu werden. Bezeichnenderweise sind die größten Momente des Abends aus orchestraler Sicht weniger die berühmten Arien und Duette, sondern die beiden traumhaft atmosphärisch ausgekosteten Vorspiele zum ersten und dritten Akt sowie das große concertato am Schluß des zweiten Aktes; so präzise, ausdrucksstark und mit solcher räumlichen Tiefenschärfe hört man das live kaum einmal, jede Stimme war klar herausgearbeitet und absolut präsent und doch ist das mehr als nur die Summe der einzelnen Stimmen. Auch den Sängern ist Carignani wie immer ein aufmerksamer Partner, der Akzente setzt, aber auch welche aufnehmen kann.

Traviata1 Eine große Violetta: Diana Damrau, im Hintergrund Christian Rieger als Douphol (Foto: Wilfried Hösl) 

Anläßlich der Festspiel-Traviata vom letzten Jahr hatte ich geschrieben, dass von den vielen Violettas, die schon durch diese Produktion geschleust wurden, nur zwei, die damalige Premierenbesetzung Julia Varady und Anja Harteros, wirklich künstlerisch prägend waren in dem Sinn, dass sie die Rolle nicht nur exorbitant toll gesungen, sondern ihr auch ein ganz eigenes, persönliches und gestalterisches Profil gegeben haben. Jetzt ist mit Diana Damrau eine dritte hinzugekommen. Im Dezember hatte sie als Violetta debütiert, und zwar gleich an der Scala, es folgten weitere Auftritte in London und Paris. Und nun München, das nennt man dann wohl Champions League. Wie nicht anders zu erwarten, bringt sie in ihrer Interpretation zahlreiche Akzente und Details aus diesen Produktionen mit und gibt der Aufführung damit eine neue und frische Dynamik und Stringenz. Ihre Violetta ist vom ersten Augenblick an die Außenseiterin, ein unwirklicher Mittelpunkt einer Gesellschaft, die sie geschickt zu manipulieren versteht, aber auch eine psychische Grenzgängerin, die die emotionalen Schwankungen zwischen Lust und Vergnügen, Liebe und Verzicht und schließlich der zerstörerischen Krankheit, durchzieht bis es nicht mehr geht; eine absolut schonungslose und zugleich überzeugend moderne und differenzierte Sichtweise fern von jeder konventionellen Rührseligkeit. Und auch die vokale Vergegenwärtigung ist sensationell; mir fällt gerade keine Fachkollegin ein, die beiden Seiten der Partie so grandios gerecht würde. Damrau besitzt noch die virtuose Technik einer geborenen Belcanto-Sängerin für den ersten Akt, die Koloraturen und Läufe perlen nur so aus ihr heraus, die Vollhöhe kommt strahlend und mühelos. Aber die Stimme besitzt eben auch die Rundung, die tragfähige Mittellage und die Dramatik für die anderen Akte, hier werden Emotionen purster und existenziellster Art in Töne umgesetzt, das ist alles wunderbar fließend, hochmusikalisch, differenziert und von magischer Leichtigkeit. Kein Zweifel: Diana Damrau ist DIE Violetta des Augenblicks und höchstwahrscheinlich auch die des kommenden Jahrzehnts.

Traviata2 Hiergeblieben, mein Sohn! – Die Germonts reden Tacheles… (Foto: Wilfried Hösl)

Und was für musikdramatische Glücksmomente sich ereignen, wenn zwei Giganten und Gestaltungskünstler erster Ordnung aufeinander treffen, war im zweiten Akt zu bewundern, die große Szene zwischen Damrau und dem Germont von Simon Keenlyside wurde zum Zentrum des Abends. Keenlyside ist in dieser Rolle bereits eine feste Größe am Haus und hat den Germont die letzten Jahre regelmäßig hier gesungen. Auch diesmal beeindruckt sein genaues Rollenporträt des alternden Familientyrannen mit starker Präsenz und farbenreichem, wortdeutlichen und differenzierten Vortrag. Am ersten der beiden Abende spielte sich das Duett „Pura sicome un’angelo“ zu weiten Teilen im piano und pianissimo ab, mit wunderbar eleganter, fast schwebender Linienführung, in einem Haus dieser Größe durchaus gewagt, am zweiten Abend gaben beide deutlich mehr Dampf auf den Kessel und setzten stärkere dramatische Akzente. Die gelangen auch Joseph Calleja in der an sich nicht sonderlich dankbaren Partie des Alfredo. Schon in den konzertanten Lucia di Lammermoor-Vorstellungen letztes Jahr im Gasteig hatten er und Diana Damrau hervorragend harmoniert und auch hier boten die drei Duette der beiden sinnlich-schwelgerischen Verdi-Gesang; insbesondere in „Parigi, o cara“ begeisterte Calleja mit feiner Pianokultur und sensibler Tongebung, ohne seine große und kraftvolle Stimme gewollt zu drosseln, Pianogesang ist eben nicht einfach nur leise! Dass er in den entsprechenden Momenten wie „Dei miei bollenti spiriti“ oder im Schlußensemble des zweiten Aktes stimmlich aus dem Vollen schöpft und richtig mit Wonne aufdreht, versteht sich bei diesem famosen Sänger ja ohnehin von selbst. Die aus dem Hausensemble besetzten Comprimarii hielten das überragende gesangliche Niveau diesmal nur bedingt und auch der Staatsopernchor leistete sich, vor allem am ersten Abend, den einen oder anderen Wackler, spielentscheidend war beides nicht.

 

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