Bayerische Staatsoper: “Le nozze di Figaro” – 17.7.2014

Je später der Abend… Ja, wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet, passiert in dieser Inszenierung von Dieter Dorn doch noch etwas Sinnvolles. Im letzten der vier Akte nämlich, da ist dem Regisseur tatsächlich ein Einfall gekommen, Taratata und Tusch in Es-Dur! Das Schlußbild im nächtlichen Garten nämlich ist weiß. Jawohl, weiß. Bianco, blanche, white. Und knallhell ausgeleuchtet, ein blendend aseptischer weißer Kasten mit weißen Bodentüchern, unter denen man sich herrlich lustig verstecken und über einander stolpern kann. Was uns der Künstler sagen wollte? Na, dass das gegenseitige Nicht-Sehen, die Maskeraden und Verwechslungen nicht in profaner Dunkelheit begründet sind, sondern in der Verblendung, dem einander nicht sehen wollen, den persönlichen und standeseigenen Dünkeln, der dummen Eifersucht. Kann man so sehen. Und das ist das einzige, was einem so namhaften Theatermann wie Dorn zu Le nozze di Figaro eingefallen ist? Leider ja. Der Einfall ist nicht der Brüller, aber er ist gut; nur leider viel zu spät, um noch irgendwas zu retten von dieser ausgesprochenen Schlafwagen-Inszenierung. Dem vorausgehen tun nämlich drei Stunden Leerlauf und bleierne Langeweile, ein Theaterabend zum Abgähnen, völlig zu Recht hatte ein bekannter Münchner Kritiker dieses fade Arrangement bei der Premiere 1997 als „Die Beerdigung des Figaro“ bezeichnet. Wo Dieter Dorn weilt, ist Jürgen Rose natürlich nicht weit und auch in diesem Fall hat er seine übliche Schuhschachtel mit drei Türen aufgebaut, in diesem Fall eben in Weiß und in den ersten drei Akten mit Türblättern und spärlicher Möblage. Eine hochkünstlerische, hochästhetische, hochseriöse Arbeit, wie manche Kritiker sie immer schon geschätzt haben; nur lachen tut keiner. Worüber auch? Sämtliche komischen Konstellationen und Momente sind wie in Anführungszeichen inszeniert, „Obacht, gleich wollen wir mal komisch sein!“ und die schier endlosen Pausen in den Rezitativen erledigen auch den letzten Rest an theatraler Vitalität. Lieber Herr Bachler, bitte werfen Sie die Müllpresse an und erlösen Sie uns von diesem Krempel! Und wenn Sie schon dabei sind, können Sie die vom selbigen Team verbrochene Così fan tutte gleich mit dazupacken… Merce vielmals!

Die Lethargie und Unlust, die nach wie vor von dieser Inszenierung ausgehen, sind kaum zu beschreiben und haben sich für fast alle bisherigen Solisten als unüberwindlich erwiesen. Dass an diesem, musikalisch bemerkenswert gut geprobten, Abend tatsächlich so etwas wie Theateratmosphäre entstand, spricht sehr für die außerordentliche Qualität dieser Besetzung. Für frischen Wind sorgte zunächst Dan Ettinger am Pult. Mit straffen Tempi, pulsierendem Gestus und schön abgestuftem Orchesterspiel sorgte er für ordentlich Schwung, ohne größere Exzesse in Sachen Tempo oder Dynamik; ein flüssiges und sängerfreundliches Dirigat.

Figaro “Non più andrai…”: Cherubino (Kate Lindsey) lauscht Figaro (Erwin Schrott) – Foto: Wilfried Hösl

Was die Besetzung angeht, schien die Vorstellung zunächst nicht vom Glück verfolgt zu sein: nachdem die als Cherubino angekündigte Christine Schäfer bereits im Vorfeld absagen musste, traf es am Vortag auch die Susanna Ekaterina Siurina und vor der Aufführung ließ sich dann auch noch Véronique Gens als Contessa wegen einer noch nicht ganz ausgeheilten Erkältung ansagen… Jene machte sich zunächst in Form eines beständigen Vibratos und einer belegt klingenden Mittellage auch bemerkbar, im Verlauf des Abends konnte sie sich aber zunehmend freisingen. Gens‘ Gräfin könnte mit ihrer hochgewachsenen, schlanken Erscheinung und ihrer Ausstrahlung auch in einer antiken Tragödie mitspielen und auch die stimmliche Gestaltung strahlt vor allem Vornehmheit und Autorität aus, ihre bürgerlichen Wurzeln hat diese Contessa lange hinter sich gelassen. Anstelle von Siurina übernahm Hanna-Elisabeth Müller die Susanna; eine Darbietung der Marke „Wozu in die Ferne schweifen…“. Die hochbegabte junge Sängerin aus dem hauseigenen Ensemble konnte sich nicht nur bestens gegenüber den prominenteren Kollegen behaupten, mit ihrem silbrig aufblühenden Sopran setzte sie auch einige Glanzlichter. Ich habe sicherlich schon quirligere Susannen erlebt, aber in den lyrischen Ruhepunkten bezaubert Müller mit wunderbarer Pianokultur, sinnlich schimmernder Tongebung und großer Musikalität, die Rosenarie habe ich lange nicht mehr so zauberhaft schön gesungen erlebt. Grundsolide, wenngleich etwas manieriert in Phrasierung und Artikulation, gab Kate Lindsey den Cherubino und vervollständigte somit das zentrale Damen-Trio. Für die Reibungspunkte sorgten die beiden prächtig besetzten bassbaritonalen Kontrahenten. So ist Gerald Finley derzeit einer der besten und stilsichersten Mozart-Sänger weltweit, sein Conte Almaviva ist szenisch wie vokal der Chef im Ring, das ausgesprochen virile und geschmeidige Timbre zaubert puren Klangluxus ins Rund. Dank seiner stupenden Technik, Stimmbeherrschung und Farbenreichtum zieht Finley sämtliche Register des selbstbewußten, impulsiven, aber auch charmanten Provinzpotentaten. Sein aufmüpfiger Diener Figaro steht ihm in Gestalt von Erwin Schrott an diesem Abend kaum nach: auch Schrott zeigte sich bestens bei Stimme und sang in allen Lagen sonor und mit opulenter Klangfülle. Vor allem aber fügte er sich bestens ins Ensemble ein und agierte, durchaus ein wenig wider Erwarten, sehr diszipliniert und „mannschaftsdienlich“ und verzichtete auf die ihm sonst leider manchmal eigenen Übertreibungen und Manierismen. Übrigens waren beide in der Programmvorschau kurioserweise mit vertauschten Rollen, also Schrott als Conte und Finley als Figaro, angekündigt worden; das soll tatsächlich kein Druckfehler, sondern so intendiert gewesen sein… Und wurde auf Wunsch von Erwin Schrott korrigiert. Gut so!

Wenig homogen präsentierte sich das Ensemble in den kleineren Partien: während die beiden einzigen „Überlebenden“ aus der Premiere, Ulrich Reß (Basilio) und Kevin Conners (Don Curzio) immer noch prägnante Rollenporträts abliefern, sind Heike Grötzingers Marcellina und Umberto Chiummos Bartolo kaum festspielwürdig. Peter Lobert, ab der kommenden Saison neues Ensemblemitglied, führt sich als Antonio stimmgewaltig ein und Elsa Benoit gibt eine schön gesungene Barbarina.

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