Staatstheater Nürnberg: “Les Huguenots” – 20.7.2014

The Artist is present…

„Seit Wagner schätzt kein Bayer mehr, wie ehedem, den Meyerbeer…“ – an dieser galligen Weisheit ist schon was Wahres dran. Überhaupt scheint ihn keiner mehr so recht zu mögen, und doch war der Berliner Wahl-Franzose, ursprünglich Jacob Meyer-Beer mit Namen, zu seiner Zeit einer der großen Branchenführer und Musiktheater-Magnaten; gerade Les Huguenots waren mal eine der kommerziell erfolgreichsten Opern der Musikgeschichte mit über tausend ausverkauften Vorstellungen an der Pariser Opéra. Und heute? Geht da nicht noch was? Nichts mehr. Vom Publikumsmagneten zum Kassengift, einer der tiefsten Abstürze, die je ein Maestro im Urteil der Nachwelt hingelegt hat. Und daran ist nicht nur der Feldzug schuld, den der besagte namhafte sächsische Tonsetzer gegen ihn geführt hat. Meyerbeer gilt heute als erledigt, ein Fall für die Theaterwissenschaft und –historie, aber offenbar nicht mehr gut genug für ein heutiges Publikum. Was zunächst erstaunt, denn auf den ersten Blick passen der Autor und das von ihm maßgeblich begründete Genre der Grand Opéra doch bestens zur heutigen Event- und Spektakelkultur. Schon Meyerbeer liebte es, in seinen Opern das ganz große Rad zu drehen: große historische Stoffe, spektakuläre Bühnenbilder und Szenenwechsel, Lichteffekte auf dem allerneuesten Stand der Technik, dazu große Stimmen und vokaler Glanz noch und nöcher. Aber: ist der Ruf erst ruiniert… Ob es am miesen Renommée seiner Musik oder am enormen Aufwand liegt, den diese Werke erfordern, ist schwer zu sagen. Jedenfalls ist von einer Meyerbeer-Renaissance weit und breit nichts zu sehen, sogar im aktuellen Meyerbeer-Jahr (150. Todestag) ist das Staatstheater Nürnberg das einzige Opernhaus, das sich daran gewagt hat.

Hat sich das Wagnis gelohnt? Vordergründig sicher, jetzt hat man es mal auf der Bühne gesehen. Neugier und Opern-Tourismus haben für ein volles Haus gesorgt und das Presse-Echo war hervorragend bis hymnisch. Ein weiterer Erfolg für Intendant Peter Theiler und sein Team, die ja ohnehin einen der interessantesten Opernspielpläne der Republik, und weit darüber hinaus, veranstalten. Ob Meyerbeer dagegen wirklich einer der großen Verkannten der Musikgeschichte ist und sein Oeuvre eine Bereicherung für die Spielpläne wäre, bleibt allerdings auch nach diesem Feldversuch eher zweifelhaft. Das ist schon gut gemachte Musik und der Maître hat sein Handwerk verstanden. Da werden Stilebenen der deutschen Romantik, des italienischen Belcanto und des französischen Drame Lyrique verschmolzen, es gibt große Chorszenen, gewaltige Orchesterfluten und spektakuläre, teilweise abartig schwer zu singende Solonummern und richtige Durchhänger sind selten. Was der Partitur aber doch fehlt, sind die wirklich zündenden melodischen Einfälle und ein unverwechselbares musikalisches Idiom. Die Musik taugt zur Illustrierung des Bühnengeschehens, vermag dieses aber nicht zu prägen und zu bestimmen, sie läuft irgendwie nebenher, ist nicht suggestiv genug. Bei aller melodischen Eingängigkeit und Schmissigkeit bleibt am Ende des Tages erstaunlich wenig davon im Gedächtnis.

Die Hugenotten Ein verteufelt schwieriges Stück… (Foto: Jutta Missbach)

Um ein Haar hätte diese letzte Aufführung der Saison gar nicht stattfinden können, da ein Allergieschub die Interpretin der Marguerite de Valois kurzfristig stimmlich außer Gefecht gesetzt hatte. Und das bei einem Stück, wo die Zahl der Besetzungsalternativen stark gegen Null tendiert…! Eine einzige gab es aber doch; und das war niemand Geringeres als Laura Aikin. Sie konnte telefonisch erreicht werden und war auch bereit, auf dem Weg zum Münchner Flughafen einen Abstecher über Nürnberg zu machen und die Aufführung zu retten, indem sie der nur agierenden Kollegin Leah Gordon vom Notenpult aus ihre großartige Stimme lieh; dazu später mehr.

Eigentlich ist eine Oper wie Les Huguenots ein gefundenes Fressen für jeden Regisseur: zum einen sorgt das Genre Grand Opéra mit ihrer auf szenisches Spektakel gebürsteten Tableau-Dramaturgie schon dafür, dass sich Regisseur und Ausstatter mal so richtig ungeniert austoben können, zum anderen bietet sie einen brisanten Inhalt, der bis heute leider nichts an Aktualität verloren hat. Es geht im Kern um eine Romeo & Julia-Geschichte vor dem historischen Hintergrund des Hugenottenpogroms vom 23. auf den 24. August 1572, der berüchtigten Bartholomäusnacht, in der in Paris Tausende Hugenotten vom katholischen Mob massakriert wurden, ein kaltblütig und sorgsam geplanter und durchgeführter Massenmord aus religiösem Wahn. Religiöser Fanatismus, Massenhysterie und gesellschaftliche Destruktion; das ist der Themenkomplex, in dem diese Oper spielt. Dazu entwickelt der Librettist, Großmeister Eugène Scribe, drei weitgehend autonome Handlungsstränge, die anhand einzelner Figuren zusammengeführt werden: auf der einen Seite die Königin, die trotz ihres hohem Amtes der Barbarei hilflos zusehen muss und der katholische Adelige Comte de Nevers, beide auf Versöhnung und Ausgleich bedacht und auf der anderen Seite die ideologischen Hardliner und Glaubenskrieger, der Comte de Saint-Bris und der hugenottische Haudegen Marcel. In der Mitte steht das verhinderte Liebespaar, Saint-Bris‘ Tochter Valentine und der hugenottische Edelmann Raoul de Nangis. Klare Inhalte, klare Konstellation und eine sinnstiftende dramaturgische Konstruktion; der alte Scribe hatte es einfach drauf. Leider gerät in der Nürnberger Inszenierung vieles zu halbherzig und als Ganzes nicht überzeugend. Das liegt nicht nur daran, dass Tobias Kratzer, wie schon in seiner Inszenierung der Csardàsfürstin am Theater Klagenfurt (siehe Archiv Februar 2014) nicht einfach die Geschichte erzählt, sondern unbedingt wieder eine Rahmenhandlung drum herum bauen muss. Hier erfindet er die Figur eines Malers, der in seinem kahlen, aber großflächigen Mansarden-Atelier über den Dächern von Paris, mit Blick auf Nôtre-Dame (Ausstattung: Rainer Sellmaier), „Bilder der Versöhnung“ schaffen will; was immer man sich darunter vorzustellen hat. Im Konflikt zwischen Katholiken und Hugenotten sieht Kratzer einen Konflikt zwischen „Bilderlust“ und „Bildverbot“, zwischen Sinnlichkeit und Askese und ist zudem darauf gekommen, dass „tableaux“ übersetzt ja auch „Bilder“ bedeutet… Das ist, mit Verlaub, als Konzeption schon etwas dünn. So geistern die Opernfiguren, vom Maler mit historischen Kostümen ausstaffiert, durchs Atelier und umgekehrt der Maler als Nevers durch die Opernhandlung, eine Vernissage seiner selbst, The artist is present sozusagen, und zwar in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, in der Fiktion wie in der Realität. Beide Ebenen vermischen sich schließlich, bis dann irgendwann der verzweifelte Nevers den Schauplatz mit Malerfolie auslegt und statt Leonardo-ähnlicher Zeichnungen nur noch rote Schüttbilder à la Hermann Nitsch produziert… Einen ästhetischen oder deuterischen Mehrwert sehe ich da nicht, man gewöhnt sich dran. Gravierender ist, dass die Bilder, die Kratzer aufruft, als solche zu schwach, zu museal, zu wenig suggestiv sind. Man hat beinahe den Eindruck, als wolle er einen klassischen Kostümschinken abfeiern, wofür er sich, als moderner Regisseur, durch den einen oder anderen V-Effekt sozusagen entschuldigt. Mehr als buntscheckige Opernkonvention kommt dabei leider nicht heraus, auch wenn Kratzer immer wieder versucht, das Ganze mit diversen szenischen Gimmicks aufzumöbeln: da schlüpft eine Gruppe niedlich gruseliger Teufelchen durchs zerborstene Fenster, ein Palantir wirft verschwommene Projektionen von Kriegsszenen und Leichenbergen an die Wände und am Ende des dritten Aktes reitet La Reine Margot gar auf einem echten Brauereiross auf den Schauplatz… Da wird es dann langsam billig. Vor über zwanzig Jahren hatte John Dew Les Huguenots an der Deutschen Oper Berlin inszeniert und mit dem Tod der drei letzten Protagonisten im Kugelhagel vor der Berliner Mauer ein Theaterbild gesetzt, dass seitdem zur Ikonographie des Musiktheaters im 20. Jahrhundert gehört. Verglichen damit wirkt Kratzers Regiearbeit bieder.

Die Hugenotten Das Atelierfest läuft aus dem Ruder: Martin Berner als Nevers (Foto: Jutta Missbach)

Was die Nürnberger Aufführung dennoch zum Ereignis macht, ist die musikalische Realisierung, bei der keinerlei Abstriche oder Kompromisse zu machen sind. Natürlich gebührt der Retterin Laura Aikin der größte Dank und Anerkennung für diesen grandiosen Einsatz, sie kam, sang und siegte auf der ganzen Linie. Aikin gehört bekanntlich zu den Sängerinnen, die Koloraturen nicht als puren Zierrat oder sportliche Herausforderung, sondern als genuines Ausdrucksmittel verstehen. Sie meistert die aberwitzig virtuose Auftrittsarie wie aus dem Ärmel geschüttelt, die Stimme besitzt in allen Lagen Glanz, Rafinesse und Ausdruck. Auch mit rein stimmlichen Mitteln zeichnet sie die Königin als heitere, mondäne Idealistin, die schließlich vor den Kräften von Hass und Intoleranz kapituliert. Darin ergänzten sich Aikin und die diesmal nur stumm agierende Leah Gordon ausgezeichnet; witzigerweise war Gordons Frisur und Kostüm als Hommage an die wohl berühmteste Interpretin dieser Partie gestaltet, an Joan Sutherland. Auch die zweite große Frauenrolle, die zwischen Bräutigam und Geliebtem und deren Konfessionen hin- und hergerissene Valentine, ist mit Hrachuhi Bassénz glänzend besetzt. Die armenische Sopranistin gestaltet diese vom Libretto her wenig stringent angelegte Rolle mit flammender Intensität und glutvollem Leidenston, der innere Zwiespalt wird in jedem Moment fast körperlich fühlbar. Besonders die feine Pianokultur bis in die obere Lage und das samtweiche Timbre begeistern, der Leonie Rysanek-Gedächtnis-Schrei am Ende des Duetts mit Raoul fällt da fast etwas aus dem Rahmen. Dass jenes Duett, auch als Le Grand Duo aktenkundig, zum musikalischen Höhepunkt der Vorstellung wird, liegt auch an der sensationellen Leistung von Uwe Stickert als Raoul. Hier verfügt das Staatstheater Nürnberg über einen Tenor für dieses Repertoire, wie er weltweit gesucht und selten gefunden wird; angesichts dieser Performance kann manch ein international gehypter Kollege schlicht einpacken. Optisch eher ein Antiheld, legt Stickert sämtliche Affekte in die Stimme, diese ist nicht nur höhensicher bis in die Spitzen, schlank und biegsam wie ein gut geölter Degen, sie fließt auch wunderbar rund und unangestrengt, mit weich leuchtendem Kern und stupender Musikalität. Vor allem aber verbindet er in seinem Gesang strahlend heroisches Auftrumpfen mit ergreifend schöner tenoraler Lyrik. Bravo! Ein weiteres Glanzlicht dieses Nachmittags setzen die beiden Hassprediger und Chefideologen der beiden verfeindeten Parteien: Nikolai Karnolsky als Saint-Bris und Randall Jacobsh als Marcel liefern sich ein Baß-Duell der Sonderklasse und hauen sich die nachtschwarzen Imponiertöne nur so um die Ohren, dass es für jeden Stimmenliebhaber die reine Freude ist. Am Ende des Tages hat Jacobsh schon aufgrund der ungleich längeren und musikalisch interessanteren Rolle das Duell dann für sich entschieden. Mit dem Ende der Saison verlässt er Nürnberg; ein Bassist dieses Kalibers dürfte überall Carte blanche haben. Ebenfalls verabschiedet hat sich Judita Nagyová, die zur neuen Saison an die Frankfurter Oper wechselt, als Page Urbain brennt sie noch einmal ein Feuerwerk an blitzsauberen Koloraturen und geschmeidigem Mezzoglanz ab. Martin Berner agiert in seiner „Doppelrolle“ mit großem darstellerischen Einsatz und nicht immer krisenfester Intonation und auch der Rest des Ensembles ist als Edelleute, Mönche und Hofdamen rollendeckend unterwegs.

Die HugenottenWas tun wenns brennt? – Valentine (Hrachuhi Bassénz) und Raoul (Uwe Stickert) im Zwiespalt – Foto: Jutta Missbach

Am Pult der Staatsphilharmonie Nürnberg bevorzugt Guido Johannes Rumstadt eine eher musikantische und handfeste Gangart und reizt die Forte-Attacken und orchestralen Effekte mit hörbarer Wonne aus, lässt aber auch die lyrischen Momente nicht zu kurz kommen. Die bekanntlich etwas problematische, da brettharte und tendenziell etwas knallige, Akustik des Hauses meistert er routiniert und macht aus der Partitur, was draus zu machen ist.

Der Bayerische Rundfunk hatte vor einigen Wochen die Premiere live übertragen; die Veröffentlichung des Mitschnitts auf dem hauseigenen CD-Label wäre absolut wünschenswert, schon angesichts der desolaten diskographischen Situation des Werkes.

 

 

 

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