Bayerische Staatsoper: “Tosca” – 18./21.7. 2014

Es sind nur zwei Silben, mit denen die Show beginnt: Ma-rio! – Ma-rio! – Ma-riiiiooooo! Und die werden auch noch von hinter der Bühne gesungen, und sind dennoch schon beinahe gnadenlos richtungsweisend. Die Rede ist natürlich von Tosca, Floria Tosca. Titelheldin von Puccinis zweitbeliebtester Oper und nicht nur eine Rolle für eine Primadonna, sondern auch die Rolle einer Primadonna. Tosca ist nämlich praktischerweise auf der Bühne das, was sie auch im wirklichen Leben sein sollte: eine berühmte Opernsängerin. Ein Charakter, also, den eine echte Diva kaum gänzlich verfehlen kann… Sollte man jedenfalls meinen. Vor allem aber gehört Tosca zu den Opernpartien, die weit mehr sind als nur eine Rolle; sie ist ein Mythos, ein legendenumranktes Gebilde aus Worten und Noten, aber eben auch aus dem Geist der Geschichte und den stets immensen Erwartungen der Kundschaft in Rang und Parkett. Die Rolle der Tosca kann niemand mehr unbeschwert singen, einfach mal drauflos, die Geister der Vergangenheit nisten in jeder Kostümfalte und lassen weder die Sängerin noch das Publikum los, das Erbe der Mütter und Großmütter wiegt schwer; da ist nicht nur der übermächtige Schatten der großen Griechin, da sind auch solche mostri sacri wie Oliviero, Leontyne Price, Tomowa-Sintow, Zampieri, Jones, Marton oder Bumbry gewesen. Vissi d’arte, das kann man wohl sagen.

Tosca Harteros “Sei troppo bella, Tosca…” – Anja Harteros (Tosca) und Željko Lučić (Scarpia) – Foto: Wilfried Hösl

Und trotzdem, ohne die Tosca gesungen und verkörpert zu haben, ist eine Soprankarriere irgendwie unvollständig, wer im Diven-Fach reüssieren und seinen Platz im Sänger-Olymp einnehmen will, der muss es tun. Das galt auch für Anja Harteros, die gegenwärtige Branchenführerin in Sachen Lirico spinto. Und wenn nach diesen beiden Abenden – es waren ihr zweiter und dritter Auftritt in der Partie – etwas anzumerken ist, so muss dies vor dem Hintergrund des oben Beschriebenen gesehen werden; wir sprechen im Folgenden von den letzten Umdrehungen auf allerhöchstem Niveau. Vor allem ist Harteros‘ Tosca anders. Anders als alle, die ich bislang gehört habe. Sie ist keine Furie, keine zickig-überspannte Diva; auch nicht dort, wo der Komponist sich das vorgestellt hat. Harteros‘ Domäne sind die beseelten Töne, die Innigkeit, die Stärke im Lyrischen, der elegische Zauber. Tosca ist Leidenschaft pur, impulsiv bis an den Rand der Hysterie, widersprüchlich, unreflektiert-triebhaft, canto espressivo bis zum letzten. Mithin: These und Antithese. Wo traf man sich, das war die spannende Frage, auf die zumindest diese beiden Abende nur bedingt eine Antwort gaben. Traumhaft und herzbewegend singt und gestaltet Anja Harteros natürlich die entsprechenden Passagen, allen voran das berühmte „Vissi d’arte“, mit dem allein sie sich schon unsterblich macht. Weitgehend konsequent verweigert die Künstlerin den aufgesetzten Effekt, den Schrei, die brustig geröhrte Tiefe, sonst alles unabdingbare vokale Requisiten jeder Tosca-Interpretation. Stattdessen wird fein auf Linie gesungen, kultiviert phrasiert und alles aus einer beeindruckenden inneren Kraft entwickelt. Das ist aufregend anders und konsequent, stößt aber auch zuweilen an stilistische Grenzen, manchmal ist die Höheneruption, der Einsatz der Bruststimme hier unumgänglich. Gerade solche Stellen wirken wie Brüche, wo einen das Gefühl beschleicht, dass hier etwas nicht ganz stimmt und dass dies (noch) nicht ganz ihre Partie ist. Dennoch war im Vergleich vom ersten auf den zweiten Abend schon ein deutlich beherzterer Zugriff, eine größere Gelöstheit und stimmliche wie schauspielerische Extrovertiertheit festzustellen. Eine Auseinandersetzung, die zum Ereignis wurde. Ganz wie erwartet, aber anders. Dabei sah sie sich mit zwei unterschiedlichen Tenorpartnern konfrontiert, von denen zumindest der erste sie weitgehend in Ruhe ließ, um sich auf seine beachtlich kraftvolle Tonproduktion zu konzentrieren: Stefano La Colla war nämlich für Marcelo Álvarez eingesprungen und begann nach dem Motto „Viel hilft viel“. Mit beeindruckender vokaler Stamina ging es durch die ersten beiden Akte, sein metallisch timbrierter Tenor sitzt bombensicher in maschera und öffnet sich in der Höhe fulminant, das ist die gute alte italienische Schule. Auch um die Spitzentöne und heiklen Momente muss man sich keinen Moment sorgen, das „Vittoria!“ im zweiten Akt macht er zum Franco-Corelli-Gedächtnisbrüller, das presst sämtliche Noten mit Hochdruck durch die Mauerritzen hinaus auf den nächtlichen Max Joseph-Platz… Und im dritten Akt zeigt er, dass er auch anders kann; leise, empfindsam, sensibel. Das überraschte dann nach hinten raus nochmal aufs Angenehmste. Am zweiten Abend hatte sich Marcelo Álvarez wieder diensttauglich gemeldet und demonstrierte, trotz hin und wieder hörbarer Erkältungsreste, was einen guten von einem herausragenden Sänger unterscheidet: das individuell kenntliche und edle Timbre, die Weichheit und Abrundung der Phonation, die subtile Linienführung und nicht zuletzt die zwingende Einheit von Affektausdruck und Klangfarbe, ganz zu schweigen von Ausstrahlung und szenischer Präsenz. Mit ihm war auch für Anja Harteros ein ganz anderes szenisches Miteinander möglich. Letzteres hielt sich bei Željko Lučić als Scarpia eher in Grenzen, auch er wirkte in seiner Rolle ungewohnt ambivalent und strahlte wenig physische und emotionale Gefährlichkeit aus; das wirkte eher wie der strenge und etwas mürrische Herr Germont senior denn wie der sadistische Chef der Geheimpolizei. Auch stimmlich kommen seine Qualitäten in anderen Partien besser zur Geltung, hier sind einfach eine schneidigere Diktion und eine abwechslungsreichere Textbehandlung gefragt. Was natürlich auch wieder auf hohem Niveau gejammert ist…! Erfreulich stimmstark und präsent besetzt waren Renato Girolami als Mesner und Goran Jurić als Angelotti, während Francesco Petrozzi (Spoletta) und Christian Rieger (Sciarrone) weniger zum Gelingen des Abends beitrugen.

Ist es tatsächlich erst sieben Monate her, dass Kirill Petrenko an nämlicher Stelle mit dem Staatsorchester Tosca so unglaublich modern, spannend und bis in die letzte Zweihundertsechzehntelnote ausgeleuchtet neu entdeckt hat? Wenn man die Damen und Herren jetzt unter der Stabführung von Carlo Montanaro mit demselben (?) Stück hört, scheinen Sie alles vergessen zu haben; ermüdend breit ausgewalzt schleppt sich die Musik dahin, bombastisch dröhnend und schwerfällig. Da hätte nicht nur Anja Harteros bei ihrem Debüt Besseres verdient gehabt.

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