Auf CD: “Giovanna d’Arco” von den Salzburger Festspielen

Von den unbekannten Verdi-Opern ist Giovanna d’Arco sicherlich eine der unbekanntesten; es existierte bisher nur eine einzige – wenn auch sehr hochkarätig besetzte – kommerzielle CD-Einspielung davon, bereits 1973 aufgenommen, und auch auf den Spielplänen kann man das Werk mit der Lupe suchen, zumeist ohne fündig zu werden… Nun hat man die kriegerische Jungfrau in Verdis Version ausgerechnet bei den letztjährigen Salzburger Festspielen wieder einmal rausgekramt und aufs Programm gesetzt; alle drei konzertante Aufführungen in der Felsenreitschule waren ruckzuck ausverkauft. Man hatte also auf die Giovanna gewartet? Ach wo, Johanna von Orléans samt ihren Geisterstimmen und Schafen, Standarten, Königen und Schlachten dürften den verzückt jubelnden Kartenbesitzern einigermaßen wurscht gewesen sein. Es ging ausschließlich um SIE. Anna Netrebko war geneigt, sich der resoluten Schäferin anzunehmen und die Titelpartie sozusagen als Zwischengang auf dem Weg zu Leonora und Lady Macbeth einzuschieben. Eine kluge Wahl, denn die Rolle, wie auch die gesamte Partitur, markiert stilistisch einen Übergang vom Belcanto hin zur italienischen Hochromantik, liebliche Kantilenen in der Tradition Bellinis stehen hier neben martialischen Chören und brausendem risorgimentalem Pathos, wie es für den Verdi minore, den frühen Verdi, typischer kaum sein könnte.

Anna Netrebko Placido Domingo Giovanna d'Arco DG CD

Das Ergebnis liegt, in Zeiten der medialen Komplettverwertung nicht eben überraschend, jetzt als Live-Montage auf CD vor, passend zur diesjährigen Trovatore-Neuproduktion mit denselben Sängern von Netrebkos Hauslabel Deutsche Gramophon auf Silberscheibe gepackt. Um es gleich vorweg zu sagen: die Neueinspielung kann mit jenem EMI-Klassiker von 1973 in keiner Weise mithalten, weder künstlerisch noch technisch. Dass die drei bestens disponierten Protagonisten Montserrat Caballé, Plácido Domingo und Sherill Milnes kaum zu toppen sein würden, war relativ vorhersehbar; aber dass die fast vierzig Jahre (!) alte Aufnahme dem modernen Nachfolgeprodukt auch klangtechnisch haushoch überlegen ist, stellt den Klangtüftlern und Tonmeistern der DG ein Armutszeugnis aus. Da wurde, leider nicht zum ersten Mal, kein guter Job gemacht: die Balance zwischen Singstimmen und Orchester ist schlecht, letzteres durchgehend nach hinten abgemischt, die permanente Unausgewogenheit zwischen lauten und leisen Stellen erfordert praktisch Dauereinsatz der Fernbedienung und das Klangbild insgesamt ist zu flach und lässt räumliche Tiefenschärfe vermissen. Da geht selbst in der Felsenreitschule mit modernem Equipment deutlich mehr!

Definitiv nicht festspielwürdig war auch das, was der Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) da abgeliefert hat: sehr inhomogen im Klangbild, abgehackt in der Phrasierung und den italienischen Text radebrechend, dass es ein Graus ist. Bei der doch sehr exponierten Rolle des Chores in dieser Oper ist das schon ein massives Handicap der Einspielung. Sehr viel besser geschlagen hat sich dagegen das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Paolo Carignani, auch wenn das aufgrund der Verbannung ins akustische Abseits durch die Aufnahmetechnik nur bedingt zu genießen ist.

Angesichts solcher Defizite wäre die Angelegenheit nur durch sängerische Topleistungen zu retten gewesen, doch auch diese sind eher spärlich vertreten. Für die Höhepunkte sorgt in der Tat Anna Netrebko, der die Giovanna hervorragend in der Stimme liegt und die nicht nur mit Höhenglanz und schimmernden Soprantönen verwöhnt, sondern auch sehr differenziert zu gestalten vermag. Im Vergleich zu Caballé fehlt ihr die schwebende Leichtigkeit und mädchenhaft-entrückte Zartheit, dafür klingt sie fraulicher und dramatischer im Vortrag und ist glaubwürdiger in den heroischen Momenten. Ihr Tenorpartner Francesco Meli hat seine Wurzeln ebenfalls im Belcanto-Repertoire und ist derzeit auf dem Weg in dramatischere Gefilde; dass seine Vorbilder Bergonzi und Pavarotti heißen, muss er nicht eigens erwähnen, das lässt sich kaum überhören. Als Carlo VII. liefert er eine grundsolide, seriöse und kultiviert gesungene Performance ab, bleibt aber insgesamt eine Spur zu neutral in Ausdruck und Klangfarbe. Im Theater sicher eine gute Besetzung, auf CD hätte ich aber doch gerne mehr Schmelz und mehr Individualität. Giovannas fanatischer und religiös verblendeter Erzeuger Giacomo ist eine der krudesten und sinnfreiesten Baritonrollen in Verdis Schaffen; was ja durchaus etwas heißen will. Diesen hatte im August 2013 in Salzburg Plácido Domingo übernommen. Zumindest steht das auf dem CD-Cover… Was man dann hört, hat mit der einst so wunderbaren Stimme Domingos allerdings leider nicht mehr viel Ähnlichkeit. Als großer Bewunderer dieses einzigartigen Künstlers schreibe ich dies nur äußerst ungern, aber die Darbietung stimmt nur noch traurig. Zum einen ist Domingo nun mal kein Bariton, war niemals einer und wird auch keiner werden. Zum anderen findet er weder musikalisch noch interpretatorisch irgendeinen plausiblen Zugang zu diesem Charakter und wirkt die ganze Zeit wie ein Fremdkörper. Die Stimme klingt durchgehend angestrengt und farblos, nur in wenigen lichten Momenten läßt sich Domingos kostbares Timbre, der sagenumwobene „Rotwein-Ton“ des Künstlers, noch erahnen. Eine völlig unverständliche und ausschließlich von Marketingerwägungen diktierte Besetzung; zumal derzeit mit den Herren Lučić, Vassallo und Tézier gleich drei großartige Verdi-Baritone zur Auswahl stehen…! Aber nach der Kunst frägt sichs hier schon lange nicht mehr, nach dem Kommerz hingegen umso mehr. Die Stichworte werden von Johannes Dunz (Delil) und Roberto Tagliavini (Talbot) zuverlässig und klangschön geliefert.

Fazit: wer die EMI-Aufnahme schon im Regal stehen hat und keinen Vollständigkeitsanspruch in Sachen Jung-Verdi erhebt, kann es ruhig dabei belassen.

DG 479 2712 – 2 CD

Advertisements
This entry was posted in Media, Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s