Bayreuther Festspiele: “Der Ring des Nibelungen” – 10./ 11./ 13./ 15.8.2014

Man könnte eine Rezension von Wagners Ring bei den Bayreuther Festspielen auf so wunderbar vielfältige Weise beginnen! Man könnte sich auslassen über Wagner-Kult und säkulare Weihestätten, über fränkische Kleinstadt und große Opernwelt, Sagen und Heldengestalten, den Drachen und den Waldvogel, Riesen, Zwerge und anderes Gesocks, über Patrice Chéreau und den „Jahrhundert-Ring“, die Akustik, das Publikum und den mystischen Abgrund, über Sehnsuchtsorte und einen Kindheitstraum, der nun wahr geworden ist.

So wie in Bayreuth kann man den Ring eben doch nur in Bayreuth erleben. Das klingt vielleicht wie eine Plattitüde, ist aber keine; denn schließlich wurde das knapp fünfzehnstündige Mega-Epos für dieses Haus und seine spezielle Akustik geschrieben und manche klanglichen Effekte und Verbindungen eröffnen ihren Sinn erst im Wissen um diese Akustik. Zum anderen ist es die Festspielatmosphäre selbst, die Tage in diesem stadtgewordenen Raumschiff, in dem es kein anderes Thema gibt, die eine Fokussierung erlaubt, wie sie sich im normalen Opernbetrieb und Tagesablauf kaum herstellen lässt.

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Wagalaweia am Steuer: Mirella Hagen (Woglinde), Julia Rutigliano (Wellgunde) und Okka von der Damerau (Floßhilde) als PS-starke Rheintöchter – Foto: Enrico Nawrath

Im vergangenen, dem Wagner-Jubiläumsjahr 2013, herausgekommen, sollte dieser Ring mehr sein als ein „normaler“ Ring, nichts weniger als das Gerede vom neuen „Jahrhundert-Ring“ stand hier im Raum. Ob es dieser nun geworden ist, muss jeder für sich entscheiden; zumindest ist es szenisch eine der originellsten und innovativsten Inszenierungen der Tetralogie geworden, die mir bislang untergekommen sind. Lange hatte die Festspielleitung nach einem passenden Regisseur für dieses Projekt suchen müssen, fündig wurde man in Berlin, an der Volksbühne. Deren unerschrockener Hausherr Frank Castorf sagte zu und löste damit schon im Vorfeld unter der Wagner-Gemeinde ein mittleres Beben aus. Eine Personalie, die keineswegs so grotesk ist, wie das auf den ersten Blick den Anschein hat; schließlich war auch der Meister selbst für seine Zeitgenossen Punkrock, nicht einzuordnen, wild, anarchisch und irgendwie gefährlich, nie zufrieden mit dem, was die Zeit zu bieten hatte und immer auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen und –mitteln. Da haben sich doch zwei gefunden, auch wenn sie sich vielleicht nicht gesucht haben!

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Die Ruhe vor dem Fluch: die Herren Alberich (Oleg Bryjak), Loge (Norbert Ernst) und Wotan (Wolfgang Koch) im Relax-Modus – Foto: Enrico Nawrath

Dass Castorfs Arbeitsweise und der dekonstruktivistische Charakter seines Theaters mit einer herkömmlichen Operndramaturgie nur bedingt kompatibel ist, liegt auf der Hand; er ist nun mal ein Stückezertrümmerer, der seine Texte mit dem Hammer zerlegt und aus den Teilen etwas neuartig Gedachtes erfindet, nicht selten durchsetzt mit Teilen, die nicht aus dem ursprünglichen Text stammen… So entstanden in den letzten Jahren jene berühmt-berüchtigten collageartigen Mammut-Theaterabende von fünf bis sechs Stunden Dauer, per aspera ad astra. Solches Vorgehen ward ihm am Hügel selbstverständlich streng verboten, Eingriffe in Text und Partitur vertraglich ausgeschlossen. Dies mochte Castorfs szenischer Fabulierlust zwar gewisse Grenzen gesetzt haben, herausgekommen aber ist eine sehr konzentrierte und präzise Regiearbeit. Natürlich erwartet man von diesem virtuosen Theater-Spielkind keine konzeptionell bis ins letzte durchdachte, in sich konzise Deutung der Fabel, Castorfs Regiestil ist vielmehr stark assoziativ, arbeitet mit einer Vielzahl mehr oder weniger logischen Übersetzungen und Momentaufnahmen, reißt vieles an und lädt zum Weiter- und Selberdenken ein; und zwar, und das ist das Bemerkenswerte, ohne in die Beliebigkeit abzurutschen. Denn die roten Fäden, die Erzählstrukturen sind durchaus da und sie sind auch zielführend. Die zentrale Metapher ist hier das Öl, das in der Neuzeit das Gold als Machtmotiv abgelöst hat und das in seinen zahlreichen Derivaten und Erscheinungsformen durch den gesamten Zyklus hindurch präsent ist. Goldbarren gibt es trotzdem, ebenso wie Siegfried nicht nur das Schwert schmiedet, sondern auch eine Kalaschnikoff zusammenbaut, mit der er dann Fafner über den Haufen schießt; vorsichtshalber druckt man einen entsprechenden Warnhinweis ins Programm… Das Schwert verschwindet übrigens, kaum geschmiedet, wieder und wird nicht mehr gesehen, andere übliche Requisiten fehlen sogar ganz, Wotans Speer und Augenklappe etwa. Konsequent entwickelt Castorf die für ihn entscheidenden Aspekte von Wagners Privatmythologie weiter, transportiert sie in die Gegenwart und setzt szenisch immer wieder die dabei entstehenden Reibungsenergien frei. Das Ergebnis ist eine zwar nicht immer mätzchenfreie, aber zumeist äußerst kurzweilige Umsetzung, sinnlich-pralles und im besten Sinne modernes Theater statt ranzigem Pathos oder abgehobener Schulmeisterei. Hier darf geschmunzelt und gelacht werden, man darf sich wundern, sich überrumpeln und berühren lassen. Gerade in Szenen, wo man es nicht erwartet, ereignen sich immer wieder eigentümlich poetische oder bizarre Momente; etwa in der Begegnung Siegfrieds mit dem Waldvogel – der natürlich weiblich und zweibeinig ist – oder beim Auftritt dreier Krokodile in der Schlußszene, die erst einen Sonnenschirm und dann die Waldvögelin verspeisen… „So wird mir der Weg gewiesen“ kann man auch ganz anders verstehen als in traditionellen Inszenierungen und auch die sonst oft so dröge Wanderer-Erda-Szene wird man in Zukunft wohl nicht mehr unbefangen anschauen können. Ganz ähnlich läuft auch die Charakterisierung der Figuren, mit vielen Momentaufnahmen und szenischen Zuspitzungen; eine ganz entscheidende Rolle spielen dabei auch die exzellent entworfenen Kostüme von Adriana Braga Peretzki. Es sei gar nicht verschwiegen, dass es auf der Langstrecke auch Längen, Durchhänger und das eine oder andere Spannungsloch gibt, wo plötzlich fast so etwas wie Rampentheater ausbricht oder die ganze Sache unnötig verrätselt wird. Schließlich sind wir bei Frank Castorf und da muss und kann man nicht alles verstehen; aber so einige Teile der Inszenierung, vor allem den zweiten Akt der Walküre sowie den ersten Akt und den Schluß der Götterdämmerung kann und sollte er im kommenden Jahr nochmal überarbeiten.

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Glänzendes Wälsungenpaar: Anja Kampe (Sieglinde) und Johan Botha (Siegmund) – Foto: Enrico Nawrath

Um die szenische Seite der Produktion zu würdigen, muss man in erster Linie von den Bühnenbildern von Aleksandar Denić sprechen, denn diese machen mit Sicherheit mindestens die Hälfte des Erfolges aus, wenn nicht mehr. Selbst wenn man schon so einiges gesehen hat, so verschlägt es einem hier immer wieder den Atem. Was Denić hier auf die Bühne gebaut hat, ist gigantisch: für jeden der vier Abende ein riesiger dreidimensionaler Schauplatz von überwältigender Wirkung, unglaublich detailrealistisch, massiv gebaut und bis oben hin bespielbar. Hier sind Bilder gelungen, die in die Ikonographie der Gattung Musiktheater eingehen werden, die Aufführungsgeschichte schreiben; allen voran die kommunistische Umdeutung des Mount Rushmore mit den Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao sowie der liebevoll-detaillierte Nachbau des Berliner Alexanderplatzes zu DDR-Zeiten in Siegfried, die Realität des sozialistischen Alltags als Kehrseite und Spiegelung zum weltanschaulichen Ideal. Das Rheingold spielt in einem schmuddeligen Motel an der Route 66 und wartet mit allerlei Filmzitaten und Hollywood-Porträts (Wotan als Marlon Brando, Loge als Joe Pesci u.s.w.) auf, die Walküre führt uns mit einem bühnenbeherrschenden hölzernen Bohrturm nebst angrenzender Werkstätten historisch zurück ins aserbaidschanische Baku, das Zentrum der vorrevolutionären Erdölförderung und die Reise endet schließlich mit einer Götterdämmerung in den Straßenfluchten von Berlin mit abweisenden bühnenhohen Ziegelwänden, der von den Gibichungen betriebenen Dönerbude und Leuchtreklame für Plaste und Elaste aus Schkopau, bis schließlich die Christo-Hülle fällt und nicht der Reichstag, sondern die New Yorker Börse zum Vorschein kommt. Diese Aufbauten rotieren auf der Drehbühne durch den Abend, immer wieder wechseln Schauplätze und Perspektiven, werden neue Details und Konstellationen sichtbar, atmosphärisch wunderbar eingefangen von der differenzierten Lichtregie von Rainer Casper. Ein weiteres zentrales Element von Bühne und Inszenierung sind die Videoeinspielungen von Andreas Deinert und Jens Crull, die, im Rheingold permanent, in den anderen drei Werken sporadisch, auf festinstallierte Screens oder wie von Geisterhand entfaltete Tücher projiziert werden. Die Filme zeigen meistens das, was gerade hinter der Bühne oder in einem anderen Teil davon stattfindet, kommentieren oder verfremden aber auch das Geschehen oder bieten filmkünstlerische Anmerkungen und Ansätze, die allerdings nicht immer ohne weiteres dechiffrierbar sind und eher kryptisch bleiben… Auf jeden Fall ist der Output an Informationen jederzeit enorm und es braucht schon ein wenig Erfahrung und analytische Rezeption, um diesem Overkill Herr zu werden und sich auf das Wesentliche zu fokussieren; schließlich wird dazu ja auch noch Wagners Musik gespielt! Um dieser zu ihrem Recht zu verhelfen, braucht es hier schon ein entsprechend präsentes Dirigat und Orchesterspiel.

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“Bist Du ihm Wald hier daheim?” – Nö, am Alex! – Waldvogel (Mirella Hagen) im Erstkontakt mit Siegfried (Lance Ryan) – Foto: Enrico Nawrath

Für dieses sorgte Kirill Petrenko am Pult des Festspielorchesters. Als Münchner Festspielgast sieht man dieses Engagement natürlich etwas zwiegespalten, zum einen erlebte man eine unglaublich spannungsgeladene Interpretation, die richtig Lust auf seine Münchner Ring-Dirigate nächste Spielzeit machte, zum anderen sorgt diese Verpflichtung am Hügel natürlich auch für eine womöglich noch mehrere Sommer andauernde Absenz des Chefs zum heimischen Saisonfinale, die uns Landeshauptstädtern nicht gefallen kann. Auf jeden Fall macht Petrenko das Orchester zum eigentlichen Kraftfeld der vier Abende, dirigiert mit dem ganz langen Atem, setzt Akzente, läßt die Emotionen pulsieren und folgt stets Wagners Sprachmelodie. Immer wieder überrascht er mit bislang un-erhörten Details, etwa wenn er den Sänger Hundings „Ich weiß ein wildes Geschlecht…“ zunächst nur zornig und leise knurren läßt, um dann erst mehrere Takte später bei „Verhasst ist allen und mir!“ ins Forte zu gehen; Hunding kann das Glück, den Feind frei Haus geliefert zu bekommen, erst nicht fassen… Solche Details liefert Petrenko mit seinen wunderbar genau und farbenreich spielenden Musikern am laufenden Band und entwickelt so eine ungemein dichte und immer sinnstiftende musikalische Textur. Die großen spektakulären Orchestereffekte setzt er eher sparsam, diese entfalten dann aber erst recht eine gigantische Wirkung. Und schließlich kann ich mich an keinen anderen Ring-Dirigenten erinnern, der die ganz eigenen musikalischen Idiome der vier einzelnen Werke so exakt und schlüssig herausgearbeitet hat und dennoch den ganz großen Bogen über den Zyklus spannt; der Ring ist eben doch noch weit mehr als die Summe seiner Teile. Das war eine Offenbarung!

Für absolute Gänsehautmomente sorgte natürlich einmal mehr der Festspielchor in der Einstudierung von Eberhard Friedrich; ein Jammer, dass dieser im ganzen Zyklus nur gerade mal zehn Minuten auf der Bühne steht!

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Held und Vogel auf der Suche… Foto: Enrico Nawrath

Die Geschichte des Ring ist nicht nur die Geschichte seiner Dirigenten, Regisseure und Bühnenbildner gewesen, sondern natürlich auch und sehr stark diejenige seiner Sängerinnen und Sänger, der großen Wagner-Stimmen aller Epochen; auch und ganz besonders hier in Bayreuth. Doch diese Zeiten sind vorbei, womit man heute hier am Hügel zufrieden ist, das ist schon traurig; wirklich erstklassige und festspielreife Besetzungen waren sehr dünn gesät. Da ist vor allem das Wälsungenpaar zu nennen: Johan Botha bietet als Siegmund die mit Abstand beste gesangliche Leistung dieses gesamten Ring-Zyklus, sein voluminöser, mühelos strömender Tenor ist frei von jeder Anstrengung, das dunkle, bronzefarbene Timbre und die großbogige Phrasierung sind ein Ohrenschmaus. Dass Botha und Rollengestaltung zwei entgegengesetzte Begriffe sind, ist allerdings auch bekannt und seine schauspielerische und emotionale Totalabsenz sind angesichts dieses stimmlichen Potenzials umso mehr zu bedauern. Mit vollem Einsatz und flammendem Sopran stürzt sich dagegen Anja Kampe in die Partie der Sieglinde und ist der große Aktivposten des Abends, in Sachen Intensität hat sie im Vergleich zur Premierenserie in München noch mindestens ein Brikett draufgelegt. Da sich auch Kwangchul Youn als Hunding bestens bei Stimme zeigte, wurde der erste Akt Walküre zum musikalisch beglückendsten Teil nicht nur des zweiten Ring-Abends. Der gemeinsame Heldenspross Siegfried ist hier so radikal als asozialer, stumpfsinnig-sadistischer Mega-Widerling inszeniert, dass alles zu spät ist; Lance Ryan zieht dieses Antihelden-Porträt mit der ihm eigenen Coolness durch bis zur Selbstverleugnung. Auch stimmlich macht er sich nicht bange und legt die Partie hin wie das nur ganz wenige können, ausdauernd, kraftvoll und auch im Leisen ungemein fokussiert. Wie so oft scheiden sich an seiner Stimme die Geister; nach einem bejubelten Siegfried schlugen ihm nach der Götterdämmerung massive Buh-Rufe entgegen, die er mit mitleidigem Lächeln und Schulterzucken quittierte. Das Timbre mag nicht das edelste sein und es gibt sicherlich größere Legato-Künstler auf Erden; aber die Buh-Rufer sollten doch bitte mal ihre Liste von Alternativbesetzungen einreichen! So souverän gesungene, konditionsstarke und zudem glänzend gespielte Siegfriede sind Mangelware, da sollte man besser froh drüber sein und sich die Buhs aufsparen für die wirklich beschämend schwachen Leistungen anderer Interpreten. So ist Oleg Bryjak der mit Abstand schlechteste Alberich, den ich jemals gehört habe, sei es live oder aus der Konserve; keine einzige sauber gesungene Phrase, ein verwaschenes, unsauberes Bellen, nebulöse Intonation und völlig unverständliche Aussprache. Das war hart an der Grenze des Erträglichen. Kaum besser die Erda von Nadine Weissmann, deren brüchiger Mezzo mehr heiße Luft aufwirbelt als wirklich Klang produziert, immerhin vermag sie darstellerisch zu überzeugen. Eine Verlegenheitsbesetzung ist auch Catherine Foster als Brünnhilde, eine kultivierte Mittellage und ein durchaus feminines Timbre können die massiven Höhenprobleme leider nicht kaschieren, ab der oberen Mittellage ist alles nahezu Glückssache, die Stimme reagiert nur noch unter äußerstem Druck und flackert im Forte unschön, ihr Vollaussetzer bei „Leuchtende Liebe, lachender Tod“ schoss sogar den sonst so sicheren Lance Ryan mit aus der Kurve. In der Götterdämmerung zeigte sie sich zwar etwas konsolidiert, mehr als „irgendwie durchgekommen“ war es nicht. Leider galt ähnliches auch für den Wotan und Wanderer des sonst von mir hochgeschätzten Wolfgang Koch. Bis vor einem Jahr war er ein grandioser Alberich, seine Metamorphose vom Schwarz- zum Lichtalben scheint keine sonderlich gute Idee gewesen zu sein. Wirklich überzeugt hat Koch nur im Rheingold, spielt den maliziösen Mafiaboss aus der Hollywoodkiste mit spürbarer Wonne und schöpft in den großen Kantilenen aus dem Vollen. Die anderen beiden Wotane bzw. Wotan II und Wanderer, liegen ihm hörbar zu tief, die Töne kommen zwar noch irgendwie, klingen aber nicht und auch darstellerisch macht er hier eine recht unglückliche Figur, steht breznbreit an der Rampe, spielt Taschenbillard und scheint an der Inszenierung kaum noch teilzunehmen. Was macht ein Wotan ohne Speer zum Festhalten mit seinen Händen? Gute Frage, nächste Frage. Ist Castorf hier nichts eingefallen, hat Koch gemauert oder nur nichts anbieten können? Merkwürdig. Mithin waren von den vier großen, stücktragenden Hauptrollen eine indiskutabel und zwei sehr problematisch besetzt – das kann ja wohl nicht der Anspruch der Bayreuther Festspiele sein?

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Döner macht auch Blutsbrüder schöner: Lance Ryan (Siegfried), Alejandro Marco-Buhrmester (Gunther) und Attila Jun (Hagen) beim Ritual – Foto: Enrico Nawrath

Auch der Rest der Besetzung blieb äußerst inhomogen, viel Mittelmaß stand neben der einen oder anderen herausragenden Darbietung. Mit machtvollem Schwarzbass trumpfte etwa Attila Jun als Hagen auf, seine Partie erscheint in der Inszenierung deutlich aufgewertet und macht, so suggerieren es jedenfalls die Filmeinspielungen, eine Art Wandlung durch, auch wenn sich das nicht im Detail übersetzt. Relativ blass blieben die Fachkollegen Wilhelm Schwinghammer (Fasolt) und Sorin Coliban (Fafner), von den „Nebengöttern“ überzeugten vor allem Elisabet Strid (Freia) und der kernig singende Markus Eiche (Donner). Als Fricka, zweite Norn und Waltraute war Claudia Mahnke praktisch im Dauereinsatz, wirklich viel Freude kam dabei angesichts dessehr hellen Timbres und der flackernden Stimmführung eher nicht auf und vor allem der Göttergattin fehlte es an Autorität. Norbert Ernst sang einen ordentlichen Loge, ohne allerdings große Akzente zu setzen und Burkhard Ulrich bot das übliche greinende Mime-Klischee. Bei den Gibichungen hinterließ Alejandro Marco-Buhrmester als Gunther mit markant timbriertem Bariton einen wesentlich besseren Eindruck als seine etwas dünnstimmige Bühnenschwester Allison Oakes. Sehr erfreulich die Rheintöchter Mirella Hagen (Woglinde), Julia Rutigliano (Wellgunde) und Okka von der Damerau (Floßhilde) und auch die diversen Walküren und Nornen machten ihre Sache erfreulich gut.

Am Ende des Tages muss auch noch ein Mitwirkender erwähnt werden, der gar nicht gesungen hat: Regie- und Dramaturgieassistent Patric Seibert nämlich, der nicht nur eine brillante Inhaltsangabe fürs Programmheft verfasst hat, sondern auch als Universalstatist und Faktotum an allen vier Abenden im Einsatz war: u.a. als Tankwart, Bär, Mimes Haussklave, Dönerverkäufer, Unfallopfer oder im Video als Leo Trotzki.

Das Festspielpublikum reagierte zwei Abende lang zumeist relativ gelassen auf Castorf, nur beim Siegfried und am Ende der Götterdämmerung brandeten erbitterte Buh-Salven durchs Gemäuer. Aber das ist hier auch anderen Inszenierungen so ergangen, die später Kultstatus errungen haben…

Dieser Artikel ist auch erschienen bei den geschätzten Kollegen von http://www.operalounge.de

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2 Responses to Bayreuther Festspiele: “Der Ring des Nibelungen” – 10./ 11./ 13./ 15.8.2014

  1. yasmin aksu says:

    Wow. Als wäre ich dabei gewesen. Danke. 🙂

  2. Reiner says:

    Ja Fabian wie immer brilliant geschrieben!

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