Auf CD: Neues von Tenören

Pünktlich, um die entsetzliche opernlose Zeit ansatzweise zu überbrücken, waren die Herren Behle, Calleja und Flórez mal wieder im Studio und haben jeweils ein neues Solo-Album eingespielt. Bekanntlich sind alle drei Tenöre und genießen höchste Wertschätzung in der Opernwelt. Damit enden allerdings auch die Gemeinsamkeiten dieser drei Produkte, viel unterschiedlicher als hier praktiziert lässt sich das Genre des Recitals kaum interpretieren.

 

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Den einen Extrempol markiert dabei Daniel Behle, der sich auf seiner kurz und unprätenziös Gluck Arias betitelten CD ausschließlich italienischen und französischen Arien aus Opern von Christoph Willibald Gluck widmet. Das hat nicht nur einen sehr hohen Repertoirewert, sondern ist nahezu der einzige künstlerisch herausragende Beitrag zum Gluck-Jubiläumsjahr 2014, welches ansonsten praktisch unbeachtet seine Kreise dreht… Von einer trockenen Pflichtübung kann dabei keine Rede sein, Solist und Orchester gehen mit vollem Eifer und großem künstlerischem Eros ans Werk, die Musik klingt ungemein frisch, lebendig und pulsierend, ohne den klassizistischen Faltenwurf und die distinguierte Edel-Langeweile, die ihr gerne – und auch nicht immer ganz zu Unrecht – nachgesagt werden. George Petrou am Pult des Kammerorchesters Anima Atena wählt überwiegend straffe tempi und eine eher herbe, zuweilen fast harsche, musikalische Artikulation, die Naturhörner und –trompeten entfalten einen rustikalen Charme und in den Crescendi geben auch die Streicher so richtig Stoff. Damit sekundieren die Musiker Behles sauber artikulierten, hochmusikalischen und männlich timbrierten Vortrag. Hier wird ohne Sentimentalität agiert, die Affekte präzise benannt; dass das zuweilen etwas holzschnittartig rüberkommt, liegt wohl eher an der Komposition als an der Interpretation. Die lässt wenig zu wünschen übrig, die Stimme wird schlank und fast instrumental geführt, klingt leichtgängig und biegsam, lediglich in einigen stark verzierten Momenten gerät der musikalische Fluss leicht ins Stocken. Den subjektiv schwächsten Eindruck in der Programmfolge hinterlässt ausgerechnet die einzige wirklich bekannte Nummer, nämlich Orpheus‘ Klagearie „J‘ai perdu mon Eurydice“, hier stilecht in der französischen Originalfassung gesungen. Auch dieses Paradestück singt Behle äußerst kultiviert und klangschön, bleibt hier aber im Ausdruck die entscheidende Nuance zu neutral und zu unterkühlt; allerdings ist hier die Konkurrenz, allein durch die vielen großen Mezzosopranistinnen und Counter, auch wahrlich erdrückend. Trotz solcher kleiner Einwände ist die CD ein ausgesprochener Hörgenuß und eine lohnende Repertoireerweiterung.

Calleja amore

Das genaue Gegenteil in stilistischer wie programmatischer Hinsicht hat Joseph Calleja unter dem Titel Amore, ebenfalls bei Decca, vorgelegt. Irgendeinen roten Faden oder womöglich gar ein dramaturgisches Konzept braucht man gar nicht erst zu suchen, der maltesische Startenor schmettert hemmungslos in die Mikrophone was nicht niet- und nagelfest ist und serviert eine ganze Schmachtplatte gut abgehangener und immer gern genommener Edelschnulzen von Tosti und di Capua über Leoncavallo und Gastaldon bis hin zu Ennio Morricone und Lucio Dallas „Caruso“. Warum auch nicht, es gibt ja durchaus Lebens- und Stimmungslagen, in denen solche Gute-Laune-CDs sowohl Spaß wie Sinn machen. Das gilt natürlich ganz besonders, wenn die Schmonzetten von einer solchen Prachtstimme zu Gehör gebracht werden. Falsche Zurückhaltung und Skrupel sind nicht Callejas Sache, hier wird vokal mal so richtig dick aufgetragen und bis in die oberen Register – die der Künstler mittlerweile technisch sehr gut zu verblenden versteht – im Klang gebadet. Das macht auch gescheit Eindruck, die volle Breitseite tenoraler Demonstration, Schmelz und urwüchsig-ungefilterter Sangeslust. Von den heutigen Top-Tenören verfügte Calleja schon immer über das speziellste Timbre, die leicht nasale Grundresonanz und das schnelle Vibrato gehören ebenso dazu wie der sämig-dunkel grundierte metallische Glanz. All das ist auch auf diesem Album in extenso zu bewundern. Allerdings, und das darf nicht verschwiegen werden, leistet sich der Sänger auch den einen oder anderen Ausrutscher und präsentiert neben den ganzen beliebten Klassikern wie „Mattinata“, „Core ‚ngrato“ oder „Besame mucho“ auch geschmacklich Grenzwertiges wie das geradezu abartig verkitschte Arrangement von Tchaikovskijs „Net, tolka tot“ (Nur ein einsames Herz) oder das zum Orchesterlied umgemodelte Concierto de Aranjuez; den Vogel endgültig abschießen tut allerdings eine mit einem deutschen Text unterlegte und orchestral aufgeblasene Klavier-Étude von Chopin… Das ist schon nicht mehr grenzwertig, sondern definitiv jenseits von, zumal auch die Aussprache eher gewagt als beherrscht klingt. Auch der in jedweder Hinsicht schmerzfreie Steven Mercurio, von dem auch ein Großteil dieser Arrangements stammt, greift am Pult des BBC Concert Orchestra eindeutig tiefer in den Schmalztopf als es nötig und verträglich gewesen wäre und vervollständigt einen perfekten Soundtrack für ein kalorienintensives Sonntagnachmittagskränzchen. Da kann man nachher ein Schnäpschen vertragen…

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Denselben Titel, nur auf Französisch, hat auch Juan Diego Flórez, bzw. die Marketingabteilung von Decca, gewählt: L’Amour heißt die Scheibe dementsprechend – evviva la fantasia! Beinhalten tut sie allerdings ausschließlich französische Opernarien des 19. Jahrhunderts. Dass dies das erste Recital von Flórez seit einiger Zeit ist, kann kaum verwundern: der Peruaner ist der momentan wohl konkurrenzlose Branchenführer in Sachen Rossini, Zeitgenossen und Nachfahren, doch ist sein Repertoire eher überschaubar und mit Ausflügen und Erweiterungen ist Flórez dankenswerterweise sehr vorsichtig. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass er diskographisch mit seinen Chevals de bataille mehr oder weniger „durch“ ist und sich mit neuen Programmideen schwerer tut als viele Kollegen. Diesmal hat er sprachlich, aber auch künstlerisch einen Blick über die Grenze nach Frankreich riskiert. Um gar keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: auch dies ist wieder eine herausragende CD mit einer Menge wunderbarem, superben Tenorgesang, allerdings auch stilistisch mit dem einen oder anderen kleinen Fragezeichen. Dass Flórez bis auf Fernand aus Donizettis La Favorite keine der hier präsentierten Rollen jemals auf der Bühne gesungen hat, ist ebenso unverkennbar wie die Tatsache, dass seine künstlerischen Wurzeln eben doch im italienischen Belcanto liegen. Bei Donizetti hat er ungeachtet der Sprache ein Heimspiel und die Szene Fernands mit Balthazar – der Bassist Sergej Artamonov sekundiert angemessen kernig – gehört in ihrem sprühend-leidenschaftlichen Esprit und vokalem Draufgängertum zu den Höhepunkten des Programms. Auch im Französischen sind Phonation und Aussprache hervorragend, die Linienführung äußerst kultiviert und die Schönheit der Stimme kommt voll zum Tragen. Dennoch wirkt der Vortrag zuweilen eben doch nicht ganz authentisch, sondern hat etwas von Donizetti auf Französisch. Besonders deutlich wird dies gleich in der einleitenden Arie „A quel plaisir“ aus Boieldieus La Dame blanche, wo man bei aller Bravour die für diese Musik so typische parfümierte Nonchalance vermisst. Für die zweite Kostprobe aus jener Oper, das berühmte „Viens, gentile dame“ gilt das nicht, hier verzaubert Flórez mit sinnlichem Schmelz und sensationeller Pianokultur bis in die höchste Lage und reiht sich ein in die Phalanx der großen Interpreten dieser Arie. Überhaupt punktet Flórez immer dort, wo die lange melodische Linie, die belcanteske Phrasierung und die spektakuläre Höhenakrobatik gefragt sind, etwa in Hylas‘ „O blonde Ceres“ aus Les Troyens, Frederics „Fantasie aux divins mensonges“ aus Lakmé oder im notorischen „Amis, écoutez l’histoire“ aus dem Postillon de Lonjumeau. Weniger gut liegen ihm die im Gestus eher narrativ angelegten und kurzbogiger und dramatisch drängender komponierten Nummern; Roméos „Ah, leve-toi, soleil“ und die beiden Arien des Werther aus Massenets gleichnamiger Oper. Hier irritiert Flórez mit einigen völlig ungewohnten Manirismen wie der plötzlichen sinnfreien Zurücknahme in ein extremes pianissimo, und wirkt auch im Ausdruck zu aufgesetzt und wenig harmonisch. Klar, dass er diese Paraderolle sämtlicher großen Tenöre unbedingt dabei haben wollte, auch wenn er noch nicht ganz das ist, was diese beiden Arien zu sein vorgeben. Die Begleitung durch das Orchester des Teatro Comunale di Bologna unter der Leitung von Roberto Abbado ist eher routiniert als aufregend und stilistisch nicht immer auf der Höhe.

Erklärte Fans der drei Maestri werden an den Neuheiten ihrer Idole ohnehin nicht vorbeigehen, aber auch für alle anderen Freunde des gepflegten Tenorgesanges sind diese Produktionen eine durchaus lohnende Anschaffung.

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