Bayerische Staatsoper: “Tosca” – 20.9.2014

Ostimmt is!

Alljährlich wenn in der bayerischen Landeshauptstadt die Schatten länger und die Tage kürzer werden, beginnt der Wahnsinn von neuem; und das gleich in doppelter Hinsicht. Während auf der Theresienwiese Heerscharen zünftig gewandeter durstiger Menschen aus München und dem Rest der Welt einfallen, um mit biergefüllten Glaseimern auf eine Fürstenhochzeit von vor über zweihundert Jahren anzustoßen, öffnet auch die Staatsoper wieder ihre Gnadenpforte zu einer neuen Spielzeit. Und zuweilen, so auch diesmal, fallen beide Eröffnungen auf ein und denselben Tag. Dem markanten Ausruf „Ozapft is!“ antwortet man in Opernkreisen mit einem nicht weniger enthusiastischen „Ostimmt is!“ – auch wenn der Dirigent zumeist mehr als drei Schläge benötigt, um das Elixir fließen zu lassen.

In beiden Fällen standen beliebte Klassiker auf dem Programm und Puccinis blutig affektgesättigter Thriller aus der ewigen Stadt ist für jeden Opernliebhaber nicht nur zur Wiesnzeit ein Hit, den man sich zur Not – oder auch ohne diese – gerne öfter mal gibt; zumindest wenn der Besetzungszettel die entsprechenden relevanten Namen verzeichnet. Lange hatte man Tosca jetzt nicht vermissen müssen, seit den beiden Festspielaufführungen sind gerade mal zwei Monate ins Land gegangen. Und doch wirkte die Aufführung nicht nur wie eine Wiederholungstat, sondern strahlte jene Frische und musikalische Beherztheit aus, die man sich für eine Inaugurazione wünscht; Solisten, Chor und Orchester zeigten sich in ausgezeichneter Frühform, ein wirklich gelungener Saisonstart.

Harteros Tosca

Vissi d’arte! – Anja Harteros als Tosca (Foto: Wilfried Hösl)

Wie schon im Juli begeisterte Anja Harteros in der Titelpartie, ja sie begeisterte sogar noch mehr. Wie bei allen großen Sängerinnen und Sängern ist auch für sie so eine Rolle kein „fertiges“, statisches Produkt, sondern jeder Abend eine unverwechselbare Momentaufnahme, eine neue Station eines ständigen (nach)schöpferischen Prozesses. Auch eine solche Ausnahmekünstlerin braucht so einen Prozess, muss sich eine so komplexe Partie aneignen und sich in den Körper hineinsingen. Das ist Anja Harteros mit der Tosca nun unüberhörbar gelungen, subjektiv wie objektiv. Das klang in allen Belangen freier, sicherer und überlegter als noch vor sieben Wochen, der Einsatz der Bruststimme ungleich besser dosiert, die dramatischen Passagen kommen mit mehr Wucht, die Stimme insgesamt ist in ihrer vollmundigen Schönheit und ihrem Farbenreichtum erlebbar. Auch gestalterisch wächst sie immer mehr hinein, gewinnt in jeder Hinsicht an Präsenz und überragendem Format; auf dem Weg zu einer weiteren Paraderolle. Ganz offenkundig fühlte sie sich diesmal mit ihren neuen Partnern und dem musikalischen Umfeld deutlich wohler als zuletzt. Mit Marcello Giordani als Cavaradossi sind sowohl die Sopranistin wie auch das Publikum auf der sicheren Seite, das ist grundsolider, stilsicherer italienischer Tenorgesang der alten Schule, auch nach inzwischen mehr als zwanzig Karrierejahren läuft die Stimme absolut rund, wird schlank und sicher geführt und hat sich ihr jugendlich-attraktives Timbre, einer gewissen Nachdunkelung zum Trotz, weitgehend erhalten. Die spielentscheidenden Momente wie „Quale occhio al mondo può star di paro“ im Duett des ersten Aktes, „La vita mi costasse“, das „Vittoria“ und natürlich die beiden berühmten Arien, kommen wie eine Eins, hier verbinden sich langjährige Rollenerfahrung mit Stilgefühl und einem beeindruckenden Material. Auch wenn das messa di voce technisch nicht ganz perfekt war, so geriet ihm auch der sehr fein ins pianissimo zurückgenommene Anfang von „E lucevan le stelle“ äußerst berührend. Unverständlicherweise wurde diese Leistung von Teilen des Publikums nur unzureichend gewürdigt; wenn dann beim Rausgehen ein Satz fällt wie „Beim Tenor haben sie halt sparen müssen“, so ist das schon eine Aussage von bodenlos dämlicher Ignoranz. Ich für meinen Teil würde Giordani gerne wieder öfter hier hören! Die Ankündigung von Thomas Hampson als Scarpia hatte bei mir angesichts der zuletzt etwas zwiespältigen Auftritte des Künstlers für gemischte Erwartungen gesorgt, doch Hampson strafte die Skeptiker Lügen. Sein Scarpia erinnert zwar eher an einen Conte Almaviva auf Amphetamin denn an ein bigotto satiro, aber angesichts seines kultivierten und erfreulich ausgeruht wirkenden Vortrags dürfte ihm diese Themaverfehlung niemand verübelt haben. Auch die eher deklamatorische Anlage der Partie kommt ihm zweifellos derzeit eher entgegen als die Kantilenenseligkeit manch anderer Partien, die er im Repertoire hat. Chor und Ensemble machten wie erwähnt ihre Sache ordentlich bis gut, auch da gab es nicht wirklich was zu meckern.

Das galt im Großen und Ganzen auch für das Staatsorchester und das Dirigat von Asher Fisch. Ich bin, wie allgemein bekannt, sicherlich unverdächtig, ein Fan von ihm zu sein und die grobianisch und wacklig hingewuchteten Eingangsakkorde schienen jegliche Erwartungen zu bestätigen, doch spätestens mit dem Auftritt Toscas schaltete Fisch ebenso abrupt wie konsequent auf Divenbegleitung um und befleißigte sich den Rest des Abends einer durchaus sängerfreundlichen und angenehm flüssigen Gangart. Geht doch! Warum nicht immer so?

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