Zuflucht Kultur trifft “Così fan tutte” – Ein etwas anderes Opernprojekt

Den Titel darf man diesmal nicht wörtlich nehmen, denn so wie Cornelia Lanz machen es gewiss nicht alle. Die charismatische junge Mezzosopranistin beschränkt sich nicht darauf, in „Così fan tutte“ die Dorabella zu singen, sie ist als Initiatorin und Organisatorin mit ihrem Verein Zuflucht Kultur e.V. auch für die gesamte Produktion zuständig. Neben dem gewohnten Personal von Mozart und Da Ponte wirkt diesmal auch eine Gruppe von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien mit. Ich hatte die Gelegenheit, knapp zwei Wochen vor der Premiere am 5. Oktober um 19.30 Uhr im Stuttgarter Theaterhaus mit Cornelia Lanz und dem Regisseur Bernd Schmitt das folgende Gespräch zu führen:

Eine frei organisierte Opernproduktion ist ja in diesen Zeiten an sich schon eine Herausforderung. Ihr bringt jetzt Mozarts „Così fan tutte“ auf die Bühne und zwar unter Mitwirkung von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien. Wie kommt man auf so eine Idee?

C.L.: Den Traum, „Così fan tutte“ auf die Bühne zu bringen, hatte ich schon sehr lange. Mit 16 habe ich bereits in der Così im Chor mitsingen dürfen und natürlich war das auch die erste CD, die ich mir von meinem Taschengeld gekauft habe! In den letzten Jahren habe ich einige kleinere Eigenproduktionen wie etwa die Opernshow Frauen, die brunchen, eine Kinderversion von Hänsel und Gretel oder halbszenische Liederabende auf die Beine gestellt und konnte mich sozusagen an so eine Aufgabe herantasten. 2013 war es dann soweit und ich habe beschlossen, mir den Traum von einer „eigenen“ Così fan tutte zu erfüllen und meine Lieblingsrolle, die Dorabella, zu singen. Ich fragte also einige meiner besten Kollegen und Weggefährten und viele haben sehr schnell zugesagt, so dass wir rasch eine tolle Besetzung zusammen hatten, dazu ein Orchester aus Musikern der Stuttgarter Symphoniker und des Kurpfälzischen Kammerorchesters. Dann passierte beinahe ein Wunder nach dem anderen: Pater Alfred Tönnies bot uns an, die Proben im ehemaligen Kloster Oggelsbeuren im Landkreis Biberach abzuhalten. Als er dann sagte, dass zu dieser Zeit dort auch eine Gruppe syrischer Flüchtlinge untergebracht werde, war das ein Wink des Schicksals und geradezu die Aufforderung, ein solches Projekt der Zusammenarbeit zu starten! Das führte zu der Idee, die Handlung in einem Flüchtlingswohnheim anzusiedeln. Schließlich entsteht die Wette der beiden Offiziere mit Alfonso aus einer tödlichen Langeweile heraus; und wo gibt es mehr davon als in einem solchen Wohnheim? So Bernd Schmitts Regieansatz…

Wie darf man sich diese Zusammenarbeit konkret vorstellen? Welche Rolle spielen die Flüchtlinge?

C.L.: Das war natürlich sehr spannend! Die ersten Wochen haben wir uns langsam einander angenähert, haben für die Kinder Singen und Tanz angeboten, für die Erwachsenen Theaterpädagogik und verschiedene Stimm- und Atemübungen, wir haben für sie gesungen und sie für uns. Auch beim Bau des Bühnenbildes haben sie uns fleißig geholfen. Es gab ein paar Ups und Downs, aber so ist ein gegenseitiges Vertrauen entstanden. Einen Schreck bekamen wir dann allerdings, als bei der ersten großen Probe keiner unserer syrischen Freunde erschien. Einige hatten nämlich „Così fan tutte“ gegoogelt und waren auf einen gleichnamigen Erotikfilm gestoßen, der sogar in einer arabischen Synchronisation existiert…! Zum Glück konnte ich sie jedoch überzeugen, dass unsere „Così“ eine Oper ist und damit nichts zu tun hat, so konnten wir mit den Proben beginnen. Konkret ist etwa die Hälfte der Flüchtlinge aktiv an der Aufführung beteiligt, sie treten als Komparsen auf, gestalten aber auch verschiedene Einlagen, etwa das berühmte syrische Friedenslied „Janna“, das bei uns anstelle von Mozarts Soldatenchor gegeben wird, oder kurze Monologe zum Thema Flucht und Vertreibung. Außerdem gibt es am Abend ein Rahmenprogramm mit Gemälde- und Fotoausstellung, Lesung und Liedern, das überwiegend von den Flüchtlingen und dem afrikanischen Sänger und Songwriter Gabriel M’Banda bestritten wird. Man kann sagen, dass die Syrer das Projekt zu ihrem Projekt für den Frieden in ihrer Heimat gemacht haben!

Cosi Probe1 Cornelia Lanz (Dorabella) und Anne Wieben (Fiordiligi) auf der Probe (Foto: Sebastian Marincolo)

Wie wollt Ihr Euer Projekt verstanden wissen? Als politische bzw. humanitäre Aktion oder steht doch das Künstlerische im Vordergrund?

B.S.: Ich sehe da keinen Unterschied. Alle Kunst ist humanitäre Aktion und damit zumindest latent politisch. Wir wollen weder an der einen noch an der anderen Seite Abstriche machen. Damit gibt es keinen Vorder- oder Hintergrund. Die Kunst ist unser wichtiger Ausgangspunkt und das konkrete Leben ist in diesem Fall wunderbar in sie hineingewachsen.

C.L.: Wir versuchen, auf möglichst hohem künstlerischem Niveau, Mut zu machen auch für andere Projekte. Wir wollen aufeinander zugehen und voneinander lernen, durch Kultur ein Klima des Willkommens schaffen und Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen abbauen. Angesichts der schrecklichen Erzählungen von Folterungen, Gefängnis, Bunkeraufenthalten, erschossenen Kindern, Albträumen, Tagen und Nächten ohne Wasser, Brot und Schlaf und vielen unsagbaren Grausamkeiten ist es das Wichtigste, im Großen wie im Kleinen für den Frieden zu arbeiten. Ich bin sehr dankbar, dass ich zu meiner Lebenszeit nie direkt mit Krieg in Berührung gekommen bin. Die Begegnung mit den Flüchtlingen hat mir gezeigt, wie ohnmächtig wir angesichts der Entwurzelung unserer Freunde sind. Die Traumata von Krieg und Flucht, die sie mitbringen, erschüttern mich sehr.

Wart Ihr bisher schon mit Kritik an Eurem Vorhaben konfrontiert, etwa dahingehend, dass Ihr die Flüchtlinge hier sozusagen vorführt oder für etwas Fremdes instrumentalisiert, und wie würdet Ihr mit solchen Einwänden umgehen?

C.L.: Ja, immer wieder. Viele Leute erklären mich für verrückt, ausgerechnet Mozarts „Così“ mit Moslems in einem ehemaligen Kloster einstudieren zu wollen, erst heute bekam ich wieder eine Mail „Oper mit Flüchtlingen – was Dümmeres ist Ihnen wohl nicht eingefallen!“. Ich musste das oft verteidigen und hatte selbst viele schlaflose Nächte… Wie ich damit umgehe? Ganz einfach: Mozart und eine Oper über die Liebe – was soll falsch dran sein, gemeinsam daran zu arbeiten? Dann denke ich an Momente, wo Ordensschwestern, syrische Frauen und Opernsänger zusammen kochen und lachen. Oder wenn die Flüchtlingskinder den Dirigenten nachahmen oder sich einkuscheln und einfach eine oder zwei Stunden Mozart hören… Mozart ermöglichte uns den Brückenschlag über Kulturen und Religionen. Danke, Wolfgang Amadeus!

B.S.: Wir haben im Vorfeld diese Fragen diskutiert und uns entschieden das Risiko auf uns zu nehmen. Nun, nach Beendigung der Arbeit, muss ich zu meiner eigenen Überraschung sagen, dass diese Einwände ziemlicher Quatsch sind. Die Flüchtlinge haben alle unsere Angebote wahrgenommen und wir konnten gar nicht alle ihre Vorschläge aufgreifen. Da war ein klares Bedürfnis da, gehört zu werden. Außerdem hat das künstlerische Problem “Così” die Flüchtlinge und uns weit mehr zusammengeschmiedet, als jede noch so gut gemeinte pädagogisch-integrative Maßnahme.

Ich frage das auch deshalb, weil gerade die „Così“ mit ihrer Geschichte vom Partnertausch und Gefühlsexperimenten lange Zeit als frivol und latent unanständig galt… Gibt es da nicht zwischen den Kulturkreisen einen gewissen „Clash“?

B.S.: Dieser “Clash” war ja Teil des ursprünglichen Regiekonzeptes. Die moralische Empörung der Frauen, wenn die neuen Männer sie anbaggern, war mir in unserer heuten liberalen Gesellschaft immer zu laut. Die Frauen wirkten schnell prüde, zickig, altmodisch. Das wollte ich den Figuren ersparen und suchte ein Setting, in dem der moralische Druck wieder besser nachvollziehbar wird.

Cosi Probe2 Ensembleprobe “Così fan tutte” (Foto: Sebastian Marincolo)

Hat die Mitwirkung der Flüchtlinge auch Einfluss auf die Inszenierung, bzw. auf das Regiekonzept?

B.S.: Mein Ausgangspunkt war ein Flüchtlingsheim mit russischen Aussiedlern, das ich aus eigener Anschauung kannte. Die Syrer musste ich erstmal kennen lernen und die Resultate dieses Lernprozesses sind dann auch in die Inszenierung eingeflossen. Es gibt da übrigens einen sehr interessanten, in gewisser Weise schmerzhaften Riss in der Inszenierung: die beiden Sängerinnen -aus Deutschland bzw Amerika stammend – tragen zwar arabische Kostüme und reagieren bis zu einem gewissen Grad “arabisch”. Wenn man sie dann aber unter den echten syrischen Frauen auf der Bühne sieht, wird einem noch einmal auf ganz andere Weise bewusst, wie die jeweilige Kultur die Menschen prägt.

Die Oper trägt ja den Untertitel „La scuola degli amanti“, also „Die Schule der Liebenden“. Was können wir heute dort lernen?

B.S.: Ich wusste, dass “Così” ein böses Stück ist. Aber im Nachvollzug der Geschichte während der Einstudierung ist mir klar geworden, wie unfassbar realistisch Mozart und Da Ponte hier gearbeitet haben. Diese vier Figuren machen eine unglaubliche Entwicklung durch. Wir lernen vielleicht die alte Weisheit , dass Liebe ein Prozess ist, kein Zustand.

C.L.: In Bezug auf die Oper, dass Liebe kein Spiel ist, man aber auch unterschiedliche Partner lieben kann. Wenn man das auf das Zusammenleben mit den Syrern bezieht, so stellte sich schnell heraus, dass es bei unseren syrischen Freunden zwischen Mann und Frau genau so läuft wie bei uns… Wer hätte das gedacht? (Lacht) Aber Spaß beiseite: ich habe natürlich auch viel gelernt, etwa über das Kopftuch. Bei uns ist Dorabella eine syrische Frau, natürlich mit Kopftuch. Es hat mich nachdenklich gemacht, wie sich das anfühlt, gerade im Hochsommer… Es nimmt schon einiges an Weiblichkeit und man fühlt sich viel älter.

Du singst mit Kopftuch? Funktioniert das denn, hört man sich da richtig? Viele Sänger machen ja schon einen Aufstand, wenn sie einen Hut aufsetzen sollen…

C.L.: Das ist eine Frage der Gewöhnung, nach fast zwei Monaten Proben funktioniert das ohne Probleme. Zum Glück sind die entscheidenden Resonanzräume ja frei…

Das Ende von „Così“ lässt sich ja als eine Lobpreisung der Herzlosigkeit verstehen, zumindest aber als eine durchaus zynische Sicht auf die Liebe und insbesondere auf das weibliche Geschlecht. Seht Ihr das auch so und wie ist der Schluß bei Euch umgesetzt?

B.S.: Ach Gott, das Ende der Oper ist ja nicht das Ende der Geschichte. Die vier jungen Menschen müssen sich, denke ich, neu sortieren. Da ist alles drin: Verzeihen, Trennen, Resignieren. Das muss jede Figur für sich entscheiden. Wir haben allenfalls latent angedeutet, wie unterschiedlich die Figuren damit vielleicht in ihrer Zukunft umgehen werden. Im Übrigen sehe ich diesen Zynismus nicht so stark im Vordergrund. Wir Menschen sind ja zum Glück keine starren Objekte, sondern lebendige, wandelbare Wesen. Ich sehe das eher positiv. Dass bei Veränderungen Schmerz entsteht, ist nun mal eine Tatsache. Aber das Gegenteil wäre Erstarrung. Wer will denn so etwas?

C.L.: Dieser Schluss fühlt sich schon extrem unangenehm an. Wenn man die Oper wochenlang probt und durchlebt, ist es kaum zu ertragen, selbst betrogen zu haben und vom eigenen Partner an den besten Freund verkauft worden zu sein. Man hängt völlig in der Luft und fühlt sich nackt, schämt sich, ist aber gleichzeitig wütend, verletzt, enttäuscht – das ganze Gefühlsspektrum! Wir begegnen im Finale nochmal jedem Partner mit unterschiedlichen Haltungen. Es wird höchstens eine Entscheidung für den Moment gefällt, wie es weitergeht, muss die Zukunft zeigen.

Cornelia, eine letzte Frage: Du singst nicht nur die Dorabella, sondern bist auch als Organisatorin für das gesamte Projekt zuständig. Wie ist Dein Fazit, knapp zwei Wochen vor der Premiere?

C.L.: Ich bin völlig überwältigt von den vielen herzlichen Erfahrungen der letzten Wochen. Die Begegnung mit unseren syrischen Freunden hat unser Projekt unglaublich bereichert und wir konnten alle viel von ihnen lernen. Unser Verein Zuflucht Kultur e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kunst, Kultur und Völkerverständigung im weitesten Sinne zu vereinen, auch da kann es in Zukunft noch viele Möglichkeiten geben. An der Stelle möchte ich mich auch bei unseren Sponsoren für ihre Hilfe und Unterstützung bedanken. Nach der Premiere stehen noch einige Gastspiele an und unser syrischer Teamleiter Ahmad, aber auch das ganze Ensemble würden gerne weiter auf Europatournee gehen… Ein Traum ist es natürlich, eines Tages nach Syrien zu reisen und die „Così“ dort aufzuführen, wenn wieder Frieden herrscht!

Dem kann ich mich nur anschließen. Herzlichen Dank Euch für das Gespräch und ein riesiges IN BOCCA AL LUPO! 

Weitere Informationen zu Terminen, Besetzung und Background unter: http://www.zufluchtkultur.de

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2 Responses to Zuflucht Kultur trifft “Così fan tutte” – Ein etwas anderes Opernprojekt

  1. Anne Wieben says:

    Danke für diesen Bericht! Wir freuen uns auf das Projekt.
    Ich will hinweisen, das die Name im Bild falsch sind. Im Bild mit Cornelia Lanz bin ich, Anne Wieben als Fiordiligi. Danke!

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