“Stella di Napoli” – das neue Programm von Joyce di Donato auf CD und im Konzert

Die mit der Goldkante

Wow! – Diese CD mit ihrem Artwork ist eigentlich viel zu edel, um zwischen den billigen Pressholzbohlen eines Billy-Regals ihr Dasein zu fristen; da wäre doch eher die Anschaffung einer kleinen Zimmervitrine nebst Samtkissen zu dero Aufbewahrung angebracht… Denn die Firma Erato, inzwischen längst eine Nebenstelle des Warner Konzerns, hat der noblen Schwarz-Weiß-Optik der neuesten Einspielung ihres Vokal-Stars auch noch eine dezente Goldkante verpasst: Gülden schimmern Logo und Name, gülden aber auch die beeindruckende Helmbusch-Frisur der Sängerin und natürlich die Vorderseite der Scheibe selbst. cd-cover-joyce-didonato-stella-di-napoli-100~_v-image512_-6a0b0d9618fb94fd9ee05a84a1099a13ec9d3321 Aber nicht nur die Verpackung hat eine Goldkante, sondern auch der musikalische Inhalt. Oder sollte man besser sagen: einen Goldkern? Kostbar ist es auf jeden Fall, was die Künstlerin hier zu Gehör bringt. Schon als ich Joyce di Donato 2002 erstmals auf der Bühne erlebte, als Einspringerin Le nozze di Figaro im Münchner Nationaltheater, hatte sie ein überaus schönes, samtweiches Mezzo-Timbre zu bieten gehabt. Seitdem hat die Stimme an Farben und Akzenten, aber auch an Ausdruck und Präsenz erheblich hinzugewonnen, so dass sie heute längst in der ersten Liga ihres Stimmfaches angekommen und etabliert ist; als eine jener Sängerinnen, bei denen jedes neue Album und jedes Rollendebüt mit Hochspannung erwartet werden. Das galt ganz besonders für das neue, auf der CD Stella di Napoli widmet sich die Künstlerin der – na eben!- goldenen Epoche des neapolitanischen Belcanto im ersten Drittel de Ottocento. In ihren persönlichen Geleitworten im Booklet vergleicht di Donato die Atmoshäre Neapels mit seinen Opernhäusern, Salons, Soireen, Galas, aber auch Konservatorien und Musikakademien mit dem Paris der 1920er und dem New York der 1960er Jahre; eine vor Kreativität, Lebensfreude und Entdeckerlust vibrierende künstlerische Metropole. Aus dieser Schatzkammer hat sie zehn Titel ausgewählt, darunter Bewährtes wie Donizettis Maria Stuarda oder Bellinis I Capuleti, aber auch eine ganze Reihe von absoluten Raritäten. Dass Opern wie Saffo von Giovanni Pacini oder Le nozze di Lammermoor von Michele Caraffa existieren, hat man schon wo gelesen; aber wer konnte bislang schon von sich behaupten, jemals Musik daraus gehört zu haben? Voilà! Vermutlich muss man nicht alle diese Werke zur Gänze besitzen, aber in dieser komprimierten und großartig gesungenen Form lohnt die Entdeckung allemal und di Donato präsentiert diese Klangjuwelen mit einem innerlich leuchtenden, sinnlichen, virtuosen und hochmusikalischem Vortrag, unüberhörbarer Freude und breitem Ausdrucksspektrum. Bemerkenswert sind nicht nur Gesangskultur und die pure Schönheit des Tons, sondern vor allem die Sprachmächtigkeit ihres Singens, in keinem Moment hat man das Gefühl, einer reinen Bravournummer oder vokalen Schauturnerei zu lauschen, die Balance zwischen Effekt und Affekt bleibt stets sicher und definiert. So kommen auch die vielen erstaunlichen Details der Kompositionen zur Geltung, etwa die fast kichernden Koloraturketten in Pacinis Stella di Napoli oder die komplexen harmonischen Rückungen und das feine Klarinettensolo in der erwähnten Arie von Caraffa, ohnehin musikalisch eine der interessantesten Nummern. Nicht nur in den Soli, sondern auch im Gesamtklang liefert das Orchestre de l’Opéra National de Lyon unter dem temperamentvollen Dirigat von Riccardo Minasi weit mehr als nur simple Begleitfunktion; ein leichtes und durchhörbares, aber doch körperhaftes Orchesterspiel von großer Frische und dem nötigen Biss. Donato KonzertJoyce di Donato und Riccardo Minasi in der Essener Philharmonie (Foto: Sven Lorenz) Nun ist es ja auch bei Klassikstars inzwischen üblich, eine neue CD auf einer entsprechenden Konzerttournee vorzustellen und zu promoten. Zum Abschluß dieser Tour gastierte Joyce di Donato am 29. September in der Essener Philharmonie und hinterließ auch live einen glänzenden Eindruck; ja, einen beinahe noch besseren, da zur gesanglichen Bravour zusätzlich das Live-Erlebnis und die mitreißende persönliche Ausstrahlung kamen. Entgegen der heute gängigen Praxis kam sie mit Riccardo Minasi und seiner Truppe aus Lyon in den Ruhrpott, anstatt auf irgendeine slowenische oder rumänische Billig-Combo zurückzugreifen und die Kunstfreunde aus Frankreich ließen auch richtig die Puppen tanzen, angefeuert von Riccardo Minasi, der mit vollem Einsatz bei der Sache war, lediglich die zur Füllung des Programms eingeschobenen Ouvertüren und Ballettmusiken nahm er etwas sehr al fresco. Mit sieben von zehn Arien von der CD hatte sich auch di Donato einen durchaus zünftigen Arbeitstag verordnet, dazu kamen, nach einer längeren und sehr charmanten Ansprache ans Publikum, zwei weitere Rossini-Knaller, „Tanti affetti“ aus La donna del lago und „Quant’è grato all’alma mia“ aus Elisabetta, regina d’Inghilterra. Damit brachte sie dann endgültig das Haus hernieder, nicht nur die zahlende Kundschaft bejubelte einen wunderbaren Belcanto-Abend, auch die Geldigen vom Hauptsponsor in den ersten zehn Reihen tillten richtig aus.

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