Theaterhaus Stuttgart: “Così fan tutte” – 5.10.2014

Regisseure, die ach so bösen und schauderhaft modernen, was haben die sich nicht schon alles einfallen lassen! Und jetzt schickt einer doch glatt Mozart in die Wüste, Così fan tutte goes Syria steht schwarz auf gelborange auf der Eintrittskarte… Oder was gibt das? Ganz so ist es natürlich nicht und der Hintergrund ein leider gar nicht lustiger. Es handelt sich nämlich, der aufmerksame Leser hat es längst erraten, um das von der Sängerin Cornelia Lanz und ihrem Verein Zuflucht Kultur e.V. veranstaltete integrative Opernprojekt unter Mitwirkung von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien, von dem hier vor kurzem im Interview bereits die Rede war (siehe Archiv 24. September 2014). Nun also hat für Initiatoren und Mitwirkende die Stunde der Wahrheit geschlagen, denn entscheidend ist bekanntlich immer aufm Platz, bzw. auf den Bühnenbrettern, das ist in der Welt der Kultur nicht grundsätzlich anders. Hier geht es aufs Ganze, hier muss es sich beweisen, kann es sich mit Leben füllen und einen großen Sieg feiern. An jenem konnte nach anregenden dreieinhalb Stunden denn auch kein Zweifel bestehen, das internationale und auch altersmäßig erfreulich gemischte Premierenpublikum im Stuttgarter Theaterhaus, einschließlich einer echten Landesministerin und mehrerer TV-Teams, zeigte sich begeistert.

Cosi4Erste Annäherung: v.l. Cornelia Lanz (Dorabella), Florian Götz (Guglielmo), Yongkeun Kim (Ferrando) und Anne Wieben (Fiordiligi) – Foto: Baden-Wpürttemberg Stiftung/Sebastian Marincolo 

Dabei war das Eis, auf das sich Lanz und ihre vielen Mitstreiter und Unterstützer hier begeben haben, bekanntermaßen ganz schön dünn, der Grat zwischen Integration und Zurschaustellung ist schmal und der Jahrmarkt des Betroffenheitskitsches gefährlich nahe. Wir kennen solche Dilemmata aus der Kunst zur Genüge, Barenboims West Estern Divan Orchestra ist eines der bekanntesten davon. Muss man ein Stück weit die gute Absicht für das Werk nehmen? Transportiert das eine das andere oder umgekehrt? Oder frägt sichs wirklich nach der Kunst allein? Kann die Synthese gelingen?

Die Antwort ist: Ja, sie kann. Bedenken oder Vorbehalte in die besagte Richtung, so sie denn bestanden haben, lösten sich bereits nach wenigen Minuten auf, denn diese Così ist nicht nur eine überzeugende humanitäre Aktion und politisches Statement, sondern auch eine Lektion in interkulturellem Austausch und nicht zuletzt eine packende Aufführung voller Witz, Esprit und berührender Innigkeit. Hier wirkt nichts aufgesetzt oder fühlt sich fragwürdig an, trotz der von den Flüchtlingen selbst gestalteten Einlagen ist es ein Abend aus einem Guss, die zwangsläufig vorhandenen Reibungsenergien geben dem Stück zusätzliche Kraft. Regisseur Bernd Schmitt siedelt die Handlung in einem Flüchtlingswohnheim an und schafft damit nicht nur einen Anknüpfungspunkt für die syrischen Mitwirkenden, sondern auch eine ebenso originelle wie sinnfällige Inszenierungsidee; schließlich entsteht die fatale Wette um die Treue der Frauen, so Schmitt im Interview, aus bodenloser Langeweile, wie sie in einem solchen Wohnheim nunmal dominiert… Dieses Konzept geht jederzeit überzeugend auf, die Geschichte wird weder verfälscht, noch grundlegend neu erzählt, erscheint durch das Ambiente – Thomas Pfaus Bühnenbild bildet Flur und Zimmer mit Stockbetten und –flecken liebevoll und detailrealistisch ab – und die hier herrschenden sozialen Kodizes aber in einem neuen Licht. Die beiden Paare sind Heiminsassen, Despina und Alfonso gehören zum Aufsichtspersonal, dementsprechend wählen die cavalieri als Verkleidung die Uniformen der deutschen Security, Bullenbärte und XXL-Sonnenbrillen inklusive. Die Fallhöhe der Geschichte wird dadurch sogar größer, schließlich geht es für die Flüchtlingsfrauen plötzlich auch um sozialen Aufstieg, Ehe und Aufenthaltsgenehmigung, bzw. die Illusion davon. Da ist es kaum überraschend, dass im interkulturellen Opernprojekt auch bilingual gesungen wird: das italienische Libretto steht für die syrische Sprache, die Arien und die Rezitative untereinander sind italienisch, während die Dialoge zwischen Alfonso und Despina und deren Ansprache ans Publikum auf deutsch gesungen werden, in einer leicht modernisierten und durchaus pfiffigen Übersetzung; statt „turchi“ und „valacchi“ ist da von Ostfriesen und Schweizern die Rede… Ein wirklich brillanter Einfall! Überhaupt verrät Schmitts Inszenierung den routinierten Bühnenprofi, der die Geschichte anschaulich und auf den Punkt erzählt, sich trotz großen Detailreichtums nicht verheddert und die Charaktere präzise herausarbeitet. Auch Zusammenspiel und Timing funktionieren, was umso bemerkenswerter ist, da alle sechs Protagonisten ihre Rollen zum ersten Mal szenisch verkörpern. Die Spielfreude und Natürlichkeit des Ensembles übertragen sich und reissen mit, hier wird in jedem Moment mit Herz, Verstand und Leidenschaft agiert. Dass die Komik, auch im Hinblick auf ein nicht unbedingt opernerfahrenes Publikum, etwas dicker aufgetragen wird und zuweilen die Grenze zum Klamauk touchiert wird, ist geschenkt, zumal die Sänger für ihre großen kontemplativen Arien stets den nötigen Freiraum finden. Einzig das Ende fällt vielleicht ein wenig ab: Schmitt lässt den Stückschluß und die Zukunft der Paare bewußt offen, die Geschichte könne hier noch nicht zuende sein… Kann man so sehen, aber ein etwas prägnanteres Schlußbild als das hier praktizierte an-einander-vorbei- Gehen, Anschauen und Rumschieben hätte man sich schon vorstellen können.

Und die Syrer? Von den 73 in Oggelsbeuren untergebrachten Flüchtlingen sind knapp dreißig aktiv an der Aufführung beteiligt. Neben kleineren Komparsenauftritten und viel Mitarbeit hinter den Kulissen gehört ihnen in zwei großen Momenten die Bühne: vier von ihnen eröffnen den Abend mit selbstverfassten Gedichten, deren Grundaffekte – Furcht, Trauer, Zuversicht und Zorn – sich auch ohne wortgetreue Übersetzung nachvollziehen lassen. Später, an der Stelle, wo normalerweise der Chorsatz „Bella vita militar“ steht, treten sie als Chor auf und singen, gemeinsam mit den Solisten der Oper, das syrische Friedenslied „Janna“, ein absoluter Gänsehautmoment, der Genregrenzen sprengt und Leben und Kunst vereint. Irritierend ist es allerdings, das sie als Kollektiv danach nicht mehr vorkommen; sind die Solisten jetzt plötzlich allein im Haus? Sicherlich gibt es proben- und dispositionstechnische Gründe dafür, aber seltsam ist es schon…

Die Besetzung erweist sich, unter diesen Voraussetzungen zumal, als Glücksfall, nicht nur hinsichtlich der Typisierung und szenischen Verve, sondern auch musikalisch; eine auf bemerkenswertem Niveau homogene Ensembleleistung, die durchaus auch in größerem Rahmen und in einer konventionellen Produktion überzeugen würde. Da fällt es beinahe schwer, jemanden herauszustellen, aber als Initiatorin, Organisatorin und treibende Kraft gebührt doch Cornelia Lanz dieses Privileg. Man mag sich gar nicht im Einzelnen ausmalen, welche Anstrengung allein mit der Organisation verbunden gewesen sein muss, und dann noch eine Hauptpartie zu übernehmen, ist schon eine Ansage. Lanz verfügt in reichem Maße über alles, was die Rolle der Dorabella erfordert: einen samtig glühenden, aber stets schlank und kultiviert geführten Mezzosopran von großer Geschmeidigkeit und Eleganz in allen Lagen, eine Vielzahl vokaler Schattierungen und nicht zuletzt eine lebendige szenische Präsenz. Sie ist von Beginn an auf weiblicher Seite die Antreiberin des Spiels und gestaltet viel mehr als nur eine Abfolge von Arien und Rezitativen, sondern das doppelbödige Drama einer radikalen Selbstfindung. Mit ihrem eindringlichen Spiel macht sie etwa Ferrandos zweite Arie fast zu einem Duett, wie sie den Wut- und Trauerausbruch ihres früheren Partners vom Lotterbett aus beobachtet, in einer Mischung aus Glücksgefühl, Unglauben, Scham und beinahe diabolischer Freude, das ist einfach ein ganz großer Theatermoment. Daneben läuft die ernsthaftere und standfestere Schwester Fiordiligi nicht selten Gefahr, etwas blass und arg seriös rüberzukommen, obwohl sie eigentlich eine durchaus vergleichbare Entwicklung durchmacht. Diese gestaltet Anne Wieben sehr differenziert, ganz famos gelingt ihr das latent komische Pathos ihrer beiden großen Solonummern, mit ihrem metallisch grundierten Sopran meistert sie die gefürchteten Höhen der „Come scoglio“-Arie problemlos, ihr stehen aber auch die gedämpfteren Farben zu Gebote. Die Despina von Julia Chalfin ist ein echter Hingucker, ein Temperamentsbündel von unwiderstehlich frechem, proletarisch-bodenständigem Charme. Mit überschäumender Selbstironie serviert sie sämtliche Kammerkätzchen-Klischees, welche die Rolle hergibt, ohne ihnen wirklich auf den Leim zu gehen und lässt es richtig krachen. Auch stimmlich setzt sie sich angenehm von den oft anzutreffenden soubrettig-dünnen Vertreterinnen ab und gibt der Partie Gewicht.

Cosi2Jagdszenen in der Unterkunft – Foto: Baden-Württemberg Stiftung/ Sebastian Marincolo

Darstellerisch sind die beiden Herren Florian Götz (Guglielmo) und Yongkeun Kim (Ferrando) ein ebenso profiliertes Duo wie ihre Geliebten, die Charakterunterschiede zwischen dem handfest-narzistischen Lebemann Guglielmo und dem schwärmerischen Feingeist Ferrando übersetzen sich auf Anhieb, Kims sehnsuchtsvoller Vortrag von „Un’aura amorosa“ gehört zu den musikalischen Höhepunkten des Abends. Leider neigten beide im weiteren Verlauf gelegentlich dazu, die Lautstärke etwas zu übertreiben, wohl um die wachsende Verzweiflung der beiden Bilderbuch- Machos vor dem drohenden Verlust von Wette und Ehre auszudrücken. Der kühle Rationalist Don Alfonso, auf dessen Mist die ganze Schnapsidee gewachsen ist, ist sicherlich die gesanglich undankbarste Figur im Così-Kosmos, die keine der berühmten Arien abbekommen hat. Franz Xaver Schlecht spielt ihn denn auch nicht als alten Zyniker, sondern eher als übermütigen Macho, der es den naiven Kumpeln mit ihrem traditionellen Frauenbild mal so richtig zeigen will; mit markantem Bass-Bariton gibt er dessen Predigten Gewicht und macht deutlich, dass Süffisanz und Desillusionierung keine Frage des Alters, sondern der Wesensart sind.

Cosi3Das Ensemble, v.l.n.r.: C.Lanz, Y.Kim, A.Wieben, F.Götz, F.X.Schlecht, J.Chalfin (Foto: Baden-Württemberg Stiftung/ Sebastian Marincolo)

Passend zu Konzept und Sängerbesetzung huldigt auch Dirigent Garrett Keast einem modernen, auf Agogik und Transparenz setzenden, Mozart-Stil. Das aus Musikern des Kurpfälzischen Kammerorchesters Mannheim und der Stuttgarter Symphoniker gebildete Orchester folgt mit warmem und flexiblem Klang und ist den Sängern ein stets aufmerksamer Partner.

Cosi1Schlußapplaus mit Botschaft – Foto: Baden-Württemberg Stiftung/ Sebastian Marincolo

Die kommenden Aufführungen finden am 31. Oktober in der Stadthalle Biberach, am 2. November im Carl Orff-Saal-Saal im Münchner Gasteig, am 4. November im Theater Rüsselsheim, am 27. Dezember in der Stadthalle Balingen sowie am 28. Dezember im Roxy in Ulm statt.

Eine Besuchsempfehlung ist hiermit lautstark ausgesprochen!

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