Staatsoper Berlin: “Tristan und Isolde” – 11.10.2014

Seit den Zeiten E.T.A. Hoffmanns gilt ja Mozarts Don Giovanni als die „opera assoluta“, die Oper aller Opern… Ein Diktum, dem die Spezies der Hardcore-Wagnerianer – gibt es eigentlich auch andere? – mit aller Entschiedenheit widersprechen dürfte, um stattdessen den Tristan auf den Schild der „absoluten“ Oper zu erheben. Aber ist dieser überhaupt noch eine Oper im herkömmlichen Sinne? Vielleicht könnte man dieses affektgesättigte Hohelied der Nacht, der allesverzehrenden Leidenschaft und des Liebeleids ja künftig das „Dramma musicale asssoluto“, das absolute Musikdrama, nennen? Aber auch unabhängig von Ettiketten ist der Tristan eine der größten musikalischen Schöpfungen überhaupt; ein Bekenntniswerk, das sich einem konsumistischen Zugriff entzieht, allen Beteiligten Höchstes abverlangt und sie gleichzeitig mit fundamentalen Emotionen belohnt. Das sieht wohl auch Daniel Barenboim so, denn von allen Opern, die er im Repertoire hat – und das sind ja nicht wenige! – besitzt er für diese eine ganz besondere Affinität, die an jedem Tristan-Abend in jedem Takt spürbar wird. Als radikaler Emotional-Dirigent lässt sich Barenboim schonungslos und ohne Kompromisse auf die Vorgaben des Komponisten ein und taucht ganz tief hinein in die Welt der dunklen Seite der Liebe, der Weltennacht, des Urvergessens. Vielleicht dirigiert er das Werk heute eine Spur weniger vulkanisch als noch vor einigen Jahren, fächert den Orchestersatz stärker in die einzelnen Instrumentengruppen und –farben auf und wirkt, insbesondere im zweiten Akt, eine Spur kontrollierter, beinahe schon abgeklärter, als früher. Was nicht heißt, dass hier auf Sparflamme gekocht würde, im Gegenteil, die Musik ist vom einleitenden Tristan-Akkord bis in den Schlußgesang erotisch durchglüht und vibriert förmlich vor Leidenschaft, in den wahnhaft-visionären Monologen Tristans im dritten Akt rührt Barenboim flüssiges Erz an, ohne dass der Klang je wabernd oder triefend wird. Aber auch die leisen und intimen Momente gelingen mit aller schmerzlich-süßen Poesie, die man sich nur wünschen kann, das Erwachen aus der nächtlichen Extase klingt so schneidend, so desillusioniert traurig wie bei kaum einem anderen Dirigenten; dass hier der öde Tag zum letzten Mal anbricht, wird geradezu körperlich spürbar.

Tristan BerlinLiebesszene vor Engel – Foto: Monika Rittershaus

Solches umzusetzen benötigt man natürlich die entsprechenden Sänger; und hier konnte sich Barenboim auf seine erfahrene und hochrangige Besetzung absolut verlassen, mit einer Ausnahme waren nur Interpreten aus seinem inner circle aufgeboten, die jeden noch so kleinen Akzent, jede Tempoverschiebung und jede Farbnuance im Ansatz erkennen und mitgestalten. Das galt ganz besonders für die beiden Protagonisten Waltraud Meier und Peter Seiffert. Mißgünstige Menschen könnten natürlich ketzerisch anmerken, dass beide nicht mehr die frischsten Stimmen besitzen und ihr Vortrag von gewissen Brüchen, Schwankungen und Rissen nicht mehr gänzlich frei ist… Das mag in bestimmten Momenten auch so sein, doch was die beiden an Ausdruck und musikdramatischer Vergegenwärtigung aufrufen, fasziniert und läßt einen die viereinhalb Stunden auf der Stuhlkante zubringen. Dass Waltraud Meier als genuiner Mezzosopran sich mit Isoldes dramatischen Ausbrüchen und ihren aufpeitschenden Spitzentönen im ersten Akt nie leicht getan hat, ist nicht neu, dank ihrer Erfahrung und Technik versteht sie es aber meisterhaft, solche Punkte zu kaschieren und den Akzent auf die schwelgerische, immer noch sinnlich funkelnde Mittellage zu setzen. Hier punktet die Künstlerin mit gestalterischer Reife und Charisma, der Schlußgesang verströmte glutvolle Erotik und entrückte Selbstentäußerung gleichermaßen. Da erlebt man, was Musik mit einem machen kann. Aber auch Peter Seiffert demonstrierte, dem einen oder anderen Aussetzer zum Trotz, dass und warum er nach wie vor zu den Branchenführern im Heldenfach gehört: er brüllt und stemmt die Partie nicht, sondern singt mit vollmundigem, schön abgerundeten Ton und kultivierter Linie und verfügt über immense Kraftreserven für den strapaziösen dritten Akt, der für den bedauernswerten Tenor ja fast schon eine Oper innerhalb der Oper darstellt; eine vollkommen mühelose Interpretation würde angesichts der emotionalen Grenzerfahrung dieser Szenen vermutlich auch am Kern der Dinge vorbeigehen. Viel Routine bringt auch Ekaterina Gubanova mit, die sich in den letzten Jahren schon den Status einer Brangäne vom Dienst erworben hat. Leider merkt man ihr dies inzwischen auch etwas an, trotz einer gesanglich tadellosen Darbietung vermisste man etwas die Lebendigkeit und innige Zuneigung der treuen Gefährtin. Da wusste Tristan mit dem Kurwenal von Roman Trekel einen aktiveren und profilierteren Paladin hinter sich, der kultivierte und wortdeutliche Vortrag des Liedersängers kommt der Partie durchaus zugute. Ein Gewinn für den Abend war auch der optisch wie stimmlich respekteinflößende Stephen Milling als Marke, der seinen langen Monolog mit vielen Schattierungen und dynamisch sehr differenziert und bewegend gestaltete. Wenig zu sagen ist dagegen über die szenische Seite des Abends, denn die ist kaum noch vorhanden. Tosca stand erst am nächsten Abend auf dem Programm, aber der Engel ist offenbar schon einen Tag früher von der Burg gefallen und bildet nun, als leicht gedätschter geflügelter Torso das Bühnenbild von Hans Schavernoch, auf dem die Solisten herumstehen, -klettern, -rutschen und –stolpern. Da das Ganze ursprünglich mal von Harry Kupfer war, ist davon auszugehen, dass es auch mal einen Sinn gehabt hat, aber nix Genaues kann man nicht mehr wissen… Da wäre eine konzertante Aufführung eigentlich ehrlicher und eine baldige Neuinszenierung wünschenswert.

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