Staatsoper Berlin: “Tosca” – 12.10.2014

Und sie springt… nicht! Scarpias letzter Betrug ist enthüllt, der amante mausetot und das Hauptquartier in Aufruhr, die Oper auf der Zielgeraden zum blutigen Kehraus. Und sie springt nicht! Generationen von Opernfans sind sozialisiert worden mit dem finalen Sprung Toscas von der Engelsburg, bzw. von der Kulisse nach hinten unten, in die Tiefe. Einer der pathetischsten, aber auch heikelsten Momente der Opernliteratur, an kaum einer anderen Stelle ist der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen, zur unfreiwilligen Komik, so klein wie hier. In der Neuinszenierung der Berliner Staatsoper entfällt dieser Moment. Stattdessen schreitet Tosca mit weit ausgereckten Armen nach vorne, auf Orchester und Publikum zu, wird immer heller angeleuchtet, während die Kulisse zunehmend im Dunkel versinkt, bis hin zum letzten, gespannt wie die berühmte Bogensehne… „O Scarpia, avanti a Dio!“, ein letztes Aufleuchten, nochmal Cavaradossis Liebesthema aus dem Orchester und Blackout. Das wars. Wie toll ist das denn? Sekunden später schallen, auch noch in der dritten Vorstellung, laute Buhs durch den Saal. Die gelten, so darf man vermuten, nicht dem überraschenden Ende, sondern dem, was zuvor über die Bühne ging.

Denn mit dieser neuen Hauptstadt-Tosca ist kein Staat zu machen, besagter Nicht-Sprung ist der erste und letzte, der einzige wirklich starke Einfall. Dabei hatte das von der Papierform her durchaus verheißungsvoll angemutet, entsprechend groß die Enttäuschung. Angefangen mit der Inszenierung von Alvis Hermanis. Vor gerade mal gut drei Jahren und mit reichlich Theatererfahrung versehen, war der lettische Regisseur und Theaterleiter auch im Opernbereich richtig durchgestartet, hatte mit Zimmermanns Soldaten und Birtwistles Gawain in Salzburg für Furore gesorgt. Leider hat es den Anschein, als habe Hermanis seine Geistesblitze bereits gezündet und sein Regiepulver verschossen. Die Handlung von Tosca lässt er auf zwei räumlich getrennten Ebenen ablaufen, zum einen als relativ reduziertes, sparsam agiertes Spiel der Darsteller, zum anderen auf einer erhöht gebauten Leinwand (Bühne und Kostüme: Kristine Jurjane) in Form eines Comics; die Edelfedern vom Großfeuilleton benutzten natürlich lieber das vornehmere Wort graphic novels… Das klingt erstmal spannend, ist es aber nicht. Denn dafür hätte Hermanis durch die Aufspaltung einen wie auch immer gearteten Mehrwert kreiieren müssen, indem er zwei Geschichten, bzw. die eine Geschichte aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, und damit zwei konträren Deutungen, erzählt oder das eigentliche Bühnengeschehen kommentiert, verfremdet oder überhöht. Nichts von dem findet statt. Die Bilder erzählen exakt dieselbe Handlung, eine reine Illustration und Verdoppelung; wenn wenigstens noch die Übertitel als Sprechblasen in die Zeichnungen integriert worden wären! So aber bringt das gar nichts, es nervt nur. Lediglich in zwei Momenten weichen beide Ebenen kurzzeitig etwas ab, nämlich bei „Vissi d’arte“ und am Schluß, wo man zur beschriebenen Finallösung als Comicbild Tosca in einer Blutlache auf dem Pflaster liegen sieht. Die Bilder sind zudem ebenso schlecht und grobkörnig gezeichnet, wie die Personenführung langweilig und nichtssagend ist. Letztere findet eigentlich kaum statt, die Sänger wirken phasenweise so unbeholfen und wenig eingespielt, als habe man sie zwei Stunden vor der Aufführung wahllos am Alexanderplatz eingesammelt und ins Kostüm gesteckt, jeder für sich und alle gegen einander. Diese Inszenierung ist eine Bankrotterklärung. Hauptsache, am Bayreuther Festspielhügel hat man sich die künftigen Dienste des Regisseurs bereits gesichert…

2MB_0831Mord & Totschlag mal zwei (Foto: Hermann & Clärchen Baus)

Aber auch die, auf dem Papier durchaus namhafte, Besetzung hinterließ einen wenig homogenen und in sich unstimmigen Eindruck. So gab Anja Kampe bei ihrem Rollendebüt die erwartet intensive und leidenschaftliche Tosca und wurde schon dank ihrer starken individuellen Präsenz zum Mittelpunkt des Abends. Obwohl sie seit Jahren praktisch ausschließlich im deutschen Fach unterwegs ist, verfügt Kampe über eine fundierte italienische Stimmschulung, was auch unüberhörbar war; Phrasierung, Artikulation und Gesangslinie sind jederzeit idiomatisch und klangvoll, dazu sang sie äußerst gut fokussiert und ohne Übertreibungen. Ein herausragendes Rollenporträt, das leider kaum Entsprechungen fand. Denn im Gegensatz zur Vollblutinterpretin Kampe gehört Fabio Sartori zu denjenigen Tenören, die primär mit ihren accuti verheiratet sind und die zwischen zwei spektakulären Phrasen am Stück selbst weder geistig noch emotional teilnehmen. Selbst ohne Hilfe eines Regisseurs sollte ein erfahrener Sänger eigentlich in der Lage sein, zumindest ein rudimentäres Grundrepertoire an Gesten und Körperhaltungen zu entwickeln und dieses adäquat einzusetzen… dann würde er sich vielleicht nicht im Verhör durch den gefürchteten Polizeichef saftlos an dessen Schreibtischkante lümmeln wie ein gelangweilter Pennäler vor den Ferien; und natürlich fehlte auch der Klassiker „Der überglückliche Tenor kurz vor seiner Hinrichtung“ nicht. Gesanglich lieferte Sartori das, was von einem Cavaradossi verlangt wird, mühelos ab, ohne dass seine Darbietung sich sonderlich eingeprägt hätte. Bitte: beide Künstler sind bekannt und seit Jahren feste Größen in der Branche; da darf man beim Castingdirektor schonmal nachfragen, wie man auf die Idee kommt, zwei Sänger von so diametral verschiedenem Temperament und künstlerischem Ethos zusammen zu besetzen?!

DSC_6041Pose der Diva: Anja Kampe als Tosca (Foto: Hermann & Clärchen Baus)

Gespannt durfte man auf das Rollendebüt von Michael Volle als Scarpia sein, schließlich kennen und schätzen wir ihn als ausstrahlungsstarken Bühnenmenschen, dessen Stimme sich zuletzt immer mehr ins dramatische Fahrwasser entwickelt, nicht umsonst wurde er kürzlich von der Fachjury der „Opernwelt“ zum „Sänger des Jahres“ gekürt. Nun ist Scarpia gestalterisch eine der schwierigsten Rollen des baritonalen Standardrepertoires, ein Charakter von so abgrundtiefer und menschenverachtender Schlechtigkeit und Brutalität, dass alles zu spät ist. Zynisch, neurotisch und pervers, dabei aber gesellschaftlich geschliffen und hochintelligent; librettistisch zusammengefasst in dem Begriff bigotto satiro. Das glaubwürdig und ohne Outrage zu gestalten, erfordert ein Höchstmaß an Persönlichkeit, Intelligenz und Erfahrung. Alles Qualitäten, über die Volle bekanntlich verfügt. Schlecht war sein Scarpia auch nicht, dennoch hätte ich mir noch mehr erwartet, die Rollengestaltung blieb insgesamt eine Nummer zu eindimensional und zu behäbig, statt des gnadenlosen Neurotikers agierte hier ein Bürokrat mit gelegentlichen cholerischen Anfällen. Auch stimmlich setzt Volle leider in erster Linie auf Kraftmeierei und lässt sich dadurch einiges an Möglichkeiten entgehen, in einem von mir aufgeschnappten Pausengespräch fiel sogar das häßliche Wort „Brüllbariton“. Was die Besetzung der kleineren Partien aus dem hauseigenen Ensemble betrifft, ist man als Gast aus der Landeshauptstadt halt durchaus verwöhnt, hier waren vor allem bei den beiden Bässen Tobias Schabel (Angelotti) und Jan Martiník (Sagrestano) erhebliche Abstriche zu machen, letzterer konnte sich schon dem Kinderchor gegenüber nur mit Mühe behaupten. Etwas besser schnitten Florian Hoffmann als Spoletta und Maximilian Krummen als Sciarrone ab, der Chor (Einstudierung Martin Wright) absolvierte seinen kurzen Auftritt angemessen.

DSC_5998Unheilige Gedanken: Michael Volle (Scarpia) – Foto: Hermann & Clärchen Baus

Die größte Enttäuschung des Abends aber war das Dirigat von Daniel Barenboim. Schwer zu glauben: bis dato hatte Barenboim in seiner gigantischen Karriere wirklich noch nie eine Puccini-Oper dirigiert, und ob Maestro Daniel und Maestro Giacomo wirklich Freunde werden, darf nach diesem Abend bezweifelt werden. Natürlich stellt die Partitur für Barenboim schlagtechnisch nicht wirklich eine Herausforderung dar, die entscheidenden Anforderungen bei Puccini liegen eher auf stilistischem Gebiet, in der Balance zwischen Effekt und Affekt. Hier kann jede Falschdosierung die Sache zum Absturz bringen, bei zuviel Schmackes und Sentiment landet man schnell im Kitsch, bei zuwenig in der Banalität. Es spricht durchaus für ihn, dass er bemüht ist, Schmalz und Effekthascherei zu vermeiden und die lyrisch-empfindsamen Seiten der Musik zu betonen, nur leider gerät er dabei zu oft ins andere Extrem und verliert vor lauter Detailarbeit den Blick für das Ganze, die Musik zerfranst und zerfällt zunehmend in niedliche Stückchen Kleinkunst. Was fehlt, ist die innere Dynamik der Musik, der „Drive“, die Farben der kompromisslosen Leidenschaft, die Dialektik von Eros und Thanatos. Warum ihm dies im Tristan oder in anderen Wagner-Opern so grandios gelingt und hier so gar nicht? Keine Ahnung. Man kann weder Barenboim noch seiner Staatskapelle den Vorwurf machen, Puccini nicht ernst genommen zu haben; vielleicht haben sie ihn im Gegenzug zu ernst genommen, zu sehr in Watte gepackt? Das Te Deum des ersten Aktes ist nunmal keine Motette von Schubert, hier klang es aber beinahe so. Es gibt sie gelegentlich schon, die „schönen Stellen“, die Momente schwelgerischen Klanges, aber wenn es drauf ankommt, bremst Barenboim wieder ab, nimmt zurückt, würgt den Motor ab. So tritt nicht nur die Inszenierung auf der Stelle, sondern auch die musikalische Realisierung.

Immerhin: man hat eine der faszinierendsten Sängerinnen der Gegenwart in einer tollen neuen Partie erlebt. Der Rest allerdings ist Themaverfehlung erster Ordnung.

 

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