Bayerische Staatsoper: “Več Makropulos” – 19.10.2014

Unverhofft kommt bekanntlich oft… eigentlich wollte ich diesen Artikel beginnen mit einer kurzen Eloge und Gratulation zum mehrfachen Titelgewinn der Bayerischen Staatsoper bei der diesjährigen Kritikerumfrage der „Opernwelt“ und dann elegant überleiten zur ersten Premiere der neuen Saison. Na gut, gratulieren kann man trotzdem, der BSO zur Auszeichnung Opernhaus des Jahres, dazu dem Staatsorchester als Orchester des Jahres, Kirill Petrenko als Dirigent des Jahres, Die Soldaten sind, unzweifelhaft,die Inszenierung des Jahres und Hanna-Elisabeth Müller die Nachwuchskünstlerin des Jahres. Ein kraftvolles Bravissimi tutti auch von dieser Stelle!

Mit der eleganten Überleitung freilich ist es so eine Sache, denn mit Premierenabenden wie diesem dürfte sich eine erfolgreiche Titelverteidigung eher schwierig gestalten. Die Skepsis, die einen bei Ansicht des Besetzungszettels beschleichen konnte, erwies sich am Ende des Tages leider als allzu berechtigt. Dabei ist Leoš Janáčeks Die Sache Makropulos ein faszinierendes Werk, ein abgefahrenes Fantasy-Drama um Zaubertränke, verschwundene Urkunden, vergangene Liebschaften und den Segen, bzw. den Fluch, ewigen Lebens. Elina Makropulos, Tochter eines kaiserlichen Hofalchemisten und in grauer Vorzeit vom Vater zum Versuchskaninchen für ein lebensverlängerndes Elixir mißbraucht, geistert nun als eine Art weiblicher fliegender Holländer durch die Weltgeschichte, ist zum Zeitpunkt der Opernhandlung schlappe 337 holde Lenze jung und wechselt, damit das nicht so auffällt, hin und wieder Name und Identität, bleiben tun nur die Initialen E.M., aktuell begegnet sie uns als gefeierte Opernsängerin Emilia Marty. Sowas nennt man dann wohl Lebenserfahrung… Dank jener kann sie, da den Vorfahren beider Kontrahenten persönlich wohlbekannt, einen seit Jahrzehnten schwelenden Erbschaftsstreit schlichten, ist aber selbst auf der Suche nach ebenjenem Geheimrezept, da die eigene verfluchte Existenz dringend einer neuen Dosis des wundersamen Mittels bedarf. Eine Handlung also, die sich geschickt von der Banalität hin zum hochphilosophischen Menschheitsdrama entwickelt und öffnet, bis hin zum großen Schlußmonolog, in dem Emilia Marty ihre Identität und Geschichte kundtut, sich der Unmöglichkeit ihres Seins bewußt wird und das Rezept an ihre junge Kollegin verschenkt, die es wohlweislich zerstört. Elina Makropulos alias undsoweiter geht hin in Frieden. Welch ein Opernstoff! Dramatisch, originell, geheimnisvoll. Ein echter Janáček eben, nicht umsonst gilt der kompositorische Sonderling aus Brno als besonders affin zu außergewöhnlichen Sujets und psychologisch komplexen Frauenfiguren.

DSM1Gesprächsbedarf mit Diva: Nadja Michael (Emilia Marty) mit den Herren v.l. Prus (John Lundgren), Gregor (Pavel Černoch) und Kolenáty (Gustáv Beláček ) . Foto: Wilfried Hösl

Das Problem ist, dass sich dieses Stück schwer realisieren läßt und alles andere als ein Selbstläufer ist. Hier ist wirklich erstklassiges Fachpersonal angesagt: ein Regisseur, der sich wirklich etwas einfallen lässt und die Geschichte psychologisch schlüssig zu erzählen versteht und zugleich den mystischen Überbau ernst nimmt, ein Dirigent, der Janáčeks speziellen Stil zwischen kammerspielhaftem Parlando und großer pathetischer Geste herausarbeitet und schließlich eine überragende Hauptdarstellerin mit entsprechender szenischer und vokaler Präsenz. All dieses war hier nicht gegeben, die Sache Makropulos stand in München daher auf verlorenem Posten. Ein Scheitern, das allerdings angesichts der früheren Arbeitsnachweise der Beteiligten durchaus vorhersehbar war…

Schon das viel zu schnell genommene und mit tranig-dickem Ton musizierte Vorspiel erwies sich als richtungsweisend und machte deutlich, dass dies kein großer Opernabend werden würde. Nicht zum ersten Mal widerlegt Tomáš Hanus am Pult das Klischee, ein Dirigent, der zufällig aus demselben Land – in diesem Fall sogar derselben Stadt – stammt wie der Komponist, müsse für dessen Musik ein besonderes Händchen haben. Das ist ohnehin Unsinn und war wohl selten falscher als an diesem Abend. Hanus taucht die Musik in einen wabernden, weichgespülten Einheitssound, ignoriert die dialogischen Pointierungen und ist in den dramatischen Momenten einfach nur laut und zwingt die Sänger zum Schreien; wirklich gute Dirigenten können eben auch ein Fortissimo erzeugen, das nicht nur knallt und in den Ohren wehtut. Wer das Glück hatte, das Stück 2011 bei den Salzburger Festspielen mit den Wiener Philharmonikern unter Esa-Pekka Salonen hören zu dürfen, wird die Musik streckenweise kaum wiedererkannt haben.

Ebenso unverständlich war auch das erneute Engagement von Árpád Schilling für die Regie; schließlich hat Schilling mit Verdis Rigoletto eine der schlechtesten und dilettantischsten Produktionen in der jüngeren Geschichte der BSO zu verantworten. Ganz so ein Debakel ist diese Več Makropulos nicht geworden, trägt aber auch nichts zum Verständnis, oder gar zur Deutung, der Geschichte bei. Wie aus dem Reklamheftchen inszeniert er brav, bieder und nichtssagend am Text entlang und verläßt sich auf seine Darsteller und das Bühnenbild von Márton Ágh. Dieses besteht aus zwei hohen Wänden, innen gekachelt und außen marmoriert, die einen nicht näher bestimmten, andeutungsweise dreieckigen Spielraum schaffen. Warum für die aseptisch grelle Beinahe-Einheitsbeleuchtung im Programm noch ein Lichtdesigner angegeben ist, erschließt sich ebensowenig wie der Sinn einer läppischen, angedeuteten Folterszene im Schlußmonolog und des sich am Ende herabsenkenden Gebirgspanoramas aus Papiermaché. Wollte Schilling hier, wenigstens zum Schluß, noch den Versuch machen, ein wenig Regie zu führen? Kapiert hat das vermutlich niemand, aber zwei Regieeinfälle waren wenigstens zwei mehr als in Rigoletto. Von den wirklich existenziellen Fragen und Emotionen des Stücks, der Vereinsamung, der Kälte, der Unfähigkeit zu kommunizieren etwa, erzählt die Inszenierung nichts, sie bleibt stets an der Oberfläche und bietet bestenfalls eine belanglose Bebilderung. Den einzigen deutenden Einfall hat Schilling am Schluß, wo Krista das Dokument nicht verbrennt, sondern es offenbar für eine ähnliche „Karriere“ zu nutzen gedenkt. Das ist viel zu wenig, zumal für ein Opernhaus des Jahres.

DSM2Bodenturnen auf weißem Flokkati: Emilia und Albert (Foto: Wilfried Hösl)

Womit wir bei der Besetzung, speziell jener der Hauptrolle, wären. Da muss ich eingestehen, nicht unvoreingenommen in die Vorstellung gegangen zu sein und vermutlich ist das einer Sängerin wie Nadja Michael gegenüber auch kaum möglich, zu sehr polarisiert sie von jeher das Publikum. Unter rein stimmlichen Gesichtspunkten habe ich sie schon wesentlich schlechter gehört, die vergleichsweise tiefe Tessitura kommt ihr entgegen und im Tschechischen fällt auch ihr berüchtigter S-Fehler nicht ganz so krass auf; bei ihr versteht man ohnehin nie ein Wort, und dann ist es auch egal, in welcher Sprache man das nicht tut. Erst in der letzten Viertelstunde baut sie vokal ab und verdirbt den Schlußmonolog mit den gewohnten scharf tremolierenden und schlecht fokussierten Höhen. Allerdings findet Michael auch darstellerisch den ganzen Abend keinen Zugriff auf den Charakter, trotz, oder gerade aufgrund, einer sehr extrovertierten Darstellung. Emilia Marty ist eine Verworfene, hat in über drei Jahrhunderten nichts Menschliches ausgelassen, sich schuldig gemacht, die Männer verführt und manipuliert wie sie es brauchte. Und doch hat sie Aura, Größe, Geheimnis. Die Ausstrahlung einer echten Diva und das Wesen einer Grenzgängerin zwischen den Welten. Michael dagegen spielt sie als blondes Popsternchen von der Stange, ordinär und überdreht, mit derselben aufgesetzten Pseudo-Intensität, mit der sie jeder Rolle zu Leibe rückt, ganz gleich, ob es jeweils passt oder nicht. Eine Karriere, die für mich persönlich, auch nach dieser Premiere, zu den größten Wunderlichkeiten des Musikbusiness zählt.

DSM3Alte Liebe rostet nicht: Reiner Goldberg als Hauk-Schendorf (links) – Foto: Wilfried Hösl

Die anderen Rollen bleiben werkgemäß eine reine supporting cast, individuelle Profilierungsmöglichkeiten hat der Komponist eher schwach dosiert. Am ehesten bieten sich solche noch für die beiden Prozessgegner Albert Gregor und Jaroslav Prus, beide der Wiedergängerin erotisch verfallen bis zur Selbstaufgabe. Prus gelingt es schließlich, die Primadonna mittels Erpressung – denn er ist im Besitz des Rezeptes – ins Bett zu kriegen; dass er dann nach vollzogenem Akt rumjammert, wie kalt und teilnahmslos die Begehrte realiter doch gewesen sei, wirft schon ein gewisses Licht auf diesen großbürgerlichen Wichtigtuer und Haustyrannen… John Lundgren verkörpert ihn stimmgewaltig, wenn auch mit etwas nasalem Timbre. Seinen juristisch wie erotisch unterlegenen Widersacher Gregor singt Pavel Černoch mit schlankem und höhensicherem, wenn auch nicht wirklich individuell timbrierten Tenor; mit einigem Geschick hat sich der Künstler mittlerweile einen Namen gemacht als Spezialist für etwas undankbare slawische Partien, die sonst kaum jemand singen möchte. Tara Erraught singt ausgesprochen schön und überzeugt als Krista in ihrer Mischung aus Ehrgeiz und Bewunderung für Emilia Marty, Gustáv Beláček singt einen kernigen Anwalt Kolenáty, während die beiden Tenöre Kevin Conners (Vitek) und Dean Power (Janek) eher im Hintergrund bleiben. Für einen kurzen Höhepunkt sorgt der Auftritt des debilen Ex-Liebhabers Hauk-Schendorf, eine der wenigen männlichen Kameo-Rollen der Operngeschichte. Reiner Goldberg spielt ihn völlig abgehoben und liebenswert vertrottelt, mit ungebrochener Bühnenpräsenz und noch immer erstaunlich strahlkräftigem Tenor.

Buh-Rufe blieben diesmal komplett aus, das Publikum bedachte alle Mitwirkenden, einschließlich Regieteam, mit durchschnittlichem Höflichkeitsapplaus. Im Sport gibt es den schönen Begriff „Streichergebnis“; darunter versteht man, dass der schlechteste Versuch eines Athleten im Wettkampf nicht in die Wertung einfließt. Was die Neuinszenierungen betrifft, hat die Bayerische Staatsoper ihr diesjähriges damit voraussichtlich eingefahren.

 

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1 Response to Bayerische Staatsoper: “Več Makropulos” – 19.10.2014

  1. Reiner says:

    War gerade in der Vorstellung. Ich mag Nadja – in dieser Rolle 🙂
    Auch das Bühnenbild am Schluss war sehr schön …
    Über den Rest schweigen wir mal

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