Gärtnerplatztheater: “Peter Grimes” – 23.10.2014

Des Meeres und der Psyche Wogen

München liegt bekanntlich eher weit entfernt von der Küste und auch die Fischer Vroni kommt nur einmal im Jahr, zur Wiesn, vorbei. Dennoch war die Einstimmung auf Benjamin Brittens Peter Grimes überzeugend, denn britischer als an diesem Donnerstag hätte sich das Wetter in der Landeshauptstadt kaum präsentieren können. Ob es daran lag, dass schon zur zweiten Vorstellung dieser ersten Neuinszenierung der Saison so wenige Münchner Opernbegeisterte den Weg ins Prinzregententheater gefunden hatten, wo das derzeit noch unbehauste Gärtnerplatztheater Brittens modernen Klassiker derzeit präsentiert? Oder liegt es vielleicht doch am Werk selbst, denn auch die damalige Inszenierung davon am Nationaltheater zwischen 1991 und 1998 war nicht gerade ein Kassenknüller gewesen, der Anheuerung so erstklassiger Skipper wie René Kollo, Philip Langridge oder Neil Shicoff zum Trotz. Dass sich das Haus nach den beiden Pausen weiter massiv leerte, war umso unverständlicher, auf die zweite hätte man wohl besser verzichten sollen.

Brittens Opern, der Peter Grimes macht da keine Ausnahme, sind eher sperrig, ohne die großen melodischen Kracher, ohne klare Identifikationsfiguren und nicht zuletzt durch die seltsame Verquickung von handfest realistischen Schauplätzen und Situationen mit mystischer Überhöhung auch ungemein schwierig zu inszenieren. Warum einem da die gerade fünf Tage zurückliegende Makropulos-Premiere an der Staatsoper einfiel? Dürfte wohl auf der Hand liegen. Allerdings, soviel sei gleich gesagt, hat man sich in diesem Fall am Gärtnerplatz ungleich besser und überzeugender aus der Affäre gezogen und eine insgesamt beeindruckende Demonstration vorgelegt.

Grimes2Ellen (Edith Haller) und Peter (Gerhard Siegel) sind außen vor – Foto: Thomas Dashuber

Regisseur Balázs Kovalik hat das Publikum und die Presse mit seiner Deutung offenbar kalt erwischt; zumindest die, die noch nie eine Inszenierung von ihm gesehen haben. Dass der Ungar kein maritimes Heimatmuseum auf die Bühne bringen würde, war eigentlich vorhersehbar, dementsprechend gibt es keine Fischerboote, Wellenbrecher oder windschiefe Häuschen, dem rauhen Naturalismus von Britten und seinem Librettisten Montagu Slater verweigert sich Kovalik total. Kann das gutgehen? Kann es schon, allerdings braucht der Regisseur dann eine wirklich tragfähige Idee, um diese Leerstellen sinnvoll und ästhetisch überzeugend zu füllen. Kovalik setzt ganz auf Psychologisierung und die im Stück ausgestellten Spannungsfelder und siedelt das Stück räumlich und zeitlich in einem nicht näher definierten Irgendwo an, vom ursprünglichen Setting bleiben nur noch einige wenige nautische Utensilien und Kleidungsstücke (Kostüme: Mari Benedek) sowie ein stilisiertes Segelboot aus Draht und Klarsichtfolie; beinahe schon etwas inkonsequent. Seinem Ruf als begnadeter Bilder-Erfinder wird Kovalik zweifellos gerecht, er taucht das Drama in eine Fülle wechselnder hochästhetischer, farbenfroher, beinahe psychadelischer und extrem artifizieller Bilder und Lichtstimmungen, meistens hart an der Kitschgrenze, zuweilen auch mal darüber hinaus; dass etwa am Schluß der tote Lehrbube auf(er)steht und Grimes an der Hand ins Boot und damit in die ewigen Fischgründe führt, hätte echt nicht sein müssen, da muss man schon ganz tief durchatmen. Hier hat der Lichtdesigner Michael Heidinger ganze Arbeit geleistet und variiert das Bühnenbild von Csaba Antal auf wirklich wundersame Art und Weise. Jenes Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus zwei schwenk- und fahrbaren Metallbrücken links und rechts – Schwindelfreiheit gehört hier zum Jobprofil – sowie einem blaugestrichenen Container, der die Gebäude wie Pub oder Kirche darstellt und schließlich einem bühnenhohen und variabel schiebbaren Vorhang aus transparenter Folie, wie ein riesiger Duschvorhang, der je nach Beleuchtung Wasser, Wind oder Nebel imaginiert. Die Personenregie ist von einer gewissen Holzschnittartigkeit geprägt, hier wäre eine etwas detailiertere Ausarbeitung sicher denkbar gewesen, auch wenn die einzelnen Repräsentanten der Dorfgemeinschaft durchaus prägnant charakterisiert sind. Besonderes Augenmerk richtet Kovalik auf die Chorszenen, insbesondere die im zweiten und dritten Akt, in der sich der geballte Hass und die Hysterie der aufgehetzten Masse Bahn bricht: zunächst verwandelt sich die Dorfgemeinschaft zum Trommelschlag in wenigen Momenten in einen faschistischen Lynchmob in Schaftstiefeln, weißem Hemd und schwarzer Hasskappe, der im Takt den rechten Arm schwenkt bis kurz vor knapp… Ebenso beängstigend allerdings die Orgie des dritten Aktes, in der kollektiv Hemmungen und Oberbekleidung fallen, eine viehische Zurschaustellung von unterdrücktem Sex, Gewalt und animalischen Lüsten im Gewand einer Biedermannfantasie. Man kann das alles für übertrieben oder aufgesetzt halten, aber in diesen Szenen wird plötzlich etwas spürbar, was man zuvor vielleicht etwas vermisst hatte: eine knallharte Aussage, die nackte Wut des Regisseurs auf gesellschaftliche Borniertheit und Ausgrenzung. Indem er diese so als Zerrbilder inszeniert, macht Kovalik vielleicht auch seine eigene Erfahrung mit der Faschistenregierung seines Heimatlandes indirekt zum Thema. Trotz einiger kleinerer Übertreibungen oder Ungeschicklichkeiten – der Unfalltod des zweiten Lehrbuben etwa ist szenisch eher unbeholfen gelöst – ist das eine bildmächtige und durchaus originelle Inszenierung; das kann man so machen!

Grimes3Wehe, wenn sie losgelassen…! (Foto: Thomas Dashuber)

Vermutlich hätte zu dieser Regie ein etwas analytischeres, transparenteres Dirigat noch besser gepasst als die etwas romantisierende Lesart des jungen GMD Marco Comin. Das Gärtnerplatzorchester zeigte sich jedenfalls in bester Musizierlaune und nutzte die gegenüber dem Stammhaus deutlich verbesserten akustischen Möglichkeiten zur klanglichen Entfaltung; weich, nachgerade schwelgerisch, die Streicher, prägnant das Blech und mit irrlichterndem Witz die Holzbläser mit ihren zahlreichen karikierenden Effekten. Ein besonderes Lob auch für den spielfreudigen und musikalisch wie szenisch erfreulich präzisen Chor des Gärtnerplatztheaters in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen.

Gesungen wird, auch das Gärtnerplatztheater ist mittlerweile in dieser Hinsicht in der Jetztzeit angekommen, in der Originalsprache. Anders wäre das Stück auch kaum zu besetzen gewesen, zumindest nicht ansatzweise in dieser Qualität. So konnte mit Gerhard Siegel ein herausragender Sängerdarsteller für die Titelpartie gewonnen werden, der schon bei diesem Rollendebüt eine Vielzahl von Facetten zeigte und dem knorrigen Sonderling Profil gab. Optisch ist Siegel kein Seebär, mit Vollglatze und stiernackiger Präsenz erinnert sein Grimes eher an den unvergessenen Klaus Löwitsch, stimmlich nutzt er seine langjährige Wagner-Erfahrung zu einem stimmgewaltigen und doch differenzierten und immer vom Wort her gestalteten Vortrag. Die Momente schwärmerisch-emphatischer Visionen könnten im Idealfall vielleicht eine Spur weicher klingen und der Wahnsinn der Schlußszene etwas eindringlicher, aber das ist auf hohem Niveau gemeckert und wird sich mit zunehmender Rollenerfahrung sicher noch einstellen. Die am Ende noch anwesenden Zuschauer feierten Siegel zu Recht für eine famose Leistung.

Grimes1Gefeiert: Gerhard Siegel in der Titelrolle (Foto: Thomas Dashuber)

Fast noch einen Tick größere Akklamation erntete Edith Haller als Ellen Orford, die verwitwete Lehrerin und Objekt von Grimes‘ heimlicher Sehnsucht nach Liebe, Ehe und einer bürgerlichen Existenz. In der Dorfhierarchie ist diese Frau sozusagen eine Halbaußenseiterin; zwar unverzichtbar und nolens volens akzeptiert, aber immer noch suspekt. Das ambivalente Verhältnis zu Peter übersetzt sich in Hallers sparsam-eindringlichem Spiel jederzeit und auch gesanglich ist sie mit ihrem strahlkräftigen, etwas herb timbrierten und sich in der Höhe schön öffnenden Sopran eine erstklassige Besetzung. Den emeritierten Captain Balstrode gibt Ashley Holland als erratische, in sich ruhende Instanz, seine Erscheinung läßt allerdings eine etwas voluminösere Stimme erwarten. Unter den diversen kleineren Partien gibt es ein Wiedersehen mit bekannten und beliebten Mitgliedern des Gärtnerplatz-Ensembles wie Snejinka Avramova als Kneipenwirtin Auntie, Frances Lucey und Elaine Ortiz Arandes als ihre beiden Nichten, Ann-Katrin Naidu als ungewohnt jung und attraktiv besetzte Mrs. Sedley oder Holger Ohlmann als Ned Keene. Glänzend singt und agiert Juan Carlos Falcón als fanatischer Methodistenprediger Bob Boles, etwas dezenter István Kovács als Swallow und Stefan Thomas als Reverend Adams.

Eine absolut sehens- und hörenswerte Produktion, die definitiv mehr Interesse verdient hätte. Weitere Chancen gibt es noch am 27., 29., 31. Oktober und am 2. November.

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