“St. Petersburg” – die neue CD von Cecilia Bartoli

Sagt Ihnen der Name Hermann Friedrich Raupach etwas? Nein? Und wie schaut es aus mit Francesco Domenico Araia oder Vincenzo Manfredini? Auch Fehlanzeige? Jetzt könnte man den Riemann aus dem Schrank holen oder die Suchmaschine seines Vertrauens anwerfen… Oder, noch besser, man legt sich einfach die neue CD von Cecilia Bartoli auf. Da werden Sie nämlich geholfen, um mal einen Klassiker der Reklameindustrie zu zitieren; denn natürlich handelt es sich bei den drei Herren um weitgehend unbekannte Barock-Komponisten. Diese und einige weitere Kollegen haben gemeinsam, dass sie sich zwischen 1730 und 1795 vom russischen Zarenhof haben anwerben lassen, zu der Zeit, als dort die kunstsinnigen Gospodinas Anna, Elisabeth und Katharina den Ton angaben und sich ein lebhaftes musikalisches Unterhaltungsprogramm leisteten, natürlich serviert von echten Maestri aus Italien, Deutschland und Frankreich. Großartig über die Wirkungsstätte St. Petersburg hinaus hat sich deren Fama eher nicht verbreitet und so versank ihre Musik langsam aber sicher in den Archiven.

Bartoli sp3

Allerdings konnte kein Komponist so tief dort versinken, als dass Cecilia Bartoli ihn nicht wieder zum Vorschein zaubern und auf Silberscheibe packen könnte. Denn die berühmte Mezzosopranistin und Salzburger Pfingstfestspiel-Leiterin ist zudem noch als Chefausgräberin musikalischer Trouvaillen aus Barock und Vorklassik tätig; 2012 landete sie mit der Wiederentdeckung des Händel-Zeitgenossen Agostino Steffani gar einen musikhistorischen wie künstlerischen Sensationsfund. Man durfte also gespannt sein wie Flitzebogen, was die Römerin nun aus den Tiefen und Untiefen der vormals zaristischen Haus- und Hofbibliotheken Petersburgs mitbringen würde, zu denen ihr Russlands Staatskünstler und musikalischer Lordsiegelbewahrer Valéry Gergiev freundlicherweise Zugang verschafft hat. Die Ausbeute besteht aus Werken der genannten Maestri sowie von Domenico Dall’Oglio, Luigi Madonis und Domenico Cimarosa, alle elf Nummern auf dieser CD sind, na klar, Weltersteinspielungen. Um es mal vorweg zu nehmen: ein vergleichbarer Kracher wie Steffani ist nicht darunter, bei aller Wertschätzung sei doch festgestellt, dass es offenbar eher die Kleinmeister waren, die dem Ruf in die Kälte Russlands gefolgt sind, signifikante klanglich-stilistische Unterschiede zwischen den einzelnen Komponisten herauszuhören, fällt mir auch bei wiederholtem Konsum des Albums schwer. Was natürlich nicht heißt, dass das keine gute Musik ist, aber verglichen mit den Barockgiganten wie Monteverdi, Händel oder auch Steffani, klingt das austauschbarer und konventioneller, die musikalischen wie die sprachlich-librettistischen Topoi sind eher barocker Mainstream.

Dass die CD dennoch ein Hit und ein grandioser Hörgenuss ist, liegt natürlich in erster Linie an Cecilia Bartoli selbst, der Zarin und Großmeisterin der alten Musik. Selbstverständlich erfüllt La Bartoli sämtliche Erwartungen ihres Publikums, wirft sich mit lodernder Begeisterung und Emphase in die Stücke hinein, brennt ein Feuerwerk an virtuosem Überschwang ab, dass es einem schwindelig werden kann und glänzt in bewährter Weise mit halsbrecherischen Koloraturen und Intervallsprüngen, Verzierungen und Trillern, vorgetragen auf ihre unverwechselbare Art. Zugleich ist sie aber auch die nahezu unerreichte Königin der Farben und Nuancen. Virtuos singen können in diesem Fach viele, schön singen auch und ein paar können tatsächlich beides gleichzeitig. Bartoli allerdings singt nicht nuzr virtuos und schön, sondern auch alles individuell. Da wird nichts pauschaliert oder maniriert, der Vortrag ist höchst artifiziell und künstlerisch, zugleich aber auch ungemein natürlich und wirkt beinahe spontan, wie gerade im Moment entstanden. Da klingt, auch in den Variationen und Wiederholungen, kein Takt wie der andere, subtil spielt die Künstlerin mit den Worten und Betonungen, unterlegt jede Phrase mit der entsprechenden Klangfarbe und verleiht der Musik so eine beeindruckende Sprachmächtigkeit. Da läßt sie die Blumen sprießen, die Bächlein murmeln, den Verliebten seufzen und die Sehnsucht fließen, dass es die pure Wonne ist und auch die formelhafteste Sprache plötzlich zu leben beginnt. Höhepunkt des Programms in dieser Hinsicht ist die Arie „Razverzi pyos gortani, laya“ aus Raupachs Siroe, Re di Persia; selbstredend auf Russisch gesungen! Wie Bartoli hier einen grimmig wütenden Hund imaginiert, ist eines der größten Kabinettstücke an stimmgestalterischer Charakterisierung, die man seit langem gehört hat. Aber auch für alle anderen Affekte, die im barocken Opernkosmos gemeinhin so vorkommen, findet sie immer genau den richtigen Ton, sei er schwelgerisch, kokett, melancholisch oder heroisch. Auch ohne Sprachkenntnis – bis auf zwei russische Stücke sind die Arien in italienischer Sprache – oder Textbuch teilen sich die Emotionen stets sinnfällig und eindringlich mit.

Wie schon bei Steffani assistiert auch diesmal Diego Fasolis mit seinem Ensemble I Barocchisti und sorgt für eine farbenreiche, temperamentvolle und dynamisch gut gestaffelte instrumentale Grundlage; besonders wichtig in der alten Musik, wo Solostimme und konzertierende Instrumente immer wieder in Dialog treten, musikalische Gedanken formulieren und weiterführen und ihre Affekte verschmelzen. Das ist hier wunderbar gelungen, die künstlerische Vertrautheit zwischen allen Beteiligten wird in jedem Takt spürbar und die Solisten fügen sich harmonisch in den Satz ein. In der letzten Nummer des Programms, „A noi vivi, donna eccelsa“ aus Carlo Magno von Vincenzo Manfredini, ist neben dem Coro della Radiotelevisione Svizzera auch Silvana Bazzoni mit einem Solo zu erleben; wie inzwischen die meisten wissen dürften, ist dies Bartolis Mutter und Lehrerin – die Musikwelt verneigt sich in Dankbarkeit!

Beinahe unnötig zu erwähnen, dass die CD auch diesmal ein aufwändig gestaltetes bibliophiles Prachtstück mit informativem und ausführlichem Beibuch und Bildmaterial geworden ist; einschließlich eines Frontcovers, auf dem Zaritsa Cecilia in weißem (Kunst)pelz-Outfit auf den Spuren Katherine Hepburns und Nathalie Woods wandelt… Anschaffen? Ja, was denn sonst?!

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