BR-Symphonieorchester/ Mariss Jansons – 5.11.2014

Den Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung gibt es bereits seit 1948, damit ist die jährliche Spendensammelaktion eines der ältesten sozialen Hilfsprogramme der Landeshauptstadt. Seit Jahren gehört auch der Bayerische Rundfunk zu den namhaften Unterstützern, u.a. mit einem jährlichen Benefizkonzert des Symphonieorchesters. Jetzt ist „Benefiz“ ja normalerweise ein anderes Wort dafür, dass die Karten teuer sind und man dafür nicht mal meckern darf, doch zu meckern gab es hier absolut gar nichts, im Gegenteil verbanden sich guter Zweck und große Kunst zu einem unvergesslichen Konzertabend im bis auf den letzten Stehplatz prall gefüllten Herkulessaal.

Die gespannte Erwartung lag förmlich in der Luft, denn Mariss Jansons war es gelungen, den polnischen Ausnahmepianisten Krystian Zimerman nach mehr als 20 (!)jähriger Absenz wieder nach München zu locken, um mit ihm Brahms‘ erstes Klavierkonzert in d-moll op. 15 aufzuführen. Seine Außenseiterrolle im Musikbusiness hat Zimerman schon immer gepflegt und mittlerweile hat er auch die gehobenen Etagen der Selbstmysthifizierung erklommen: er macht sich extrem rar, spielt nur noch wenige, streng ausgewählte Konzerte und kämpft mit Furor gegen die mediale Vermarktung der Musik, gegen Livemitschnitte, Bootlegs und Downloads; mithin gegen alles, was die Klassik seiner Meinung nach profanisiert… Boshaft könnte man jetzt auch sagen: was sie demokratisiert. Mit den modernen Schauturnern und Tastenakrobaten hat er nichts zu schaffen, seine Podiumspräsenz ist vollkommen unaufgeregt und frei von Eitelkeit, das Spiel kein Selbstzweck, sondern Vermittlungsakt für musikalische Inhalte und Affekte. Da wird nicht gezuckt und geschnauft, es fliegt keine Mähne und der Kopf wird nicht ekstatisch in den Nacken geworfen, dafür verschmilzt Zimerman mit seinem Instrument, bleibt in jedem Moment hellwach und bringt sich ein, sucht in den Orchesterpassagen Blickkontakt nicht nur zum Dirigenten, sondern auch zu den einzelnen Musikern. Stilistisch fällt der Künstler in die Kategorie Poet mit Pranke, er kann richtig Stoff geben, den Flügel donnern und rauschen und schwelgen lassen, den Saal mit hochherrschaftlichen Fortissimo-Entladungen fluten. Aber eben auch das genaue Gegenteil, er kann die Töne ebenso wunderbar perlen, glitzern und schmachten lassen, er zaubert im Pianobereich die feinsten moussierenden Klangperlen in den Raum und singt förmlich auf dem Instrument mit einer geradezu unverschämt direkten Emotionalität. Vor allem der lyrische Mittelsatz, nach allgemeiner und vom Komponisten unwidersprochener Deutung ein Klangporträt der von Brahms gestalkten Kollegengattin Clara Schumann, gelingt Zimerman und dem grandiosen BR-Symphonieorchester mit magischer Zartheit und Transparenz, ohne eine Sekunde rührselig zu wirken; eine Herausforderung, die nur den wenigsten Pianisten gelingt. Vor allem wirkt Zimermans Spiel auch in den dynamischen Extremen nie aufgesetzt, sondern immer aus der Musik heraus organisch entwickelt. Dass sich dieser musical approach optimal mit demjenigen von Mariss Jansons ergänzt, liegt auf der Hand. In den letzten Spielzeiten hat Jansons mit seinem Orchester wiederholt die Sinfonien von Brahms aufgeführt und dessen Musik mit seiner musikantischen Energie und dem farbenreichen Spiel des Orchesters regelrecht zum Leuchten gebracht. Gleiches gelingt ihm auch hier mit dem d-moll-Konzert, einem der gewaltigsten Schlachtrösser, die es in der Gattung Klavierkonzert zu zäumen und zu reiten gibt. Seinen großen dramatisch auftrumpfenden Gestus behält das Werk natürlich auch unter Jansons‘ Leitung, es gewinnt hier aber noch entscheidende Akzente hinzu, vor allem eine beschwingte Eleganz und Leichtigkeit, die ich so auch noch nicht erlebt habe. Das Publikum folgte der Aufführung mit gebannter Konzentration und Stille, gefolgt von Beifalls- und Bravostürmen. Zugabe? Natürlich nicht. Könnte ja jeder kommen…

Zimerman BR Robert HaasJubel für Krystian Zimerman nach Brahms op.15 – Foto: Richard Haas/SZ

Mit d-moll war nach der Pause noch lange nicht Schluß, auch die Fünfte Sinfonie von Dmitri Shostakovitch steht in dieser Tonart. Zunächst aber traute man seinen Augen nicht: der Saal hatte sich zur zweiten Halbzeit tatsächlich geleert! Nicht signifikant, aber doch sichtlich. Hey Leute, was war los? Brennt Euch der Hut? Denn mit Shostakovitch allgemein, und ganz besonders der Fünften, hat Jansons nun erst recht ein Heimspiel, das Stück gehört zu seinem engsten Kanon von Lieblingswerken und auch in München hat er es in seiner Amtszeit, und auch schon zuvor als Gast, mehrfach dirigiert. Auch wenn die notorischen Anekdoten rund um Shostakovitch, Stalin, die Oper Lady Macbeth von Mzensk und ebenjene Sinfonie mittlerweile längst als historisch falsch entlarvt sind – das Programmheft tischt sie trotzdem nochmal auf – markiert die d-moll-Sinfonie einen wichtigen Wendepunkt im Verhältnis des Komponisten zur sowjetischen Kulturbürokratie und die Frage, inwieweit gerade der letzte Satz mit seinem grell aufgemotzten Jubelfinale nun ironisch zu verstehen ist oder nicht, darf und muss jeder für sich beantworten. Wie gewohnt arbeitet Jansons den Dualismus zwischen Jubelgesang und Kontemplation präzise heraus und lässt die klanglichen und emotionalen Gegensätze, deren Wechsel die gesamte Partitur durchziehen, ungehemmt und mit voller Wucht aufeinander prallen; ein Kampf der Extreme, These und Antithese ohne Aussicht auf eine Synthese. Das Ergebnis ist ein permanentes Wechselbad der Affekte, den dritten Satz dirigiert Jansons äußerst zurückgenommen, leise und schmerzlich, voller melancholischer Entrücktheit, um dann den Finalsatz mit bracchialer Gewalt und unerbittlicher Dynamik in den Saal zu fetzen, die Schlußsteigerung ist pures Adrenalin in klingender Form, da vibrierte die Halle. Dazu hatte das BR-Symphonieorchester auch noch, selbst für seine Verhältnisse, einen Glanztag, da wurde an allen Pulten nochmal ein paar Umdrehungen zusätzlich rausgeholt und mit besonders viel Herzblut musiziert. Ein wirklich großer Abend!

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