Bayerische Staatsoper: “Manon Lescaut” – 15./19.11.2014

Wenn im Vor- und Umfeld einer Premiere mehr über abwesendes denn über anwesendes Personal und andere Nebenschauplätze diskutiert wird als über das am Abend Gebotene, so ist das meist kein gutes Zeichen. So geschehen bei dieser neuen Münchner Manon Lescaut, die, unter Mitwirkung der Superstars Anna Netrebko und Jonas Kaufmann und inszeniert vom vieillard terrible des deutschsprachigen Gegenwartstheaters, Hans Neuenfels, propagandistisch als einer der Saisonhöhepunkte eingeplant war. Doch dann schien diese Produktion ebenso das Unglück anzuziehen wie die Titelfigur im Stück; Gerüchte über Probenkräche, Auszeiten und Unpäßlichkeiten der Stars machten die Runde, angeblich haben die Cover-Besetzungen mehr Zeit auf der Probenbühne verbracht als die prima donna und der primo uomo. Und dann, zwei Wochen vor der Premiere, warf Netrebko die Brocken hin und reiste beleidigt ab, „aufgrund von künstlerischen Differenzen“. Sie und Neuenfels – ging offenbar gar nicht. Hätte man das nicht vorher wissen können? Vielleicht. Der Regisseur legte nach, „unterschiedliche Frauenbilder“ seien der Grund gewesen… Konkret: sie habe sich mit seiner Deutung der Manon als materialistische und sehr berechnende Person nicht anfreunden können. Ach Gottchen. Sowas ist ein Grund zum Diskutieren, vielleicht auch einer zum Eingeschnappt-Sein; aber doch keiner, um abzusagen, seine Fangemeinde zu brüskieren und eine stattliche Staatsoperngage in den Wind zu schießen. Da offeriert doch der branchenbekannte, cholerische und wenig diplomatische Führungsstil von Neuenfels weit glaubhaftere Erklärungen… Aber das ist ebenso müßig wie die Frage, ob Netrebko eine viel bessere Manon gesungen hätte; sie trat nicht auf, das war ihre Entscheidung, basta. Reisende soll man eben nicht aufhalten.

Denn sollte Netrebkos Abgang wirklich in der Inszenierung begründet gewesen sein, so hätte sie sich unsterblich lächerlich gemacht; diese ist in keinem Moment radikal, sinnentstellend oder verlangt den Darstellern Außergewöhnliches ab. Ganz im Gegenteil: nach einer Reihe von szenischen Rohrkrepierern wie Makropulos, Guillaume Tell oder Clemenza di Tito ist der BSO mal wieder ein Volltreffer gelungen, Hans Neuenfels hat eine minimalistisch strenge, hochästhetische und konsequent aus der Musik heraus entwickelte Inszenierung vorgelegt. In seiner langen Karriere hat Neuenfels immer wieder die großen enigmatischen Frauengestalten der Weltliteratur in den Fokus seiner Arbeit gestellt und auch in dieser Manon Lescaut konzentriert er sich sehr stark auf die charakterliche Entwicklung der beiden Hauptfiguren Manon und des Grieux, die auf der im eleganten Schwarz-Silber- Dekor gehaltenen, von LED-Röhren eingefasste und weitgehend leeren Bühne von Stefan Mayer sozusagen in einer eigenen, nur von Liebe, Lust und Gier generierten Umlaufbahn agieren; buchstäblich in ihrer eigenen Welt, mit sich und ihrer Leidenschaft als einzigem Bezugspunkt und weitgehend ohne Kontakt zur Realität. Schon ihr Kennenlernen ist hier ein magischer Theatermoment: während der Orchesterpassage vor des Grieux‘„Cortese damigella…“ schließt sich der schwarze Vorhang, darauf erscheint der Satz „Wenn eine Kutsche kommt, fängt die Oper an! Sagte Giacomo Puccini…“, dann öffnet sich der Vorhang wieder und die beiden stehen sich inmitten des leeren Raums gegenüber. Das Spiel kann beginnen. Die Außenwelt wiederum verwandelt Neuenfels in eine wuselige anonyme Masse, die immer wieder hinein- und hinausstürmt und deren Kostümierung, silbergraue, an diversen Körperteilen grotesk ausgestopfte Bodysuits mit feuerroten Haarteilen, nicht umsonst an Neuenfels Bayreuther Lohengrin erinnern. Die Protagonisten dagegen kleidet Kostümdesignerin Andrea Schmidt-Futterer in edle schwarz-weiße körperbetonte Anzüge.

Manon Lescaut J. Kaufmann Chor Statisterie c) W. Hösldes Grieux (Jonas Kaufmann) in Gesellschaft – Foto: Wilfried Hösl

Was hier stattfindet, ist sozusagen die Essenz von Puccinis musikalischem Drama, die Staffage von Chor und Comprimarii setzt die Hauptfiguren umso schärfer ins Bild und macht die Fallhöhe sinnfällig. Die Geschichte wird schnörkellos und kontrastreich erzählt, nur hin und wieder gönnt sich Neuenfels kleine ironische Kommentare wie den vom Planeten der Affen stammenden Tanzmeister oder die Lemuren in Bischofsrobe, denen der alte Lüstling Geronte seine Eroberung vorführt; dazu hat er eigens eine gutgebaute Hilfskraft engagiert, die bei Manon schon mal fußerotisch vorglüht, bevor der Hausherr selbst Hand und Zunge anlegt… Dabei kitzelt der Regisseur nicht nur alles an Präsenz und Spielfreude aus seinen Darstellern heraus und schafft Bilder und Momente, die sich eingraben ins Gedächtnis, ihm gelingt auch das Kunststück, dass man das Werk ein Stück weit anders hört als bisher, sich dramaturgische Strukturen, Charakterbilder und deren musikalische Umsetzung in ganz neuer Dimension eröffnen und kenntlich werden. Das einzige kleine Fragezeichen betrifft die Figur des zwielichtigen Herrn Lescaut, Manons Bruder. Der erscheint im ersten Akt auf dem Kutschbock wie Charon persönlich, im schwarzen Samtbrokatmantel, mit wehendem Langhaar und Peitsche, durchmißt dann den Raum mit weiten Tanzschritten wie der böse Zauberer aus Schwanensee, um wenig später den operettenhaft torkelnden Säufer zu geben… Wer oder was soll diese Figur sein? Ein Dämon, ein böser Alter Ego? Johnny Depp in Dark Shadows? Seltsamerweise entwickelt er sich im Laufe der Handlung immer mehr zu einer normalen Opernfigur. Das ist seltsam, aber nicht spielentscheidend. Nicht nur ein toller Opernabend, das ist hochintelligentes, sinnliches und in jedem Moment schlüssiges Musiktheater von höchster emotionaler und deuterischer Glaubwürdigkeit.

Manon Lescaut M. Eiche K. Opolais c) W. HöslBruder und Schwester in der Luxusfalle: Markus Eiche (Lescaut) und Kristine Opolais (Manon) – Foto: Wilfried Hösl

Dabei schadet es natürlich nicht, wenn man mit dem Dirigenten an einem Strang zieht. Im Gegenteil, auch BSO-Debütant Alain Altinoglu ist nicht daran interessiert, die üblichen Puccini-Klischees und alten Opernhüte nochmal aufzuwärmen, sondern sucht und findet einen aufregend ungewohnten, sehr erfrischenden Zugang zur Partitur. Dass der 39jährige Franzose gleich mit einer prominent besetzten Neuinszenierung debütieren durfte, statt sich, wie sonst üblich, erstmal ein paar Spielzeiten durch den Repertoire-Alltag taktieren zu müssen, macht deutlich, welche Wertschätzung er bereits genießt. Und das völlig zu Recht, ich müßte schon sehr tief graben, um mich an ein vergleichbar überzeugendes Erstdirigat hier am Haus erinnern zu können. Und Manon Lescaut ist kein leichtes Stück für einen Dirigenten, vor allem in den ersten beiden Akten wimmelt die Partitur nur so von vertrackten ständigen Wechseln von Tonart, Tempo und Taktart; das präzise und harmonisch zu dirigieren, ohne den Eindruck eines ständigen „Umschaltens“ zu erwecken, ist schon rein technisch äußerst anspruchsvoll. Altinoglu macht nicht nur das mit Bravour, er hat auch ein Konzept und weiß in jedem Moment, wie die Musik klingen soll; er schmalzt und schnulzt nicht, sondern dirigiert das Stück, insbesondere im ersten Teil, im Wortsinne sehr fein, mit großer Leichtigkeit, Transparenz und fast schon mozartischer Eleganz. Je mehr sich die Ereignisse auf der Bühne verdichten und ins Tragische wenden, desto mehr dunkle und elegische Farben mischen Altinoglu und das großartig aufgelegte Staatsorchester dem Klangbild unter, nicht nur im berühmten Intermezzo vor dem dritten Akt. Und auch das Schlußbild artet aber bei aller Expressivität nie in grobianischen Pseudo-Verismo aus. Nach diesem Abend versteht man durchaus, warum der junge Mann an der Gerüchtebörse bereits für Chefposten an namhaften Adressen des Musiklebens gehandelt wird.

Als Retterin in der Not hatte man Kristine Opolais aus ihrem aktuellen Engagement an der Metropolitan Opera losgeeist und in die Landeshauptstadt eingeflogen; damit hat sie der Staatsoper nach Rusalka und Simon Boccanegra schon zum dritten Mal aus der Bredouille geholfen und eine Neuproduktion übernommen; somit kann sie getrost zu den besonderen Freundinnen des Hauses gezählt werden. Wie von ihr nicht anders gewohnt, wirft sie sich mit Emphase und wachsender Begeisterung in die Rolle, setzt Akzente und füllt den weiten Raum mit ihrer Präsenz. Damit ergänzt sich ihre Manon bestens mit Jonas Kaufmanns des Grieux; schließlich konnten die beiden ja unlängst bei seinem Rollendebüt in London schonmal üben. Hier sind zwei Bühnentiere der Extraklasse unterwegs, die Explosivität dieser Konstellation übersetzt sich in jedem Augenblick. Beide sind in ihrem Spiel dermaßen intensiv, glaubhaft obsessiv und von solcher Körperlichkeit, wie man es auf der Opernbühne nur ganz selten erlebt, in einigen Momenten haben sie sich auf der Szene geradezu aufgefressen… Der gesangliche Teil des Gesamtkunstwerkes Opolais hingegen geriet, nicht zum ersten Mal, problematisch: ihrem Sopran fehlte es an Volumen und Durchschlagskraft, teilweise hatte sie große Mühe, überhaupt durchzukommen. Dazu kommt, dass die Register ihrer Stimme immer mehr auseinander driften, das tiefe hat sich faktisch schon verabschiedet. In der Premiere unterliefen ihr auch etliche brüchige und arg tremolierende Töne, am zweiten Abend sang sie deutlich sicherer und ausgeglichener. Die Künstlerin ist eine begnadete Singdarstellerin, und als solche von mir hoch geschätzt, doch die stimmliche Entwicklung gibt derzeit leider einigen Anlass zur Sorge. Da schöpft Jonas Kaufmann, am Premierenabend noch mit leichten Anlaufschwierigkeiten und etwas Mühe, den nonchalanten Tonfall für den ersten Akt zu finden, ganz anders aus dem Vollen. Der Publikumsliebling zeigte sich in bestechender Verfassung und unterstrich seine Vormachtstellung als der wohl eindrucksvollste Bühnendarsteller unter den heutigen Top-Tenören. Stilistisch liegt ihm Puccinis Musik perfekt in der Kehle, sein vollmundiges Bronzetimbre und die düstere Glut in der Mittellage machen den larmoyanten, fast schon nihilistischen Helden jederzeit erfahrbar, die Spitzentöne kommen zwar nicht immer ganz ohne Druck, aber mit beeindruckender Strahlkraft; ein weiteres beeindruckendes und mitreißendes Rollenporträt des Künstlers. Schließlich hat Puccini, anders als der Kollege Massenet, ja eigentlich keine Manon-Oper, sondern eine des Grieux-Oper komponiert, er und seine Librettisten erzählen die Geschichte aus der Perspektive des Mannes, das ausgestellte Leid ist stets sein Leiden an ihrem, und damit dem eigenen, Schicksal. Und Kaufmanns des Grieux ist ein Prachtexemplar dieser für die italienische Oper so typischen Spezies des selbstmitleidigen Tenorprotagonisten mit Tendenz zur narzisstischen Selbstbespiegelung.

Manon Lescaut J. Kaufmann K. Opolais c) W. HöslFinale im Nirgendwo: Jonas Kaufmann und Kristine Opolais (Foto: Wilfried Hösl)

Herausragend auch Markus Eiche als Lescaut mit stimmschönem und kultiviertem Vortrag, baritonalem Schmelz und fast tenoral strahlender Höhe; ein klassischer Kavaliersbariton, wie man das früher mal nannte. Lediglich an der italienischen Aussprache könnte er noch etwas feilen. Roland Bracht war als Geronte bestens type-casted und brachte seine geballte Erfahrung ein, dankenswerterweise verzichteten Sänger und Regisseur auf die sonst oft übliche Überzeichnung. Das Hausensemble stellte seine Kompetenz einmal mehr unter Beweis, etwa in Gestalt des jungen Tenors Dean Power, der als Edmondo einen sehr guten Eindruck hinterließ oder von Okka von der Damerau als geradezu luxuriös besetzter Madrigalist; etwas rustikaler dagegen die Beiträge von Ulrich Reß als Tanzmeister und Alexander Kaimbacher als Laternenanzünder.

Ein besonderes Lob geht auch an den von Sören Eckhoff einstudierten Chor, der sehr farbenreich, homogen und präzise die Vorgaben des Dirigenten umsetzten konnte. Es hat den Anschein, als hätten der Direktor und die Seinen nach längeren Anlaufschwierigkeiten nun endlich einen Draht gefunden.

Von der im Vorfeld prognostizierten Krawallstimmung war den ganzen Abend über nichts zu spüren, ganz im Gegenteil: die Annahme durch das Publikum am Ende begeistert, der einzelne Ausruf “Viva Puccini!“ nach dem letzten Ton war eine etwas kryptische Meinungsäußerung. Natürlich ertönte beim Erscheinen des Regieteams ein massives Buh-Kontra, konnte sich akustisch gegen die Zustimmung aber nicht entscheidend durchsetzen. Ich würde von den Buh-Rufern ja gerne mal erfahren, wie sie das Stück denn sonst gerne gesehen hätten… Otti Schenk forever? Och nö! Vermutlich wußten sie es selbst nicht; Dagegensein ist ja auch eine Lebensphilosophie. Wie aus gut informierten Kreisen zu hören war, steht ein Wiedersehen mit Hans Neuenfels bereits in der nächsten Spielzeit ins Haus…

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2 Responses to Bayerische Staatsoper: “Manon Lescaut” – 15./19.11.2014

  1. Reingold says:

    Hallo Fabian,

    Wieder ein sehr interessanter Kommentar von Dir. Danke!
    ich habe mir übrigens die Freiheit genommen, Deinen Blog im Festspiele Forum zu verlinken: http://forum.festspiele.de/index.php/Thread/7959-Blog-Fabiuskulturschock/
    Ich hoffe, dass das für Dich in Ordnung geht. Falls nicht, lösche ich den Link wieder.

    MfG,

    Reingold
    PS: Du hast mich und meine Frau im Brandenburger kennen gelernt.

  2. Viviana Parise says:

    Wunderbar! Danke Fabian für deinen immer interessanten Anmerkungen!

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