Bayerische Staatsoper: “Il turco in Italia” – 28.11./1.12.2014

 

Offensichtlich ist man auf den Geschmack gekommen in der Chefetage der BSO; nachdem man den italophilen Muselmanen Selim Damelec und das restliche Personal von Rossinis hinreißender Multikulti-Komödie vorige Saison nach langer Schaffenspause wieder reanimiert hatte, schickte man ihn rechtzeitig vorm Jahreswechsel wieder auf die Piste, wohl um die staade Zeit ein wenig musikhumoristisch aufzupeppen. Das Unternehmen gelang auf der ganzen Linie, dank einer herausragenden und zum größten Teil neuformierten Sängerbesetzung wie auch durch die spritzig-intelligente Inszenierung von Christof Loy. Der merkt man ihr fortgeschrittenes Alter – 2007 kam sie als Übernahme aus Hamburg hier in die Landeshauptstadt – kaum an, mit ihrem fein dosierten Witz und ihrer liebevollen, detailreichen Personenregie und –charakterisierung ist diese Produktion schon fast ein Klassiker, auf den man auch in den nächsten Spielzeiten ungern verzichten würde. Zumindest dann, wenn er sich immer so gut besetzt und einstudiert präsentieren täte.

Im Gegensatz zur letzten Wiederaufnahme im April zeigte sich diesmal auch das Staatsorchester in einer ihm und dem Werk würdigen Verfassung und bestand den Kampf gegen den „Angstgegner“ Rossini zur allgemeinen Zufriedenheit. Da wurde sauber, genau und mit spürbarem Esprit musiziert, auch die Trompete kam diesmal unfallfrei durch die Ouvertüre. Offenbar hatte Paolo Arrivabeni am Pult eine überzeugendere Ansprache und einen erfolgreicheren Zugriff gefunden als der Kollege in der letzten Saison…

Bis auf Renato Girolami als wiederum herrlich kauziger und mit großer Stilkompetenz und mitreißender vis comica singender Don Geronimo waren sämtliche Rollen gegenüber der April-Serie umbesetzt, ein Vergleich bot sich daher nicht nur an, sondern drängte sich geradezu auf; und das auf einem äußerst hohen Niveau. Nun definiert sich das Unvergleichliche bekanntlich erst durch den Vergleich – aber eine bessere Fiorilla als Olga Peretyatko liegt eigentlich außerhalb des Vorstellbaren. Dieser strahlend schönen, selbstbewußt sinnlichen und geradezu unverschämt erotischen Neapolitanerin ist das Publikum, zumindest der männliche Teil davon, schon vor der ersten gesungenen Note verfallen mit Haut und Haaren, so viele schwärmerische Blicke und schmachtende Seufzer sind in diesen ehrwürdigen Mauern schon lange keiner Sängerin mehr zugeflogen, nach der großen Arie kurz vor Schluß kam förmlich das Haus hernieder. Die Würdigung ihrer Interpretation an dieser Stelle zu beginnen, macht doppelt Sinn, denn dies ist nicht nur für den Charakter eine Schlüsselszene, sondern auch eine echte Gratwanderung in Sachen Ausdruck, Stilgefühl und Interpretation. Fiorilla hat – scheinbar!- den Bogen ihrer Flirtlaune und erotischen Libertinage überspannt und wurde, ebenso zum Schein, vom Ehemann auf die Abschußliste gesetzt. Was Rossini hier komponiert hat, gehört mit zum Besten seines Oeuvres: ein fast zehnminütiger Lamento-Gesang, der für sich genommen auch in jeder seiner opere serie stehen könnte und der seine latente Komik allein aus der Diskrepanz zwischen der Handlung und dem hier ausgebreiteten Pathos schöpft. Was Peretyatko aus dieser Szene macht, ist schlicht ein Meisterwerk an Stimmgestaltung und Farbgebung; zugleich von ergreifender Traurigkeit wie von hintergründiger ironischer Brechung, da bleibt kein Auge trocken, das ist ein vokaler Seiltanz über dem Abgrund, da wird der charmante Blödsinn der musikalischen Komödie für einige Minuten aufgelöst und dem Zuhörer der Boden weggerrissen, bevor – natürlich – wieder alles gut wird. Dass sie zuvor ein Belcanto-Feuerwerk erster Ordnung abgebrannt und die Gemeinde mit erlesenstem vokalen Zierrat und Virtuosität von den Sitzen gerrissen hat, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt, das versteht sich bei dieser Ausnahmekünstlerin ja beinahe von selbst.

Olga TurcoZentralgestirn des Abends: Olga Peretyatko als Fiorilla (Foto: P.S.Zoeller)

Der von ihr umschwärmte Besuch vom Bosporus war diesmal mit einem Künstler gänzlich anderen Typs besetzt: Alex Esposito als Selim ist kein klassischer basso nobile, sondern ein vitaler Erzkomödiant, der folglich eher die exaltierten und karikierenden Züge der Figur betont. Gelegentlich übertreibt er es ein wenig mit der Breitbeinigkeit und der Hände-in-die-Hüften-Attitüde, aber er ist, wie eigentlich immer, ein Aktivposten, die Stimme fließt sicher durch die Koloraturen und klingt in allen Lagen vollmundig und kernig. Antonio Siragusa als Don Narciso besitzt eine für dieses Fach erstaunlich kraftvolle und durchschlagskräftige Tenorstimme, mit der vokalen Geläufigkeit und dem etwas nasalen Timbre ist er dennoch ein durchaus charakteristischer Rossini-Tenor. Nikolay Borchev schaute als Dichter Prosdocimo mal wieder an alter Wirkungsstätte vorbei und fügte sich ordentlich ins Ensemble ein; als einziger war er bereits in der Premiere vor sieben Jahren im Einsatz. Ein sehr vielversprechendes Debüt im großen Haus feierte die junge italienische Mezzosopranistin Marzia Marzo, seit kurzem Mitglied des Opernstudios der BSO, als Zaida überzeugte sie mit erfrischender Spielfreude und einem dunkelgetönten, aparten Mezzo-Timbre. Vielleicht wächst hier ja das nächste große hauseigene Talent heran? Ob sich das auch von Petr Nikoranec sagen lässt, bleibt abzuwarten, die Comprimario-Partie des Albazar bietet einfach nicht genug Gelegenheit sich zu profilieren.

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