Bayerische Staatsoper: “Die Zauberflöte” – 11.12.2014

„Ja, so eine Flöte ist mehr als Gold und Kronen wert“ stimmen die Gefährten im ersten Akt an wenn sie losziehen, um Sarastro und seinem priesterlichen Politbüro die Flötentöne beizubringen, und jeder Intendant wird fröhlich einstimmen; denn sobald er alle Jahre wieder vor Weihnachten die Zauberflöte anstimmt, bzw. ansetzt, füllen sich Säle und Kassen wie von Geisterhand… Er braucht gar nichtmal was dafür zu tun. So war es auch an diesem nebligkalten Dezemberabend in der Landeshauptstadt, das Haus bis zum Rand gefüllt mit erwartungsfrohen Opernenthusiasten und solchen, die es später hoffentlich einmal werden. Jawohl – die Zauberflöte ist immer auch Kinder- und Familienoper, das hat Tradition. Eigentlich merkwürdig, schließlich sind das pseudo-weiheliche Brimborium und die derb frauenfeindlichen Stammtischparolen von Sarastros Altherrenclub auch für erwachsene Besucher kaum zu ertragen, aber es ist nunmal so. Für den in solchen Vorstellungen gesteigerten Lärmpegel sind übrigens zumeist nicht die Kinder verantwortlich – die sind beim ersten Ton eh hin und weg – sondern ungeniert SMSende und twitternde Jungeltern und nervöse Großeltern, die vor lauter Rührung gerne mal Programme, Operngläser und Handtaschen vom Stangerl schmeißen… Übrigens entstand das angeblich so hehre Werk 1791 für das Wiener Kärntnertor-Theater Emmanuel Schikaneders, mithin für eine ausgesucht ordinäre Theater-Boazn mit entsprechender Kundschaft. Da darf man ein wenig Krach in diesem Fall sogar unter historische Aufführungspraxis verbuchen…

„Historisch“ ist angesichts der Münchner Inszenierung übrigens ein gutes Stichwort. Wobei „prähistorisch“ die Sache besser träfe, die Premiere dieser Produktion von August Everding in der Ausstattung von Jürgen Rose fand anno 1977 statt; da waren einige der Solisten des Abends noch gar nicht auf der Welt. Die Opernwelt dürfte wohl die einzige Branche des Universums sein, in der sich ein so antikes und überholtes Produkt noch verkauft und bei manchen sogar noch Anklang findet. Verschlissene, abgeranzte Kostüme und Bauten, ächzende und klappernde Bühnenwägen und unmotiviertes Herumstehen auf der Suche nach dem richtigen Scheinwerfer scheinen bestimmte Teile des Publikums ebensowenig zu stören wie besagte Chauvi-Dialoge und die unverhohlen mit rassistischen Klischees operierende Darstellung von Monostatos und seinen Gehilfen; sooo niedlich, die dummen täppischen Negerlein! Geht gar nicht mehr. No way. Es wird allerhöchste Zeit für eine gut gearbeitete und zeitgemäße Neuinszenierung, die solche Befindlichkeiten entsprechend hinterfragt. Die kann ja trotzdem lustig und bunt sein; da gibt es schon Regisseure, die sowas können, den auch hier am Hause geschätzten David Bösch beispielsweise. Aber die cojones hat vermutlich kein Intendant und wir werden mit dem Graffl auch die nächsten dreißig Jahre leben müssen. Oder bis der TÜV uns scheidet. Vermutlich kriege ich jetzt wieder haufenweise böse E-mails… Fahrt Ihr eigentlich auch noch mit Eurem jahrzehntealten Auto durch die Gegend, weil Ihr damals auf dem Rücksitz zum ersten Mal…? Nein? Aber immer noch Zauberflöte von Anno Tobak gucken. Das haben wir gern.

BSO Flöte1Frauenpower mal drei: Tara Erraught, Golda Schultz und Okka von der Damerau mit Charles Castronovo (Foto: Wilfried Hösl)

Immerhin präsentierte sich das olle Möbel in der aktuellen Serie musikalisch prächtig aufgepolstert. Ja, die Aufführung weckte tatsächlich gewisse Hoffnungen, dass es mit der Mozart-Pflege hier am Haus nach vielen düsteren Jahren der Ignoranz und Schlamperei nun unter Bachler und Petrenko endlich wieder aufwärts gehen könnte und der gerne so titulierte „Hausgott“ wieder die ihm gebührende Wertschätzung und Aufführungspraxis erfährt. Diese Zauberflöte jedenfalls war nicht nur auf hohem Niveau homogen besetzt, sondern offenbar auch musikalisch sorgfältig einstudiert. Sicherlich auch ein Verdienst von Dan Ettinger am Pult, unter dessen klarer und zugleich beschwingter Leitung das Staatsorchester einen farbenreichen und schlanken Klang realisierte. Die Musik wirkte beinahe lichtdurchflutet, leicht und vital, mit großer Frische und Natürlichkeit, ohne falschen Pomp und übertrieben opernhaftes Pathos. Ettinger nimmt die Partitur in jedem Moment ernst und ist mit einer mitreißenden Freude bei der Sache. Ein erneut herausragender Auftritt dieses immer noch ein wenig unterschätzten Künstlers!

Das Ensemble vereinte auf sehr geglückte Weise arrivierte Namen mit guten hauseigenen Kräften. Einzig die Königin der Nacht, gesungen von Ana Durlovski, fiel hier etwas aus dem Rahmen. Laut Edita Gruberova ist dies ja bekanntlich „keine Rolle, sondern ein Zustand“; die Worte der Gruberova sind in München Gesetz und daher belassen wir es für heute dabei. Ansonsten wurde richtig aufgefahren, wie man es am „Opernhaus des Jahres“ erwartet. So beeindruckt Günther Groissböck als Sarastro mit seinem mächtigen Schwarzbaß, aber auch seine kultivierte Linienführung und Pianokultur sind vom Feinsten, damit reiht er sich nahtlos in die Phalanx seiner illustren Rollenvorgänger ein. Das gelingt auch Hanna-Elisabeth Müller, ihre Pamina verströmt pure Sopran-Herrlichkeit, die Stimme hat sich in den letzten zwei Jahren nochmals erheblich weiterentwickelt und an Volumen, Tragfähigkeit und klanglicher Reife zugelegt. Mit der Pamina hat sie offenbar auch eine neue Paraderolle gefunden und begeistert mit der kristallklaren, schwebenden Reinheit ihrer Töne ebenso wie mit Herz und Ausdruck. An dieser Künstlkerin werden wir sicher noch viel Freude haben, hoffentlich liegt da ein langfristiger BSO-Vertrag unterm Weihnachtsbaum! Sie ergänzte sich auch gut mit ihrem Tamino Charles Castronovo, der für einen Tamino für manche Ohren ungewohnt dunkel und „fleischig“ klingt. In der Tat hebt sich der Italo-amerikanische Tenor damit wohltuend von jenen anämisch-blassen Tenorini ab, die man zuletzt in dieser Rolle gewohnt war, die im Libretto so penetrant besungene Männlichkeit des Prüflings wurde hier durchaus Klang. Der eine oder andere romantisierende Drücker mag in Zukunft noch vermeidbar sein, insgesamt aber konnte man mit diesem Prinzen sehr zufrieden sein.

BSO Flöte3Es siegte die Stärke… Günther Groissböck (Sarastro), Charles Castronovo (Tamino) und Hanna-Elisabeth Müller (Pamina) – Foto: Wilfried Hösl

Ein echter Knaller war das Damenterzett bestehend aus Golda Schultz, Tara Erraught und Okka von der Damerau; hätten Mozart und Schikaneder vergleichbare Vollblutdarstellerinnen und –sängerinnen gehabt, wären ihre Rollen vermutlich weit länger ausgefallen. Aber auch Tareq Nazmi (Sprecher), Mária Celeng (Papagena) und Alexander Kaimbacher (Monostatos) vertraten das Hausensemble erstklassig, lediglich bei Francesco Petrozzi (2.Priester und 1.Geharnischter) fragt man sich jedes Mal, wie ein Sänger in solch periphären Partien so unangenehm auffallen kann… Auch eine Kunst, wenngleich keine, die man lernen möchte.

BSO Flöte2Froh und lustig sein… Christian Gerhaher als Papageno (Foto: Wilfried Hösl)

Den Vogel(fänger) abgeschossen hat allerdings Christian Gerhaher als Papageno. Laut einem bekannten Bonmot erwarten die Opernfreunde in Wien von einem Papageno, dass er aussieht wie Alain Delon, spielt wie Attila Hörbiger und singt wie Piero Cappuccilli. Zugegeben, das schafft nichtmal Gerhaher zur Gänze. Macht aber gar nichts, denn er singt und spielt wie Gerhaher; und ein gutes Original ist immer besser als die perfekteste Kopie. Einen besseren Papageno kann ich mich nicht erinnern, erlebt zu haben, allenfalls vielleicht den jungen Wolfgang Brendel. Erstaunlich, ja frappierend, wie gut der intellektuelle Liedgestalter und der joviale Naturmensch zusammengehen. Selbstverständlich bleibt Gerhaher auch als Vogelfänger seriös und differenziert, gestaltet vom Wort her, ruft eine unglaubliche Fülle an Nuancen und Betonungen auf und macht sogar aus Schikaneders literarisch eher mäßig anspruchsvollem Libretto ein Fest für Wortkünstler. Das muß man erlebt haben. Zumal dieser Ansatz – anders etwa als bei Fischer-Dieskaus skurrilem Versuch – niemals akademisch-trocken oder aufgesetzt wirkt, sondern stets natürlich und sympathisch bodenständig. Das warme Timbre und der kultivierte Vortrag runden die Sache ab, hier ist der Märchenvogel in erster Linie ein Mensch mit seinen Sehnsüchten und Freuden, hier darf er es noch sein. Leider hat der Sänger angekündigt, sich nach dieser Spielzeit von der Rolle verabschieden zu wollen; das wäre äußerst schade!

Advertisements
This entry was posted in Oper, Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s