Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Die Zirkusprinzessin” – 26.12.2014

 

 

Operette UND Zirkus? Das sind ja schon zwei Wünsche auf einmal! Also das geht doch wirklich nicht…! Tut es wohl – Zum einen weil Weihnachten ist und zum anderen weil Kálmán Imre anno 1926 gleich beide Manifestationen einfach mal zusammengemixt und eine Operette im Zirkusmilieu komponiert hat. Voilà! Dass das Personal in Wirklichkeit gar keine Zirkusleute sind, sondern abhanden gekommene russische Erbprinzen und anderes blaublütiges Gesocks, versteht sich in diesem so unsterblich in seine Standesdünkel verliebten Genre von selbst. Dem zugetanen Publikum sind solche Quisquilien freilich von Herzen wurscht, solange es schöne Melodien in Dur und moll, schöne Dekors und lustige Witze gibt, funktioniert das einfach und zieht. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit und all over the world. In dero deutschsprachigem Teil zumindest. So war auch das Duisburger Haus der Deutschen Oper am Rhein an diesem zweiten Weihnachtsfeiertag das, was es im Normalbetrieb leider nur noch selten ist: bis an die Wand gequetscht voll. Ausverkauft. Da leuchteten nicht nur die vom Tenor so schmelzend besungenen “Zwei Märchenaugen”, sondern auch unzählige Kinder- und Greisenaugen in weihnachtlicher Rührung und Extase…

DOR ZP3Die ganze Welt ist Zirkus… (Foto: Hans Jörg Michel)

Und fürs Auge ist in dieser bewährten und in München bereits gelaufenen Inszenierung von Gärtnerplatz-Intendant Josef E. Köpplinger auch in der Tat so einiges geboten. Der hat seine Kernkompetenz in Sachen Operette hier einmal mehr eindrucksvoll demonstriert und einen Theaterabend hingezaubert, der leicht, turbulent und spritzig ist, lustig, aber nicht doof, und der bei aller fröhlich-naiven Buntheit und Farbenfreude (Kostüme: Marie-Luise Walek) der Geschichte und den handelnden Personen stets genug Raum gibt. Die unerlässliche sentimentale Zartbitter-Glasur des Werkes ist optimal dosiert, die immer wieder durchscheinenden Fragen nach Identität und Maske, echtem Gefühl und kalkulierter Verstellung, nach Liebe, Stolz und ihren mehr oder weniger frivolen Untertönen, werden gestellt. Ein Vexierspiel, von dem jede gute Operettenaufführung lebt, die humoristischen Nadelstiche, die kleinen Provokationen und Tabubrüche erotischer oder gesellschaftlicher Natur; natürlich immer getragen vom Grundkonsens der Gattung, dass die Welt eben doch gut ist so wie sie ist, dass die Obrigkeit Recht hat und die Paare sich finden, die zueinander gehören. Noch Fragen? Och nö, die täten hier eher stören. Als gewiefter Theaterprofi hat Köpplinger das Spiel um echte und falsche Fürstinnen, Prinzen und Erzherzöge, um Gaukler, Komödianten und Dresseure jederzeit im Griff und läßt es abschnurren wie von Geisterhand. Was in München aufgrund der erzwungenen Aushäusigkeit des Gärtnerplatz-Ensembles für den Zirkus Krone (!) gedacht und konzipiert war, funktioniert auch auf der klassischen Bühne des Duisburger Theaters wie am Schnürchen: das variable Einheitsbühnenbild von Rainer Sinell bildet das Zirkusambiente in liebevoll-detailierter Form ab, komplett mit Manage, Logen und vielen Details, läßt sich aber auch für den dritten Akt mit wenigen Handgriffen zum Wiener Luxushotel “Erzherzog Karl” umrüsten; einer der zentralen Gags der Figurenkonstellation beruht übrigens darauf, dass der etwas geistesschlichte Intrigant Prinz Sergius Wladimir den jungen Toni für den Sohn des echten Erzherzogs hält und nicht kapiert, dass er nur den Schlumberger Toni, den Sohn der Besitzerin des gleichnamigen Beherbergungsbetriebes, vor sich hat… Passt scho, der Mann ist Tenor. Der andere natürlich auch. Dialogfassung und Personenführung sind von ausgesuchter Witzigkeit, ein funkelnder humoristischer Schlagabtausch, der keine noch so verrutschte Metapher und kein noch so bescheuertes Missverständnis ausläßt; siehe oben. Lediglich im dritten Akt senkt sich die Kurve etwas ab, was allerdings an der Weitschweifigkeit und Umständlichkeit der Intrigenlösung und dem Mißverhältnis zwischen Musik und Dialog liegt; hier hätte der Librettist einfach schneller zu Potte kommen müssen. So landet die Chose irgendwann im Wiener Schmäh, bzw. im Klischee dessen und gewisse Längen machen sich breit. Ein weiteres tragendes Inszenierungselement sind die von Karl Alfred Schreiner choreographierten Clowns, die bereits vor Beginn durch Parkett und Ränge geistern und den gesamten Abend mimisch und tänzerisch begkleiten, eine vielköpfige kollektive Verkörperung des Zirkus an sich, aber auch eine anonyme Menge, ein Korrektiv von allgegenwärtiger Präsenz, ein visueller Soundtrack hinter der Musik.

DOR ZP2Aaaaallez Hopp! – (Foto: Hans Jörg Michel)

Vorbei scheinen jedoch die Zeiten, in denen ein Opernhaus von der Größe der Rheinoper über ausreichend eigenes und genreaffines Fachpersonal verfügte oder das Ensemble sich selbstverständlichgerweise in Oper und Operette gleichermaßen zu bewähren hatte. Dementsprechend bestand ein großer Teil der relativ langen Besetzungsliste aus Gästen, die sich mit unterschiedlichem Erfolg präsentierten. Da sind sicherlich die beiden Tenöre an erster Stelle zu nennen: Daniel Prohaska gibt den geheimnisvollen Zirkusartisten und -star Mister X mit viriler Ausstrahlung und ausgeprägter Präsenz und verzichtet auch gesanglich auf die üblichen Schluchzer und Übertreibungen. Das ist sehr wohltuend, denn umso mehr kann man die kultivierte Stimmführung und klare Diktion des Sängers genießen, der die Partie auch mit vielen Zwischentönen ausstattet und in jeder Hinsicht zum Aktivposten der Aufführung wird. Rollengemäß stimmlich etwas leichter gewichtet, aber mit viel Schmelz und Charme am Start ist Boris Eder als naiv verliebter Hotelierssohn Toni, der seine Soli, darunter die berühmten Lyrikperlen “Die Mädeln im Trikot” und “Liese, Liese, komm mit mir auf die Wiese” mit Stil und Mut zum freundlichen Schmus vorträgt; selbstredend in deftigem Weanerisch… Letzteres hat auch Susanne Grosssteiner – die mit der Kraft der drei S – als seine angebetete Zirkusbraut zu bieten, ansonsten erfüllte sie in Stimme und Spiel eher mittlere Ansprüche. Die “Titelrolle” der zirkusaffinen Fürstin Fedora Palinska hatte natürlich Romana Noack übernommen. Wenn man sich an deren erste Gehversuche auf der Rheinopernbühne erinnert, so ist aus dem damaligen Ensemble-Küken längst eine erwachsene Operetten-Diva geworden, die in diesem Repertoire über Rhein und Ruhr hinaus einen Namen hat. Auch an diesem Abend hatte sie die Partie darstellerisch jederzeit routiniert im Griff und erwehrte sich der permanenten Herrenbelästigung auf der Suche nach dem Mister Right mit selbstbewußter Nonchalance. Stimmlich hatte sie dagegen leider nicht den besten Abend erwischt, die in der Mittellage noch schön abgerundete Ton wurde in der Höhe zunehmend enger und spröder bis hin zu einigen arg schrillen Spitzentönen.

DOR ZP1Diva mit Anhang: Romana Noack als Fedora (Foto: Hans Jörg Michel)

Witzig war auch das Wiedersehen mit dem früheren Wagner-Recken Wolfgang Schmidt in der Intrigantenrolle des Prinzen Sergius, der Künstler hatte sichtlich Spaß an dieser so gänzlich ungewohnten Aufgabe und brachte seine ungebrochene Präsenz und immer noch rasiermesserscharfe Diktion ein, die Gesangspassagen strömen inzwischen allerdings etwas klangreduziert ins Rund. A propos Wiedersehen: als Zirkusdirektorenehepaar Anatol und Wanja Stanislawski feierten die unverwüstlichen Gärtnerplatz-Urgesteine Franz Wyzner und Gisela Ehrensperger mit Ausstrahlung, Komödiantik und ungebrochener Präsenz ein gemeinsames Gastspiel im Ruhrpott. Von den diversen Sprech- und Mitsingrollen ist Wolfgang Reinbacher als Oberkellner Pelikan hervorzuheben, der im dritten Akt einen wunderbar wienerischen Sidekick in der Hans Moser-Tradition gibt und prägnant die verschiedenen Methoden, sich vor der Arbeit zu drücken und einen Schmäh zu verzapfen, vorführt.

Den Feiertagsdienst am Pult der Duisburger Philharmoniker hatte Patrick Francis Chestnut übernommen, der seine Sache nach einigen anfänglichen Wackelkontakten ganz ordentlich machte. Dass die Damen und Herren, ebenso wie der Chor, mit ihrem Sound in diesem Genre nunmal nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen, ist halt so, sie werden es mit Fassung getragen haben. Großer Applaus von Groß und Klein, Bravi, Klatschmärsche und Frohsinn rauf und runter. So muss datt.

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