Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Werther” – 28.12.2014

Ey hömma! – Sach bloß, der Werther vom Massenet wird so allmählich zum Weihnachtsklassiker an Rhein und Ruhr? Sicher, mit den usual suspects wie H & G, der Zauberflöte oder La Bohème kann Monsieur Jules‘melodienseliger Schmachtfetzen – als Goethe-Vertonung aus der Feder eines Franzosen steht das Werk ja hierzulande unter latentem Blasphemieverdacht – natürlich noch nicht mithalten, aber nach dem Essener Aaltotheater im letzten Jahr präsentierte nun auch die Rheinoper Werther zum Jahresende in einer ambitionierten Neuinszenierung.

In einer äußerst ambitionierten sogar, denn was Regisseur Joan Anton Rechi hier auf die Bühne gebracht hat, geht an Originalität schon weit über herkömmliche Inszenierungen des Stückes hinaus, ohne jedoch Inhalt und Konstellation komplett von unten nach oben zu kehren. Rechi verwandelt Massenets tödliches Konversationsstück in ein hochästhetisches und sehr poetisches Traumspiel, eine Phantasie auf mehreren Fiktionsebenen. Bereits vor der ersten Note fällt ein Schuss und es wird Licht. Wir sehen Werther mit Tatwaffe, einem Karabiner, leblos im Ohrensessel nebst Stehlampe. Zu Handlungsbeginn wird die Wand transparent, inmitten eines an Tschechow erinnernden Birkenwäldchens toben die Kinder des Amtmannes herum und nerven die größere Schwester Sophie, die lieber im Schatten lesen möchte… Bald tritt Werther ein zweites Mal auf, der Tote erhebt sich und übergibt die Waffe an sein Alter Ego; denn hier gibt es zwei Werthers, den Sänger und einen von dem Tänzer und Schauspieler Joeri Burger verkörperten Schattenmann. Der Dichter als gespaltene Existenz wandelt den gesamten Abend zwischen Realität und Imagination, zwischen Aktion und Isolation, ist Handelnder und Beobachter, beinahe eine Art Schrödingers Katze in Tenorform, also zugleich lebendig und bereits tot. Und mit ihm das gesamte setting der Handlung, der Kontrast zwischen liebevollem Detailrealismus und träumerischer Verfremdung funktioniert und sorgt immer wieder für reizvolle szenische Momente, wenn Wände sich öffnen oder durchsichtig werden, sich stumme Szenen abspielen und sich Assoziationen eröffnen.

DOR Werther2Im Wald der Träume: Sophie (Elena Sancho Pereg), Werther (Andrej Dunaev) und Charlotte (Sarah Ferede) – Foto: Matthias Jung

Das Bühnenbild von Alfons Flores enthüllt erst nach und nach seine Rafinesse, erweist sich als sehr variabel und gibt der Imagination viel Raum. Packend gelungen ist etwa die Schlußszene, das letzte Gespräch der Liebenden findet, da Albert seine Gattin mit brutaler Gewalt am Verlassen des Hauses gehindert hat, am Telefon statt, einschließlich eines surrealen Momentes der Begegnung im Augenblick der größten musikalischen Extase, im Anschluß wechseln beide spiegelbildlich die Position am jeweiligen Ende der Leitung… Von der Grundidee her ist das alles faszinierend und vermag auch, den Abend über zu tragen und zu fesseln. Wenn man etwas meckern will, dann dass es in der Umsetzung auch ein paar Fragezeichen und kleinere konzeptionelle Unschärfen gibt und nicht alle Theaterzeichen gleich sinnfällig gesetzt werden; vielleicht war hier die Probenzeit nicht ganz ausreichend, um auch die letzten Ecken des Konzeptes auszuleuchten? So verschwindet nach der Pause der besagte Schattenmann relativ unvermittelt aus dem Geschehen, stattdessen scheint die nun plötzlich ebenfalls knallrot angezogene Charlotte (Kostüme: Sebastian Ellrich) in die Rolle des Alter Ego Werthers zu schlüpfen… oder doch nicht? Das zum Beispiel hätte ich gerne etwas genauer erfahren. Dennoch ist das die mit Abstand spannendste und interessanteste Inszenierung, die ich bisher von diesem, im Normalfall ja nun eher mäßig spannendem, Stück bislang gesehen habe.

DOR Werther1Werther und Charlotte suchen Anschluß… (Foto: Matthias Jung)

Ein solches Konzept lebt natürlich auch sehr stark von den Interpreten. So war das Raunen zunächst groß, als vor Beginn ein lustiger älterer Herr vor den Vorhang kam, uns zu „Wilhelm Tell“ begrüßte und in seiner launigen Ansprache Albert als den Vater Charlottes ausgab… denn jener hatte gleich zwei kurzfristige Umbesetzungen anzusagen, darunter in der Titelpartie. Von den beiden hauseigenen Besetzungen war die eine unpäßlich und die andere unabkömmlich, so hatte man aus Essen den dortigen Protagonisten Abdellah Lasri geholt. Der hatte sich an einem Tag diese wahrlich nicht unkomplizierte Inszenierung „draufgeschafft“ und agierte, als sei er vom ersten Tag an dabei gewesen; eine ganz starke und couragierte Leistung! Die wurde auch mit lautstarken Bravo-Salven honoriert, zumal Lasri auch gesanglich richtig abräumen konnte, im Vergleich zu vor einem Jahr (siehe Archiv Januar 2014) hat sich die Stimme nochmal enorm weiterentwickelt, ist strahlender, farbenreicher und musikalisch sicherer geworden, der Vortrag nuanciert und gefühlvoll. Was vor zwölf Monaten ein starkes Versprechen für die Zukunft war, hat sich schon ein ganzes Stück der Erfüllung genähert; wenn der junge Künstler so weiter macht, wird er vermutlich bald an prominenteren Adressen der Musikwelt zu Hause sein. An seiner Seite hatte Sarah Ferede es in der von Haus aus eher passiv angelegten Partie der Charlotte nicht leicht, überzeugte aber mit ihrem kultivierten, schlank geführten Mezzo und dem abgerundeten Klang. Lediglich im unteren Register könnte die Stimme etwas besser tragen, aber da wäre auch etwas Hilfe vom Dirigenten willkommen gewesen. Ebenfalls eingesprungen, aber mit Rolle und Regie bereits vertraut, war Laimonas Pautienius als Albert. Sonst ist Charlottes ungeliebter Ehemann ja eher als blässliches Weichei inszeniert, bei Rechi dagegen ist er ein versnobter, gelackter Ober-Widerling, dem auch häusliche Gewalt nicht fremd ist. Pautienius‘ ruppiges Auftreten und sein schnarrendes Timbre in Kombination mit kraftvoller, etwas ungeschliffener Tongebung machten den Charakter sehr sinnfällig. Für ein weiteres Highlight des Abends sorgte die im Herbst als Zerbinetta in der neuen Ariadne gefeierte Elena Sancho Pereg, die aus der Sophie eine echte Hauptrolle machte. In Rechis Inszenierung ist sie beinahe ein Wesen aus dem Zwischenreich, ein wuseliger Kobold in Mädchengestalt, stets irrlichternd auf Achse, barfuß und im weißen Flatterkleidchen jugendliche Unschuld, lebensbejahende Vitalität und offen genossende Freiheit symbolisierend. Dazu sang sie wiederum hinreißend mit klarem, virtuos glänzendem Sopran. Den Amtmann gab Günes Gürle mit trockener Präsenz und Stimmfarbe, während die beiden bewährten Haudegen Bruce Rankin und Bruno Balmelli als seine Zechkumpane Johann und Schmidt sich einmal mehr gescheit austoben durften.

DOR Werther3Eine Elegie in Blau: Sarah Ferede (Charlotte) und Werther (Andrej Dunaev) – Foto: Matthias Jung 

Weniger überzeugend als die szenische und die gesangliche geriet leider die orchestrale Seite des Abends, im Vergleich zu den Kollegen in Essen offenbarten die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Lukas Beikircher an diesem Abend beinahe schon einen Klassenunterschied, so unkonzentriert und unsauber wurde insbesondere im ersten Teil gespielt, immer wieder trübten Bläserpatzer und Intonationsschwächen den musikalischen Fluß. Aber auch der Dirigent zeigte wenig Gespür für Massenets blühend-parfümiertes Klangidiom und ließ eher rustikal und in erster Linie laut drauflos spielen und deckte die Sänger, insbesondere Sarah Ferede, immer wieder rücksichtslos zu. Phasenweise fühlte man sich an den Holzschuhtanz aus Zar und Zimmermann erinnert; très bôche wie unsere Freunde von westlich des Rheins dazu sagen würden. Aber die haben es ja zum Glück nicht gehört, so laut war es dann doch nicht.

Das war der letzte Opernabend des Jahres 2014. Freuen wir uns und harren der Dinge, die in 2015 auf uns warten; an dieser Stelle ein großer Dank an alle Künstlerinnen und Künstler, die uns in den letzten zwölf Monaten mit ihrer Kunst so bereichert und erfreut haben! Auf ein gutes Neues, auch 2015 gilt wieder: Keep calm and listen to Opera!

Advertisements
This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s