Bayerisches Staatsorchester/ Constantinos Carydis – 6.1.2015

 

Das Vergleichen von Interpretationen gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen vieler Musikfreunde und nahezu aller Kritiker; Karajan mit Bernstein, Callas mit Tebaldi, Lang Lang mit Speedy Gonzalez und was dergleichen mehr oder weniger sinnbefreite Ansätze mehr sind. Manchmal aber kommt man dem Vergleich überhaupt nicht aus, so gern man das täte. So geschehen im Fall des ersten Akademiekonzertes des Bayerischen Staatsorchesters im neuen Jahr. Der für den wegen hoher Probenbelastung unabkömmlichen Hausherren Kirill Petrenko eingesprungene Constantinos Carydis hatte zwar den zweiten Teil des vorgesehenen Programms, Zemlinskys Lyrische Symphonie nämlich, gekippt, den ersten mit Brahms‘ erstem Klavierkonzert in d-moll op.15 allerdings beibehalten. Brahms op.15? Da klingelte doch was? Genau, mit ebenjenem Werk hatten unlängst die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk mit Mariss Jansons am Pult und Krystian Zimerman an den Tasten für eine Sternstunde  und eines der großen Konzertereignisse in 2014 gesorgt (siehe Archiv November 2014). Das hatte sogar einem notorischen Brahms-Verächter wie mir ein gehobenes Erweckungserlebnis von neun von zehn Punkten auf der Damaskus-Skala beschert…

Carydis

Constantinos Carydis (Foto: Bayerischer Rundfunk)

An diesem Abend war davon dann nichts mehr zu spüren, Carydis und das Staatsorchester musizierten mit angestrengter Erdenschwere, statt der Musik eine innere Dynamik zu geben oder ihren motivischen Entwicklungen nachzuspüren, beschränkten sich Orchester und Dirigent auf die Produktion möglichst wuchtiger und möglichst lauter Klangballungen, die der Partitur innewohnenden Kontraste erklangen holzschnittartig gestanzt und ohne dialogische Qualität. Eine nicht nur „traditionelle“, sondern schon regelrecht altbackene Lesart, die man von einem so begabten Dirigenten der jüngeren Generation eigentlich nicht erwartet hatte. Auch der Solist Gerhard Oppitz fügte sich mit seinem betulichen, emotionsarmen Spiel und seiner Neigung zum Poltern nahtlos in diese enttäuschende Vorstellung ein. An die glühende Intensität und Sanglichkeit, die Jansons und Zimerman da entfesselt hatten, durfte man nicht mal im Traum denken.

Das war dann nach der Pause allerdings schnell vergessen, die zweite Halbzeit gestaltete sich ungleich interessanter und ansprechender, voller Esprit und musikalischer Frische. Boshaft gesagt: angenehm unbrahmsisch. Es begann mit Nielsens weitgehend unbekanntem Orchesterstück Pan und Syrinx, dem Untertitel nach eine „Pastorale für Orchester“. Ein zauberhaftes, betont klangmalerisches Werk mit rasanten Tempowechseln, starken dynamischen Kontrasten und einer Vielzahl witziger instrumentaler Effekte und Lautmalereien, aber auch von einer rhythmischen Schärfe und Markanz, die beinahe ein wenig an den Sacre erinnert. Die Solisten des Staatsorchesters hatten Gelegenheit, sich zu präsentieren und taten dies auch, mit einer famosen Virtuosität und Spiellaune. Man hatte irgendwie das Gefühl, als sei in der Pause mal richtig durchgelüftet worden.

Auf Nielsen folgte, und zwar direkt und nahtlos, nur mit einer ganz kurzen Aushust-Pause, der impressionistische Klassiker schlechthin, Claude Debussys La mer. Im Sommer wird Carydis hier am Haus die Neuinszenierung von Pelléas et Mélisande dirigieren und diese Kostprobe machte richtig Lust darauf. Die gleißende Farbigkeit der Musik nahm der Dirigent geradezu auf Lunge, alles klang fein austariert, schwebend leicht und doch körperhaft und vollmundig im Klangbild, die Farben wurden kräftig, aber unverdickt, aufgetragen und die Musik konnte richtig atmen und funkeln. Dieser Konzertabend war ein klassischer Fall von „Ende gut, alles gut“.

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