Auf CD: Prokofjevs “Ivan Grosny” in einer neuen Aufnahme bei Sony Classical

So richtig schmeichelhaft ist es nicht, von der Mit- und Nachwelt den Beinamen Grosny, „der Schreckliche“ – oder bei ganz genauer Übersetzung „der Furchteinflößende“- angehängt zu bekommen. Dem russischen Zaren Ivan IV. ist genau das wiederfahren und zwar, wenn man der Geschichtsschreibung glaubt, auch nicht ganz zu Unrecht, schließlich pflasterten Kriege, Feldzüge, Verfolgungen, Unterdrückung, Mord und Folter seinen Lebensweg. Und machten den blutrünstigen Herrscher zur mythenumrankten Figur, mit jeder Generation und jeder literarischen Verarbeitung wurde sein Bild noch etwas schrecklicher, noch grausamer, noch wilder. Zugleich ist er aber auch in die Rolle des großen vaterländischen Befreiers gedrängt worden, der das russische Volk und Reich geeint und zu neuem Selbstbewußtsein geführt hat… So mit fünfhundert Jahren Distanz läßt sich wie immer vieles behaupten und unterschieben. Zu den künstlerischen Adepten des Schrecklichen gehörte bekanntlich der große Filmregisseur Sergej Eisenstein, inzwischen längst selber eine Ikone, der Ivans Leben in einer Trilogie dreier abendfüllender Filme verewigen wollte. Realisiert wurden nur die ersten beiden davon, die Musik stammte von keinem Geringeren als Sergej Prokofjev.

Ivan CD

Was nun auf dieser jüngst bei Sony Classical erschienenen CD zu hören ist, ist allerdings nicht der Soundtrack des Films, bzw. eine Rekonstruktion davon, sondern die erst 1962 veröffentlichte gleichnamige Oratorienversion, die Musik aus den beiden fertiggestellten Filmen verwendet und zu einer dramaturgisch gerafften Neufassung verarbeitet. Diese stammt aus der Feder von Abram Stassewitsch, der 1944 den originalen Soundtrack dirigiert hatte und enthält zahlreiche Kürzungen, Umstellungen und andere Veränderungen der ursprünglichen Partitur, unter anderem fügte Stassewitsch einen Erzähler hinzu, der durch die Handlung führt und diese, selbstverständlich im Geist der herrschenden sowjetischen Geschichtsauffassung, kommentiert. Warum dieser Part in der vorliegenden Einspielung fehlt, darüber schweigt man sich auch im Booklet diskret aus.

Das ist bedauerlich, denn ansonsten ist mit diesem Konzertmitschnitt vom Januar 2013 aus der Berliner Philharmonie eine echte Referenzeinspielung von hoher künstlerischer und technischer Qualität gelungen. Wie nicht anders zu erwarten, bietet Prokofjevs Partitur jede Menge Szenen von monumentalem Pathos – das muss man abkönnen!- aber auch atmosphärisch dichte, poetische und fast schon intime Momente, insbesondere zur Darstellung der Zarenbraut Anastassia. Dröhnende Schlachtengemälde, Aufmärsche und zackige Chorhymnen sind hier ebenso geboten wie feingeistige Klangphantasien und volksliedhafte Kontemplation. Der grandiose Instrumentierungskünstler Prokofjev zeigt sich hier auf der Höhe seiner Meisterschaft, in Sachen Farbenreichtum, Imagination und musikalische Sprachmächtigkeit dürfte dies zu den besten Partituren des Komponisten gehören. Zu den Höhepunkten des Werkes zählen die Belagerung der Tataren-Hauptstadt Kasan als gut zehnminütige Orchesterpantomime und natürlich die exstatische, pathosgeladene Finalszene mit Chorhymnus, Kanonen und Glocken, da hört sich selbst der Boris Godunov dagegen regelrecht blass an.

All das spielt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit vollem Einsatz aus und auch die Chöre, der Rundfunkchor und der Staats- und Domchor Berlin, bewältigen ihre äußerst anspruchsvolle und umfangreiche Aufgabe mit brausender Klangfülle und differenziertem Singen; dass die für die Einstudierung verantwortlichen Maestri del Coro im Booklet nicht genannt werden, ist eigentlich ein Unding! Tugan Sokhiev, der erst 38jährige Chefdirigent des DSO, ist hörbar bestrebt, den Orchesterklang auch in den bombastischen Passagen so schlank und durchhörbar wie möglich zu gestalten. Das gelingt über weite Strecken auch, die Musik erklingt sehr differenziert, das Farbspektrum des Orchesters wird ausgereizt, die markanten wiederkehrenden Tanzrhythmen sind kraftvoll und elastisch zugleich. Die beiden Gesangssoli gestalten Olga Borodina und Ildar Abdrazakov mit opulenter Tongebung und Stilgefühl, die Mezzosopranistin klingt allerdings ein wenig monochrom. Aufnahmetechnik und Klangbild der CD sind, wie bei Sony Classical nicht anders gewohnt, präsent und räumlich gut gestaffelt, auch wenn man schon gut aufdrehen muss, um den vollen Sound genießen zu können.

Ob wohl einmal jemand ein Oratorium über den gegenwärtigen Kreml-Herren Vladimir Vladimirovitch, den viele inzwischen ja auch ganz schön Grosny finden, schreiben wird? In diesem Fall darf man auf die Weltersteinspielung unter Leitung von Valéry Gergiev gespannt sein; und für die Staatskünstlerin Anna N. dürfte auch eine schöne Solopartie abfallen…

Advertisements
This entry was posted in Konzert, Media. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s