BR-Symphonieorchester/ Esa-Pekka Salonen – 15.1.2015

Ein Saal, ein Saal, ein Königreich für einen Saal!

München braucht einen Konzertsaal! Einen richtigen, einen, wo man auch alles hört, was gespielt wird und wo sich ein Klang auch wirklich entfalten kann. Das ist jetzt nicht wirklich eine neue Erkenntnis, eher ein trostloser Dauerzustand, aber an diesem Abend machte sich die Situation wieder einmal besonders krass bemerkbar: nicht nur, dass die bedauernswerten Musikerinnen und Musiker des BR-Symphonieorchesters sardinendosenartig auf dem Podium des Herkulessaals zusammengepfercht saßen, auch erwies sich die Halle akustisch mit zumindest zweien der drei Werke dieses Programms gnadenlos überfordert.

BRSO ESSEntspannt im Kreise seiner Lieben: Esa-Pekka Salonen (mitte) mit Musikern des Symphonieorchesters bei der Probe (Foto: Bayerischer Rundfunk)

Das war umso bedauerlicher, da das Konzert an sich die überlicherweise hohen Erwartungen an ein Gastspiel von Esa-Pekka Salonen beim BR-Symphonieorchester auf der ganzen Linie erfüllte. Wie nicht anders gewohnt hatte der 56jährige Finne mit der noch immer jungenhaft-unbekümmerten Ausstrahlung auch diesmal ein ambitioniertes und ungewöhnliches Programm im Gepäck: drei höchst anspruchsvolle sinfonische Werke skandinavischer Provenienz, davon zwei anerkannte Schwergewichte und eine Entdeckung. Die eröffnete den Abend durchaus verheißungsvoll: Eleven Gates heißt das knapp halbstündige Stück von Anders Hillborg. Anders WER? Genau, der dürfte den wenigsten Zuhörern vorher ein Begriff gewesen sein, obwohl der 1954 in Stockholm geborene Komponist schon für renommierte Orchester gearbeitet hat, 2006 leitete Esa-Pekka Salonen die Uraufführung des Werkes mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra. Alter Schwede! – Da ging der Abend gleich richtig in die Vollen, kein Warmspielen, kein Abtasten, da ist vom ersten Takt an Hochspannung und Konzentration in allen Instrumentengruppen angesagt. Die titelgebenden elf Tore sind elf relativ kurze, teilweise eher fragmentarische Sätze, zum Teil ineinander übergehend, zum Teil fast brutal abgesetzt, die dem Hörer surreale Klangräume erschließen sollen und mit so bizarren Titeln wie Suddenly in a room with Chattering mirrors, Confused dialogues with Woodpecker oder Toypianos on the surface of the Sea überschrieben sind. Ein nachvollziehbares „Programm“ im außermusikalischen Sinne beschreibt Hillborg trotzdem nicht, er öffnet vielmehr einen musikalischen Assoziationsraum, eine ausgetüftelte und durchaus effektvolle Klangregie, die sich metaphorisch mit Bildern wie Spiegeln, Meer und Wellen beschäftigt. Die Partitur erinnert mit ihren oszillierenden Klangflächen immer wieder an Debussy, vor allem aber an Ligeti; nicht umsonst zwei Komponisten, für die Salonen bekanntlich ein besonderes Faible besitzt. Von den Musikern erfordert das nicht nur gnadenlos präzise Intonation, sondern auch einen ganz langen Atem, da die Struktur der Musik vor allem in langbogigen, wellenförmigen Steigerungen und dem entsprechenden Abflauen besteht und damit den Orchesterklang immer wieder in jene dynamischen Extreme treibt, für die der Herkulessaal einfach nicht gemacht ist. Man hatte beinahe den Eindruck, als suche der Klang beinahe verzweifelt nach Raum, um sich in sein Farbspektrum aufzufächern.

Ähnliches galt auch für das Hauptwerk des Abends, die 5. Sinfonie in Es-Dur von Jean Sibelius. Oft hört man diese wohl monumentalste und komplexeste Sinfonie des großen Finnen nicht im Konzert, umso eindrucksvoller geriet diese mustergültige Interpretation. Um mit „the voice“ Michael Buffer zu sprechen: „Welcome Ladies and Gentlemen to the main event of the eeeeeeveniiinnngg!“. Die massive Instrumentierung und der pathetische Gestus des musikalischen Idioms verlangen nach einem Dirigat, das zugleich klar und präzise strukturiert ist, aber auch ungeniert und mit Überzeugung in den Klangfluten zu schwelgen versteht. Ein Balanceakt, den Salonen auf mitreißende Art und Weise hinbekam. So glühend, so aufregend neu und so konsequent in ihrer Dramaturgie wird man diese Fünfte wohl so bald nicht wieder hören, der vielbeschworene Nebel über den finnischen Seen, er erstrahlte in großer Farbigkeit und beindruckender Opulenz, bis hin zum äußerst ungewöhnlichen Finale, jenen sechs isoliert aufeinander folgenden Orchesterschlägen, von denen ein zeitgenössischer Kritiker sagte, hier schlage Thor persönlich sechsmal mit dem Hammer zu… Sollte dem so sein, dann möge der Donnergott bitte beim nächsten Mal das penetrant dazwischen fiepende Telefon samt Besitzer zerschmettern!

Dazwischen stand mit dem Klavierkonzert a-moll von Edvard Grieg eines der Prachtexemplare seiner Gattung; eines der solistisch dicksten Bretter, die es in der Klavierliteratur zu bohren gibt. Da wird einerseits im Stil eines echten Virtuosenkonzertes aufgetrumpft, aber auch im Zusammenspiel mit dem Orchester die Böden eingezogen und die Struktur bestimmt, vor allem aber erfordert der Solopart, insbesondere im dritten Satz, ein permanentes Umschaltspiel zwischen Bravour und Kontemplation, Rasanz und Ruhe. Eigentlich bräuchte es am Abend zwei oder gar drei Pianisten, um allen gestalterischen und manuellen Anforderungen gerecht zu werden… Laut Partitur muss es aber einer alleine richten. Bzw. in diesem Fall eine allein, Alice Sara Ott nämlich, die hier ihr Debüt mit dem BR-Symphonieorchester gab. Ein Hingucker ist sie natürlich schon, wenn sie mit geschmeidigen Bewegungen aufs Podium huscht, in einem giftgrünen Traum von Abendkleid und sich auf die Tasten stürzt. Leider bot ihr Auftritt Anlass, mal wieder über das Verhältnis zwischen marketinggerechtem Glamour und künstlerischer Substanz nachzudenken, letztere blieb nämlich durchaus überschaubar. Mit heftigem Hämmern und einem Volle-Kraft-voraus-Anschlag arbeitet sich Ott an ihrem Part ab, führt einen heroischen Kampf gegen Grieg und das Orchester, den sie schlußendlich nicht gewinnen kann. Schon deshalb nicht, weil ihr Farb- und Ausdrucksspektrum zu schmal ist und sie an keiner Stelle wirklich souverän und musikalisch befreit klingt, der Ton ist oftmals hart und hölzern, die Tongebung verwischt, in den Läufen kleben die Töne unschön aneinander statt, wie vorgesehen, zu perlen und zu funkeln. Besser, da etwas entspannter, gelang die Schumann-Zugabe, eine neue Facette des Spiels zeigte sie aber auch hier nicht. Da haben wir doch schon größere Riesen – und auch Riesinnen! – gehört.

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