Bayerische Staatsoper: “Lucia di Lammermoor” – 26.1.2015

Sie und ihre Magnum…

Die Frau ist komplett irre. Nein, nicht einfach nur komisch drauf, sie hat richtig einen an der Klatsche. Gut, das wird natürlich niemanden wundern wenn Donizettis Lucia di Lammermoor auf dem Spielplan steht, schließlich ist die Titelfigur die Ahnfrau sämtlicher romantischen Grenzgängerinnen und ihre große Wahnsinnsszene im zweiten Akt die Mutter aller Wahnsinnsszenen. Und doch hatte der Wahnsinn an diesem – enthusiastisch gefeierten – Premierenabend im Nationaltheater nicht nur Methode, er übertraf in der Drastik der musikalischen Vergegenwärtigung so ziemlich alles, was in jüngerer Vergangenheit auf dieser Bühne zu sehen war; soviel Wahnsinn wie diesmal war selten.

Dreizehn Jahre lang, bis 2003, war die elegant-praktische und kunstvoll stilisierte Vorgänger-Inszenierung von Robert Carsen im Repertoire gewesen, in ihr hatte Edita Gruberova an der Seite wechselnder Tenöre und des immer gleichen Baritons einen Triumph nach dem anderen gefeiert, eine glorreiche Erinnerung fürs Publikum und eine tonnenschwere Bürde für die nachfolgende Sängerinnen-Generation. Das konnte nur mit einem radikalen Schnitt und einer, auf ihre Weise, ebenso phänomenalen Protagonistin gelingen. Und so geschah es auch. Natürlich konnte es nur eine geben: die großartige Diana Damrau. Sie ist Lucia in dieser Neuproduktion, sie ist das Gesicht dieser Aufführung und definiert das Zentrum. Vor allem aber ist sie anders, ganz anders als vermutlich sämtliche Lucia-Interpretinnen vor ihr. Natürlich hat niemand erwartet, dass Damrau die übliche Highland-Suse im weißen Nachthemdchen geben würde, aber diese psychotisch-exaltierte, phasenweise die Grenze der Selbstverleugnung streifende Hardcore-Nummer musste man erstmal verdauen. Genauer gesagt: erstmal dahinter kommen, denn in der Auftrittsarie wirken Vortrag und Körpersprache gewöhnungsbedürftig und beinahe befremdlich, entfalten aber zunehmend ihre beklemmend starke Wirkung; spätestens dann, wenn klar wird, dass wir keine sonnambule und pittoresk leidende Existenz vor uns haben, sondern eine Besessene, eine gespaltene Persönlichkeit, getrieben von extremen Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüchen. Dadurch wirkt nicht nur Damraus Spiel so irritierend unruhig und nervös, sondern auch ihr Gesang. Nun gehörte sie ja noch nie zu den Sängerinnen, die nur ihren nächsten schönen Ton im Kopf haben und primär auf Effekte und vokale Schauturnerei gebürstet sind; vielmehr verbindet sie mit ihrem Gesang immer eine innere, psychisch-emotionale Notwendigkeit, einen konsequenten Affektausdruck. Dies treibt sie als Lucia auf die Spitze, gestaltet die Partie ganz im Sinne der Interpretation und überrascht mit einer Fülle so noch nicht gehörter Phrasierungen und Betonungen. Das mag nicht immer schulmäßig sein, kommt aber in jedem Moment aufregend und glaubhaft rüber; um die notorische und (zu)viel strapazierte Vokabel „authentisch“ zu vermeiden. Natürlich gibt Damraus Stimme auch alles her, was an vokalen Bravourakten gefragt ist, sie liefert aber zusätzlich noch deren semantisches Umfeld mit. Diese Lucia nimmt nicht einfach hin und implodiert nicht seelisch im Stillen, sie geht auf Konfrontationskurs und zahlt der verstockten Macho-Gesellschaft ihre Demütigungen zurück. Entsprechend gestaltet sie auch die Wahnsinnsszene nicht als Kontrollverlust, sondern als eine Art manischer Selbstinszenierung, die zwar ihr Leben kostet, aber auch allen, die dabei waren, einen Knacks auf Lebenszeit eingejagt hat… Das ist Oper als Grenzgang, unter den Koloraturen liegt nicht der Strand, da lauert der pure Seelenhorror.

Lucia di Lammermoor D. Damrau c) W. HöslWehe, wenn sie losgelassen… Diana Damrau als Lucia (Foto: Wilfried Hösl)

Einen kongenialen Partner bei dieser Neuentdeckung des Werkes hat sie in Kirill Petrenko am Pult, der hier als erster (!) GMD des Hauses eine Donizetti-Oper dirigiert. Da durfte man auf einiges gefasst sein. Und in der Tat, schon die düster glimmenden und geradezu elektrisch aufgeladenen Einleitungstakte zeigten, wo es hier langgeht und dass dies alles, nur kein „gewöhnliches“ Donizetti-Dirigat werden würde. In der Tat hat man die Partitur so noch nicht gehört, Petrenko nimmt die Musik blutig ernst und treibt ihr jegliche oberflächliche Banda-Schmissigkeit gründlich aus. Dazu gehört auch, dass er sämtliche üblichen Striche geöffnet hat und das Werk komplett und ungekürzt aufführt; nicht nur mit allen Cabalettenwiederholungen, auch der Dialog Lucias mit Raimondo und dessen Arioso im dritten Bild sowie sein eindrucksvolles Accompagnato direkt im Anschluß an die Wahnsinnsszene finden statt. Die Sänger treibt und puscht er voller Energie, ohne sich je mit reiner Divenbegleitung zu begnügen. Vielmehr gewinnt der Orchesterpart ein faszinierendes Eigenleben und wird zu einer Art Gedankenstimme der Protagonisten, die deren überreizte Emotionen überhöht und klanglich abbildet. Immer wieder erklingen Details, die selbst fortgeschrittene Donizetti-Connaisseure so noch nicht wahrgenommen haben, liebevoll ausgekostete Holzbläser-Soli etwa oder kurze, aber dramatisch ungemein effektvolle Tempoverschiebungen. Das Staatsorchester und der Staatsopernchor (Einstudierung: Stellario Fagone) zeigen sich – wie eigentlich immer wenn der Chef am Pult steht – in Hochform, konzentriert und präzise, die relativ wenigen Chormomente hat man selten so prägnant und atmosphärisch dicht gesungen gehört. Besondere Erwähnung verdient natürlich auch Sascha Reckert an der Glasharmonika, der Diana Damraus Koloraturen mit einem beinahe gespenstisch irrealen Sound unterlegt. Der Grundgestus des Dirigates ist eher breit, ein romantischer Mischklang von funkelnder Farbigkeit, der in den großen Ausbrüchen seine volle Dynamik erreicht. Dennoch hat man nie den Eindruck von Statik und unangemessener Schwere und die Ansicht einer namhaften Münchner Edelfeder aus der Hultschiner Straße, Petrenko habe keinen Donizetti, sondern einen verkappten Wagner dirigiert, ist blanker Unfug. Wenn überhaupt, hat Petrenko herausgearbeitet, wo Wagner in Sachen Satztechnik etwas von Donizetti gelernt hat; auch wenn der sächsische Großmeister das natürlich im Leben nicht zugegeben hätte.

Lucia di Lammermoor D. Damrau_P. Breslik c) W.HöslPavol Breslik (Edgardo) und Diana Damrau (Lucia) – Foto: Wilfried Hösl

Auch der Rest der Sängerbesetzung dieser Premierenserie ist glänzend und gestalterisch dieser differenzierten und hochemotionalen Lesart verpflichtet. So singt Publikumsliebling Pavol Breslik bei seinem Rollendebüt einen sehr berührenden und intensiv gestalteten Edgardo. Auch er muss das Publikum erstmal überzeugen, dass man die Rolle auch sehr viel lyrischer und empfindsamer anlegen kann als gemeinhin praktiziert. Breslik verfügt bekanntlich nicht über die Riesen-Röhre, um die Partie „rauszuknallen“ und das Haus zu fluten; er setzt dafür auf poetischen Ausdruck, genuine Schönheit des Timbres, Linienführung und Musikalität. An zwei oder drei Stellen, etwa in der Konfrontation mit Enrico zu Beginn des zweiten Aktes, hätte man sich vielleicht etwas mehr Schmackes gewünscht, aber was der Künstler hier aus seinem Material macht und mit welcher Emphase er den Charakter gestaltet, ist insgesamt beeindruckend, da braucht er sich hinter den Kollegen von der Strahlemann-Fraktion nicht zu verstecken. Von deutlich rustikalerer Machart ist der Enrico von Dalibor Jenis, der mit seinem voluminösen und klangsatten, wenn auch zuweilen leicht wabernden, Bariton mächtig auftrumpft und den Standpunkt von Familientreue und Gehorsam entsprechend massiv vertritt; der Kontrast zwischen beiden Männerrollen hätte sinnfälliger kaum ausfallen können. Hauptnutznießer der hier gespielten Vollversion ist natürlich Raimondo, dessen Part sich gegenüber der üblichen Strichfassung beinahe verdoppelt hat; kein Wunder also, dass man sich mit Georg Zeppenfeld einen erstrangigen Bassisten geleistet hat. Dieser begnadete Singdarsteller gibt natürlich nicht den bräsigen netten Onkel von Nebenan, sondern zeichnet das Rollenporträt eines ölig-verschlagenen Intriganten, der jede Schweinerei sanktioniert, sich ständig auf den lieben Gott rausredet und im Katastrophenfall genüßlich anderen die Schuld zuweist. Auch stimmlich läßt dieser kultivierte, kernig-markant strömende Bass schwärmen, das ist einfach großer Operngesang! In der sehr undankbaren Partie des ungeliebten und alsbald umgebrachten Zwangs-Ehemannes Arturo weckt der anämische Vortrag von Emanuele d’Aguanno gewisse Erinnerungen an seinen notorischen Rollenvorgänger in der früheren Inszenierung, während Dean Power (Normanno) und Rachael Wilson (Alisa) ihre Stichwortgeberrollen sehr präsent ausfüllen.

Lucia di Lammermoor D. Damrau_P. Breslik_D. Jenis_ E. D'Aguanno c) W. HöslHer das Ding! – Edgardo (P.Breslik) ent-ringt Lucia (D.Damrau) unter den Augen von Enrico (D.Jenis) und Arturo (E.d’Aguanno) – Foto: Wilfried Hösl

Man kann sich ausmalen, was für ein unglaublicher Opern-Thriller diese Premiere hätte werden können, wenn auch noch Regie stattgefunden hätte! Klarer Fall von „Satz mit X…“, wieder einmal hatte man eine der inzwischen gefürchteten „Entdeckungen“ aus der osteuropäischen Sprechtheater-Szene verpflichtet. Das ist schon mehrfach schiefgegangen und es ging wieder schief, dem aus drei polnischen Nachwuchskünstlerinnen bestehenden Regieteam fehlt es nicht nur an Handwerk, sondern vor allem an einem tragfähigen Konzept. Das Bühnenbild von Barbara Hanicka stellt einen verfallenen Ballsaal oder ähnliches dar, in den Ecken liegt der Schutt, die Türen und Fenster sind kaputt, irgendwo im Raum liegen ein zerstörter Konzertflügel und ein paar angekokelte Büromöbel herum, den ominösen Brunnen gibt es nur auf einem gerahmten Schwarz-Weiß-Foto, das Lucia zielsicher aus dem Müll fischt… An diesem Un-Ort inszeniert Barbara Wysocka das Geschehen als Mischung aus ödem Rampentheater und gelegentlichen Mätzchen, irgendeine durchgehende Deutungsidee ist nicht zu erkennen. Auch die von der Regisseurin im Interview zitierte angebliche Analogie zwischen der Familiengeschichte Lucias mit dem Kennedy-Clan erschöpft sich in ein paar banalen Äußerlichkeiten: da gibt es einen cremefarbenen Chevy, mit dem James Dean alias Edgardo di Ravenswood vorfährt, ein kleines Mädchen mit Pistole, eine Menge dunkler Anzüge und Cocktailkleider (Kostüme: Julia Kornacka), ein paar Ampullen Theaterblut, ein paar verwackelte Videobilder und diverse Knarren, mit denen abendfüllend herumgefuchtelt wird, um den szenischen Leerlauf irgendwie zu verschleiern, so nach dem Motto „Ich und meine Magnum“… Einen irgendwie gearteten Mehrwert bringt das alles nicht. Wenigstens ist diese Produktion praktisch; das kriegt in Zukunft jeder einigermaßen routinierte Einspringer oder Gastsänger mit fünf Minuten Einweisung hin. Als Theaterereignis ist das natürlich viel zu dürftig, hier wurde die grandiose Chance auf eine echte Modellaufführung und Neuentdeckung des Werkes leider fulminant vergeben.

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