Bayerisches Staatsorchester/ Omer Meir Wellber – 2.2.2015

Dieser Tag war ein rabenschwarzer Tag für die Musikstadt München – Nein, natürlich nicht aufgrund dieses Konzertes, sondern wegen der an diesem Montag getroffenen Entscheidung, dass es keinen neuen Konzertsaal geben wird. Wie üblich hat Ministerpräsident Seehofer sein Wort gebrochen und, in Komplizenschaft mit dem im Ungeist verbundenen Oberbürgermeister Dieter Reiter, eine ganz große Koalition der Lügner und Kulturbanausen errichtet, um die schwachsinnigste aller „Lösungen“ zu realisieren: einen neuen Konzertsaal „von Weltrang“ innerhalb der Mauern der KVA am Gasteig. Ein Unterfangen, welches, selbst wenn es in statischer, baulicher und akustischer Hinsicht möglich wäre, kein einziges Problem lösen, dafür aber viele neue schaffen würde. Eine Entscheidung, die an Borniertheit, Hirnrissigkeit und Unverständnis kaum zu überbieten ist und die Stadt München in der gesamten Musikwelt zum Gespött macht. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, auf geht’s Künstler und Musikfreunde, weg mit der Krawatte und rein in den Kampfanzug, lasst uns den Herren mal einheizen! Schließlich lehrt die Erfahrung, dass Politiker bei entsprechender Gegenwehr ohnehin umfallen…

Solche existenziellen Probleme kennen die Damen und Herren des Staatsorchesters natürlich nur vom Hörensagen, als Orchester der Bayerischen Staatsoper leben sie auf einer Insel der Seligkeit und verfügen über einen prunkvollen und akustisch wie atmosphärisch wunderbaren Saal, den sie sechsmal im Jahr ganz für sich haben, wenn sie das Dunkel des Grabens verlassen und sich im hellen Rampenlicht der Bühne als Konzertorchester präsentieren. Dass die Musiker sich in diesen Akademiekonzerten besonders motiviert und spielfreudig zeigen, ist nicht neu und da machte auch dieser äußerst unterhaltsame Abend keine Ausnahme. Das gilt meistens auch für die Dirigenten; wer eine Einladung zum Akademiekonzert erhält, darf sich zumeist bereits oder in Kürze zu den besonderen Freunden des Hauses zählen. Jetzt hatte man, zweieinhalb Jahre nach seinem großartigen Hausdebüt mit La Traviata, Omer Meir Wellber ans Pult gebeten und der junge israelische Maestro erfüllte die von ihm selbst geweckten Erwartungen auf der ganzen Linie und animierte das Staatsorchester zu einem durchgehend farbenreichem, spritzigen und eleganten Klangbild. Elegant und geschmeidig ist auch Wellbers Auftreten, er leitet die Seinigen mit exzessiven Bewegungen, Hüftschwüngen und Halbsalti, da weiß offenbar einer gar nicht mehr, wohin mit aller Energie; in der Pause schlug ein Besucher gar halb spaßhaft vor, man solle ihm nächstens statt des engen Pultes einen Catwalk einrichten…

O.M.Wellber Foto: Wilfried Hösl

Mitgebracht hatte Wellber eine Neuheit und zwei weitere relativ selten gespielte Werke, die auf ihre Weise vom Rhythmus als treibender Kraft bestimmt werden. Im Falle des Schlagzeugkonzertes mit dem Titel Focs di artifici des erst 38jährigen katalanischen Komponisten Ferran Cruixent versteht sich das praktisch von selbst und ein Feuerwerk, nichts anderes bedeutet der Titel nämlich, war es auch, was Peter Sadlo inmitten seiner riesigen Batterie an Trommeln, Stäben, Gongs etc. abfeuerte. Da bebte die hehre Halle durchaus unter der Wucht dieser alles andere als gewohnten Klänge, das ging direkt in den Blutkreislauf, zumal das Orchester mit seinen famosen Solisten kongenial sekundierte, da konnte vermutlich niemand die Füße stillhalten. Nun ist das Konzert für Schlagzeug und Orchester ja eine verhältnismäßig neue Gattung, deren führende Komponisten alle noch leben… Was zweifellos ganz entscheidend damit zu tun hat, dass in den letzten zehn Jahren eben auch die entsprechenden Virtuosen wie etwa Sadlo oder Martin Grubinger auf den Plan getreten sind. In jedem Fall eine moderne und stimmungsvolle Klangfarbe, die das klassische Spektrum absolut bereichert. Das zunächst etwas irritierte, dann aber umso begeisterte Publikum sah das offenbar ähnlich und Sadlo ließ es sich nicht nehmen, mit dem Solostück Crossover von Wolfgang Reifeneder als Zugabe noch einen draufzulegen – und zwar nur auf der kleinen Trommel. Welche Fülle an Klängen, Stimmungen und Charakteren er diesem einen unterschätzten Instrument entlockt, mochte man kaum glauben.

Etwas konventioneller, aber ebenso schwungvoll, eröffnet wurde der Abend mit Manuel de Fallas Ballettsuite El sombrero de tres picos. Klingt doch viel schöner als der lapidare deutsche Titel Der Dreispitz, und an überschäumender südländischer Spiellaune fehlte es nicht, Wellber ließ die Folge hitziger Rhythmen und Effekte in rasantem Tempo ablaufen, ohne die Kontrolle zu riskieren.

Mit dem Hauptwerk nach der Pause, Schostakowitschs 6. Sinfonie in h-moll, begab sich der Dirigent auf ein durchaus heikles Terrain, schließlich ist nicht nur das Werk an sich trotz der relativ kurzen Spieldauer äußerst anspruchsvoll, auch ist das Publikum in München in Sachen Schostakowitsch durch die beiden großen Symphonieorchester verwöhnt. Und doch konnte Wellber mit einer sehr feingliedrigen und individuellen Interpretation überzeugen. Ein Riesenkompliment zunächst ans Staatsorchester, welches auch in diesem ja eher ungewohnten Repertoire sehr stilsicher und idiomatisch agierte, ein sehr sinnlich blühender Klang, schlank und transparent. Wenn man den gängigen musikwissenschaftlichen Analysen folgt, hat der Komponist hier sozusagen eine ironische Anmerkung zu seiner vorangegangenen 5. Sinfonie nachgelegt und deren „populäreren“ Gestus nachträglich persifliert… Das mag sein, auf jeden Fall ist die dreisätzige Anlage mit einem 15minütigen Largo zu Beginn und zwei kurzen, pointierten und bissig-ironischen Tanzsätzen höchst ungewöhnlich und daher unterschiedlich interpretierbar. Wellber sucht gar nicht erst nach einer dramaturgischen Klammer und präsentiert die drei Sätze als autonome musikalische Ansagen. Für meinen Geschmack geriet ihm dabei der einleitende Lamento-Satz bei aller Klangpracht und Intensität noch eine Nuance zu geglättet, zu abgeschliffen die Schroffheiten und Härten der Partitur. Ganz anders in den beiden burlesken Folgesätzen, hier griffen Orchester und Dirigent richtig in die Kiste und spielten die für Schostakowitsch so typische Abfolge von grotesk verzerrten Tanzrhythmen, Geschwindmärschen und ironischen Zitaten mit spürbarer Lust. Die dämonisch verfremdete Zirkusmusik, die sich im Finale drunterschiebt, erinnerte hier beinahe an Berlioz, ein ganz starker Moment.

Ein tolles, ein hochinteressantes Konzert mit einem famos begabten jungen Dirigenten; bitte unbedingt bald wiederkommen!

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