Bayerische Staatsoper: “Così fan tutte” – 16.2.2015

Ob Mozarts Così fan tutte jetzt wirklich das richtige Pappnasen-Stück zum Rosenmontag ist, darüber darf man geteilter Meinung sein… Schließlich geht es darin um ein zynisches Experiment mit existenziellen Gefühlen, um Liebe, Vertrauen, Freundschaft, Verrat und Ideale, an dessen Ende zwar die Fassade mühsam wieder zusammengeleimt, dahinter aber vermutlich nichts mehr so ist wie vorher. Jedenfalls ist das in der Oper von Mozart und seinem kongenialen Librettisten da Ponte so. In München ist davon nach wie vor wenig zu erleben, denn das Werk wird immer noch in der mittlerweile 22 (!) – in Worten: zweiundzwanzig! – Jahre alten Inszenierung von Dieter Dorn gezeigt. Diese war schon am Premierenabend im Januar 1993 eine Zumutung und daran hat sich nichts geändert, nicht einmal die unzähligen Besetzungen, die in der Zwischenzeit durchgeschleust wurden, haben ihrer Belanglosigkeit und Ödnis etwas anhaben können. Eine Produktion, die perfekt jene spießige und oberflächliche Ästhetik konserviert, die Dorn und sein Haus-und-Hof-Ausstatter Jürgen Rose seinerzeit jedem Stück, sei es Musik- oder Sprechtheater übergebraten haben; ein Kritiker hat dafür den schönen, weil treffenden, Begriff „Boutiquen-Theater“ geprägt. Im Klartext heißt das: ein Schuhkarton als Bühnenbild, weiße Wände und Bodentücher, aseptisch grell ausgeleuchtet, dazu maniriert lange Pausen in den Rezitativen, sinnfreies Herumrennen und banaler Designer-Schnickschnack wohin man schaut. Was, und ob überhaupt, das handelnde Personal in dieser Scuola degli amanti, gelernt hat, bleibt bei Dorn diffus; die beiden Damen sind konsequent als pubertär herumgibbelnde dumme Gänschen inszeniert, die Cavalieri als aufgeblasene Kindsköpfe und am Ende taumeln alle händchenhaltend von einem Bühnenportal zum anderen… Moral von der Gschicht? Gibt’s nicht. Wie auch, wenn die zentrale szenische Frage offenbar lautete: Wieviele Stühle bringe ich in der nächsten Szene auf die Bühne und wo stelle ich sie hin?

BSO CosiBild aus einer früheren Serie… (Foto: Wilfried Hösl)

Musikalisch dagegen kam in dieser aktuellen Wiederaufnahme fast durchgängig Freude auf, einziger Wermutstropfen war der szenisch wie musikalisch hölzerne Luca Tittoto als Don Alfonso, der den abgefeimten Intriganten und Strippenzieher keinen Moment glaubwürdig machen konnte. Zudem beherrscht er sein durchaus kraftvolles Material technisch nur ungenügend und steht inbesondere mit der für Mozart so wichtigen messa di voce auf Kriegsfuß; stellenweise fühlte man sich an das bekannte Bild von der Ketchupflasche erinnert: meist kam nichts, dann wieder ein unkontrollierter Schwall. Leider hat er mit haarsträubender Intonation auch das herrliche Terzett „Soave sia il vento“ vollständig ruiniert, keine Chance für die zwei ragazze.

Damit war das Tal der Tränen aber auch durchschritten, die anderen fünf Solisten machten ihre Sache ausgezeichnet und harmonierten auch als Ensemble. Das galt sogar für Gaëlle Arquez, die erst am Tag selbst als Dorabella für Angela Brower eingesprungen war. In dieser keinewegs einfachen Partie ein bemerkenswerter Stunt, den das Publikum zu Recht mit Bravo-Salven würdigte. Die auch optisch attraktive französische Mezzosopranistin, derzeit hier auch als Meg in Falstaff im Einsatz, verfügt über ein apartes herbdunkles Timbre und Stilgefühl, unter normalen Umständen vermutlich auch über noch mehr Feinheiten. Natürlich sang Arquez vom Bühnenrand und aus den Noten, während Spielleiterin Bettina Göschl die Rolle in professioneller Manier szenisch doubelte; eigentlich schade, da Arquez und Marina Rebeka als Fiordiligi sicher auch im Spiel ein fulminantes und glaubhaftes Schwesternpaar abgegeben hätten. Bei der künftigen Besetzung des momentan ja etwas verwaisten Fachs des dramatischen Mozart-Soprans dürfte Rebeka ein deutliches Wort mitzureden haben, ihr flexibel geführter Sopran besitzt alle dafür nötigen Qualitäten bis hin zu einer strahlenden und ungefährdeten Höhe. Den Glanzpunkt des Abends allerdings setze Lawrence Brownlee als Ferrando. Rossini-Tenöre die auch Mozart können, sind ja eigentlich eine Rarität, aber Brownlee ist da eine rühmliche Ausnahme, sein biegsamer Tenor besitzt den nötigen Schmelz und kann auch die ungleich längeren vokalen Bögen bewältigen. Und nicht nur das, sein Vortrag ist von feiner Eleganz, Stilgefühl und genuiner Musikalität geprägt, dazu verfügt er über szenische Präsenz und sympathische Ausstrahlung. An seiner Seite gab Gyula Orendt als Guglielmo ein durchaus vielversprechendes BSO-Debüt, eine junge, unverbrauchte Stimme von beachtlicher Schönheit. Die Despina hatte Dorn seinerzeit als sauertöpfischen Trampel und personifiziertes schlechtes Gewissen inszeniert. Das hat sich glücklicherweise im Laufe der Jahre abgeschliffen, auch wenn Tara Erraught ebenfalls eine eher bodenständige Zofe fernab von Kammerkätzchen-Klischees verkörpert. Gesanglich bewegte sie sich auf dem von ihr mittlerweile gewohnt hohen Niveau, bot vokale Geläufigkeit, gute Artikulation und nicht zuletzt auch feinen Mezzoschmelz wo angebracht.

Für eine kräftige Prise frischen Windes sorgte Jéremie Rhorer am Pult. Von der lässigen Körperhaltung und der out-of-bed-Frisur des Maestro durfte man sich nicht irritieren lassen, sein Dirigat war alles andere als verschlafen, sondern ganz im Gegenteil von großer Wachheit, Transparenz und Verve geprägt. Er animierte das Staatsorchester zu einem beinahe silbrig schimmernden, sinnlich pulsierenden Klang und straffen, gut ineinander greifenden Tempi. Alles, was die Inszenierung uns vorenthält, realisierte das Orchester: feinen Witz, Ironie, emotionale Tiefe, poetische Innenschau und mitreißende Spielfreude. Wer wissen wollte, was es mit der Schule der Liebenden und ihren Konsequenzen auf sich hat, der musste an diesem Abend nicht hinschauen sondern zuhören.

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