Bayerische Theaterakademie: “L’arbore di Diana” – 1.3.2015

Zumindest ein paar Takte von Vicente Martin y Soler kennt jeder Opernfreund: jene von Leporello fröhlich-gönnerhaft kommentierte Melodie aus dessem Oper Una cosa rara nämlich, die Mozart in der Tafelszene des Don Giovanni zitiert. Ein Umstand, der für einen Komponisten schon so etwas wie die Höchststrafe darstellt… Dass Una cosa rara im Wien des Jahres 1768 wesentlich populärer war als der Don Giovanni will heute natürlich keiner mehr wissen und so ist der Name des Kollegen langsam aber sicher mitsamt seinem Oeuvre in der Versenkung verschwunden.

L´arbore di Diana | Bayerische Theaterakademie | GP 18.02.2015Diana läßt die Puppen tanzen… (Foto: Lioba Schöneck)

Nun hat die Bayerische Theaterakademie für ihre jährliche Opernpremiere in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik im Prinzregententheater jenen Martin y Soler wieder ausgegraben und damit einen so kaum erwarteten Coup gelandet. Natürlich kann die Musik des spanischen Wahl-Wieners nicht mit Mozart mithalten, aber in die Versenkung gehört sie absolut nicht; Martin y Soler war kein Schlechter, er hat sein Handwerk verstanden und wußte sein Publikum bestens zu unterhalten, damals schon und auch heute noch. Das Libretto zu L’arbore di Diana stammt übrigens von niemand anderem als Lorenzo da Ponte und entstand gleichzeitig (!) mit denjenigen zu Don Giovanni und Salieris Axur… Da hat der Gute wohl die eine oder andere Nachtschicht eingelegt, ohne verbergen zu können, welches der drei Projekte ihm das Wichtigste war. Inhaltlich hat sich da Ponte einmal mehr in der antiken Mythologie bedient, es geht um den Zwist zwischen dem Liebesgott Amor und der Keuschheitsgöttin Diana. Deren Abweisung geht ihm nämlich dermaßen auf einen gewissen Körperteil, dass er kurzerhand drei fesche Jünglinge, zwei Tenöre und einen Bariton, auf Dianas Insel aussetzt mit dem Vorsatz, dass die Diana und ihre Nymphen in Versuchung führen. Nach knapp zweieinhalb Stunden Oper und diversen Verwechslungen, Werbungen und hysterischen Anfällen ist der Plan dann aufgegangen, Liebe und Lust haben über Keuschheit und Kasteiung gesiegt und alle sind zufrieden. Diesen relativ simplen Plot hat Martin y Soler mit einer virtuos-spritzigen Musik unterlegt, die vielleicht nicht immer sonderlich tiefgründig ist, aber doch für Hörvergnügen und gute Laune sorgt. Aber auch die lyrischen, ruhigen Momente kommen durchaus zu ihrem Recht und Dianas Hadern zwischen göttlichem Auftrag und erwachender Liebesglut vermag schon musikalisch zu berühren.

Bessere musikalische Anwälte als Paolo Carignani und das Münchner Rundfunkorchester hätte der Komponist sich kaum wünschen können; während der Aufführung waren auch im Orchestergraben nur lächelnde und fröhliche Gesichter zu erblicken, auch nicht eben eine Selbstvverständlichkeit. Hier waren einfach alle mit Spaß an der Freud dabei und trugen so auch die jungen Sängerinnen und Sänger der Theaterakademie durch den Abend. Das Orchesterspiel war nicht nur präzise und luftig, sondern auch in jedem Moment erfüllt von Esprit, Grazie, Sinnlichkeit und einem gewissen Augenzwinkern; eine Stimmung, die sich auch auf das Publikum im nahezu ausverkauften Haus übertrug, hier wurde Oper konsequent als Wohlfühlveranstaltung zelebriert.

Was ein gutes Stichwort ist, um auf die jungen, zum Großteil noch in der Ausbildung, bzw. an deren Ende befindlichen, Sängerinnen und Sänger zu kommen. Für diese bedeutet eine solche Produktion einerseits eine große Chance, sich unter Ernstfallbedingungen vorzustellen, andererseits aber auch noch ein Heimspiel, eine gewisse Komfortzone vor einem prinzipiell wohlgesonnenem Publikum. Vielleicht ist es das größte Kompliment für die Besetzung des Abends, dass solche Überlegungen während der Vorstellung überhaupt keine Rolle spielten. Ganz im Gegenteil, es gab eine äußerst professionelle und durchgehend gut gemachte Vorstellung zu sehen, die so auch an vielen mittleren Opernhäusern stattfinden könnte.

Dass Danae Kontora als Diana das Zentrum des Abends markierte, war nicht nur der exponierten Rolle geschuldet, sondern auch und in erster Linie der großartigen Interpretation; die junge griechische Sopranistin begeistert mit technisch souveränem, hochvirtuosem Vortrag, genuiner Musikalität und einem reizvollen und individuellen Timbre und versteht es dank ihrer gewinnenden Bühnenpräsenz immer wieder, den Zuschauer zu bezaubern. Das war schon mehr als nur eine Talentprobe, vor allem die große Arie im zweiten Teil, in der die längst emotional zerrissene Göttin sich nach hartem inneren Kampf zu ihrer Liebe zu Endimione bekennt, gestaltet Kontora sehr bewegend und mit bemerkenswerter Reife. An Stimmschönheit steht ihr der schließlich-doch-noch-Lover Endimione in Gestalt von Ioannis Kalyvas kaum nach, technisch bedarf sein schlank geführter Tenor allerdings noch ein wenig Feinschliff. Einen deutlichen Kontrast dazu setzt der zweite Tenor, Ingyu Hwang als Silvio, mit eher baritonaler Klangfarbe und zupackendem Gestus. Da Hwang nach einem Probenunfall seinen Part nur aus dem hochgefahrenen Orchestergraben singen konnte, übernahm Produktionsdramaturg Esteban Muñoz den darstellerischen Part, er und die Kollegen einschließlich Maestro Carignani variierten diese vertraute Lösung noch, indem sie den Sänger mehrfach gestisch integrierten. Der dritte im Bunde der virilen Halunken im Wellness-Tempel heißt Doristo und ist, hier hat sich da Ponte fühlbar einen Spaß erlaubt, ein unter hormonellem Dauerbeschuß stehender Mini-Giovanni, der am Ende alle drei Nymphen nacheinander beglückt und immer noch nicht genug hat… Nikos Kotenidis spielt ihn mit Charme und Selbstironie und singt mit geschmeidig lyrischem Bariton. Das Trio der Nymphen, das ganz zufälligerweise schon ein wenig die drei Damen aus der Zauberflöte vorwegnimmt, wird von Victória de Sousa Real (Britomarte), Florence Losseau (Clizio) und Nadia Steinhardt (Cloe) mit vollem Einsatz und hinreißender komödiantischer Präsenz auf die Bühne gebracht. Nur einen Counter hat die Bayerische Theaterakademie gerade nicht im Sortiment, weshalb man für die zentrale Intrigantenpartie des Amor mit Richard Crowe auf eine externe Fachkraft zurückgriff. Crowe, dem hiesigen Staatsopernpublikum noch aus Zeiten des Händel-Hypes bekannt, ist, ähnlich wie die Fachkollegen Christopher Robson oder Dominique Visse, der Spezies der Charakter-Countertenöre zuzurechnen, die nicht in erster Linie durch makellos-reinen Schöngesang verzaubern, dafür aber über eine Vielzahl von Variationsmöglichkeiten und vokalen Effekten verfügen und der Wirkung willen auch mal eine Phrase kontrolliert abschmieren oder die Stimme plötzlich in die baritonale „Normalauslage“ umschalten können. Diese Kunst beherrscht Crowe hervorragend und kann im fröhlichen Wechsel gurren, trällern, nölen und parodieren, dass es eine Freude ist; zudem wirbelt er in diversen schrägen Aufmachungen durchs Geschehen und setzt zielsicher die theatralen Knalleffekte.

Von denen wimmelt auch die Inszenierung von Balázs Kovalik, der seiner bekannten Vorliebe für grelle Farbigkeit und einen gewissen Zug ins Irreale auch auf Dianas Insel treu bleibt. Eine – um mit Hofmannsthal zu sprechen – durchaus „wüste Insel“ ist das von Hermann Feuchter entworfene Szenario durchaus, indem Elemente aus der Konzertmuschel des Prinzregententheaters mit einem roten Sofa, großformatigen Kuben mit Fotokunstaufdruck und einer goldenen Palme und manch anderem komibiniert werden, das vermutlich noch aus älteren Inszenierungen wo rumgelegen hat. Sehr in sich geschlossen und wirklich originell sind dagegen die Kostüme von Sebastian Ellring, die japanischen Manga-Comics entnommen sind. Kovaliks Personenregie ist überaus lebhaft, zuweilen fast schon überdreht und von einem gewissen horror vacui getrieben, aber er hat mit seinen Schützlingen sichtlich sehr intensiv und genau gearbeitet, alle gehen in ihren Rollen auf und spielen mit großer Natürlichkeit und Selbstironie. Dazu gehört auch das von Dramaturg Esteban Muñoz konzipierte und als Jugendzeitschrift „Diana“ im Bravo-Stil gestaltete Programmheft mit Rubriken wie „Das keltische Baumhoroskop“, „Get the Amor look“ oder „Welche Nymphe paßt zu Dir?“. All das kann man vielleicht etwas albern finden, man kann aber auch sich einfach mal entspannen und seinen Spaß haben…

Ob Martin y Soler jetzt das Zeug fürs Standardrepertoire der Opernhäuser hat, muss man schauen, eine Chance hat er auf jeden Fall verdient!

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